Das Dach (4)

Ja, ich war in Tom verliebt. Obwohl ich zu jener Zeit gar nicht genau wusste, was das heißt, verliebt sein. Was wussten wir schon von Liebe? Du kannst erst jemanden lieben, sagte Tom Jahre später, wenn du selbst geliebt worden bist. Mich zog es einfach nur hin zu ihm. Ich wollte ihm nahe sein, ihn sehen, hören, riechen und fühlen. Wir lagen nebeneinander in der prallen Sonne wie Makrelen zum Trocknen. Ich richtete mich halb auf und betrachtete Tom. Weich und weiß war sein Körper. Wie ein Marshmallow, denn ich konnte es mir nicht anders vorstellen, als dass sein Fleisch süß schmecken müsste. Aus heutiger Sicht würde ich sagen, dass er damals ziemlich fett war. Damals fand ich seine Rundungen einfach nur schön. Und zwischen seinen Beinen ruhte eine weiße Made in einem rötlichen Nest. Ich konnte nicht anders, ich musste diesen Wurm anfassen. » ganz lesen

publiziert am 27.03.17 in Vera, Tom & ich ¦ 93x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Das Dach (3)

Eines Abends in unserem ersten Sommer standen wir an der Dachkante. Es hatte den ganzen Tag über sanft geregnet, ein warmer Regen, der die Luft gewaschen hatte. Und stand der Dunst über den Pfützen, oben war es glasklar. Es war einer der einfachsten Momente auf dem Haus unter dem Himmel. Ganz nah standen wir an der Brüstung und beugten uns ab und an hinüber, um in den Abgrund zu blicken. Da begann ich ganz unwillkürlich, eines meiner Lieder zu singen. Das hatte ich noch nie vor anderen Menschen getan. Ich summte mehr als dass ich sang, und Vera und Tom reagierten angemessen, indem sie mich einfach in Ruhe singen ließen. Ich wurde lauter und fand Worte bis der Song zu Ende war. Spielst du ein Instrument? fragte Vera. Ja, Sampler und Sequencer, antwortete ich. Vera sah Tom fragend an. » ganz lesen

publiziert am 24.03.17 in Vera, Tom & ich ¦ 111x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Das Dach (2)

Wir sind uns zum ersten Mal auf dem Dach des leerstehenden Wohnblocks am südlichen Stadtrand begegnet. Der wurde rund um die Uhr bewacht, aber ich kannte einen Zugang, der nicht zu kontrollieren war. In diesem Frühling war ich sehr einsam. Radelte zwei-, dreimal die Woche allein aus der Stadt zu meinem Haus – so nannte ich es. Stieg die acht Stockwerke hinauf und dann auf das Flachdach. Man konnte bis hinüber zu den Fabriken am Fluss sehen. Nachts leuchtete die Chemiefabrik wie ein Weihnachtsmarkt. Manchmal setzte ich mich auf die Brüstung und ließ die Beine über dem Abgrund baumeln. Sang meine eigenen Lieder. Ganz leise. Wenn ich dem Stiefvater Schnaps gestohlen hatte, trank ich die Flasche in Ruhe aus. Dann meist im Stehen, den Rücken an die Wand des Ausstiegs gelehnt. Dieses Mal wollte ich dort übernachten und hatte mir den Schlafsack meines Halbbruders ausgeliehen, ohne dass der davon wusste. Wieder stand ich da und schaute weit hinaus nach Westen, wo die Sonne noch ein bisschen Rot malte. » ganz lesen

publiziert am 23.03.17 in Vera, Tom & ich ¦ 101x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Das Dach (1)

Wenn ich fliegen könnte, würde ich mich von der Brüstung des Dachgeschosses abstoßen, würde aufsteigen in den klaren Nachthimmel, mich am Großen Bären orientieren, den Vollmond im Rücken, um dann steil abwärts zu segeln, hinein in die Häuserschluchten und dann im Tiefflug über das sanfte Wasser des großen Stroms. Da fände ich dann die kleine Sandbucht, die keiner kennt und die man nur vom Wasser aus erreicht. Dort würde ich mich einrichten. Vielleicht stoße ich mich aber gleich von der Kante ab, obwohl ich nicht fliegen kann. Würde dann 22 Meter hinab stürzen und auf dem Vorstandsparkplatz, der um diese Zeit verlassen liegt, aufschlagen. Es könnte die beste Lösung für alle Beteiligten sein, wenn ich mit geplatztem Schädel, zerquetschten Organen und mausetot auf dem Beton enden würde. Denn eine Aussage kann und werde ich nicht machen. Auf keinen Fall. » ganz lesen

publiziert am 13.03.17 in Vera, Tom & ich ¦ 181x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Wir im Hausboot

Manchmal war ich nicht sicher, ob ich dich überhaupt kannte. Oft warst du völlig fremd. Wie jemand, der gerade erst die Wohnung betreten hat. Mir ist damals klar geworden, dass ich fast nichts über dich weiß. Außerdem dem, was ich selbst während unserer Zeit mitbekommen habe. Das liegt natürlich daran, dass du keine Geschichtenerzählerin bist. Bis zu unsrer Reise kannte ich ein knappes Dutzend Anekdoten, die du gelegentlich erzähltest. Merkwürdig, dass weder deine besten Freunde, noch deine Geschwister je darüber berichteten, was du in diese oder jenem Alter in dieser oder jener Situation getan hast. Bei uns in der Familie ist das anders, da gibt es einen großen Schatz an Geschichten, die meist mit „Weißt du noch als…“ beginnen. Ich dagegen kennen selbst die faktischen Stationen deines Lebens nur sehr ungenau. Wenn du neben mir auf dem Sofa saßt und wir gemeinsam einen Film anschauten, betrachtete ich manchmal dein Profil aus den Augenwinkeln und dachte: Wer ist sie? » ganz lesen

publiziert am 12.02.17 in Paare ¦ 319x gelesen ¦ noch kein Kommentar

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