Oder nie (30)

Da ist eine Credite-Lyonnais-Filiale. Peter geht rein und tritt an einen freien Schalter. Der Bankbeamte fragt nach seinen Wünschen, und er schiebt den Scheck rüber. Ob er den auf ein Konto gutschreiben lassen oder Bares haben möchte. Peter verlangt Bares und muss dazu seinen Pass vorlegen. Der Mann hinter dem Tresen hakt nach: Er solle doch besser ein Konto eröffnen und nicht mit so viel Bargeld durch die Stadt laufen. Peter lehnt ab, er will die Scheine sehen. Also blättert ihm der Banker zehn nagelneue Tausender hin, acht ebenfalls fast unbenutzte Fünfhunderter und weitere tausend Franc in kleinen Scheinen. Er zählt nicht nach und bittet um ein Couvert. Dort bringt er die vierzehntausend unter. Den Rest stopft er in die Hosentasche. Bedankt sich und steht mit jeder Menge Schotter auf der Avenue George V. Dann hat er die Idee. Ruft ein Taxi herbei und lässt sich zum Kaufhaus Samaritaine kutschieren. Die Droschke ist ein betagter 404 mit einem Chauffeuer unbestimmten Alters mit dichtem Vollbart, mächtigen Augenbrauen und einer speckigen Ledermütze auf dem Kopf. Ob er das Radio einschalten könne, fragt er. Peter nickt. Und dann hört er zwei Menschen in einer ihm völlig unbekannten Sprache wild diskutieren. Danach eine ebenfalls sehr fremde Musik, irgendwie orientalisch. „Aus ihrer Heimat?“ Der Fahrer dreht sich halb um und sagt: „Heimat kaputt. Leute kaputt. Verstreut in aller Welt. Bin ich Armenier.“ Und nach einer Weile: „Wie Aznavour. Kennen Sie Aznavour?“ Natürlich kennt Peter den großen Chansonnier. „Auch Armenier.“ Dann haben sie ihr Ziel erreicht. » ganz lesen

publiziert am 29.06.15 in Oder nie ¦ 14x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (29)

Francine öffnet die Tür, lässt ihn stehen, rennt los und ruft in den Besprechungsraum, dessen Tür offen steht: „Er ist da!“ Wieder kommt ihm Olivier mit weit ausgebreiteten Armen entgegen und wieder will er ihn mit Wangenküssen begrüßen: „Mein Lieber…“ Und drängt ihn in den großen Saal mit dem ovalen Tisch, an dem sieben Herren sitzen. Ganz unterschiedliche Typen: zwei in sehr formellen Anzügen mit hochgeschnürten Hemdkragen und straffen Krawatten, drei Männer mittleren Alters in pastellfarbigen Stricklacken, ein Bursche in Tarnfleckenhosen mit weißem T-Shirt und schwarzer Lederweste darüber und Ludwig, dieses Mal ganz in Rot: bordeauxfarbige Hose, feuerrotes Hemd mit riesigem Kragen und darüber einen Pullunder am Rande von Orange. Der wedelt: „Peter, mein Peter, so gut dass du da bist.“ Der ist ein wenig überfordert und lässt sich von Olivier auf einen Stuhl am Kopfende drücken. „Das“, sagt der Modemann auf französisch, „ist unser Pierre, den ich euch vorstellen möchte. Eigentlich heißt er Peter und kommt aus Deutschland. Er ist Fotograf und vielleicht der kommende Star am Himmel der Herrenmodenfotografie. Was sagst du, Lu?“ LaBanda schaltet auf englisch um: „I admire this young guy. He showed us some of the most remarkable photographs I have seen in a while. All taken in situations with working men here in Paris.“ Olivier enthüllt nach und nach die sieben großen Fotos, die schon seit dem Gespräch der drei hier hängen und die mit weißen Tüchern bedeckt waren. Die Männer stehen auf, und dann beginnt der eine Anzugträger zu applaudieren. » ganz lesen

publiziert am 27.06.15 in Oder nie ¦ 18x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (28)

Satt, zufrieden und entspannt wandert er nachhause. Und stellt plötzlich fest, dass es schon so spät ist, dass er kaum noch pünktlich auf der Arbeit sein kann. Minh Chau ist auch schon weg. Hat ihm einen Zettel hinterlassen: „Was ist los?“ Schnell zieht er sich um: die fleckige Militärhose, das schmuddelige Amorlux und drüber den obligatorischen grünen Kittel. Hastet zum Bus und trifft gegen halb zwei am Stand von Monsieur Lebruine ein. Der winkt ihn zu sich: „Heute keine Prämie. Klar?“ Peter setzt zu einer Erklärung oder Entschuldigung an, aber sein Chef hat sich schon umgedreht und ist zurück an seinem Stammplatz gegangen. Die Kollegen grinsen, und der Deutsche, so nennen sie ihn, spürt den vielen Alkohol, den er beim Abendessen getrunken hat. Ist außerdem unkonzentriert, und gleich die zweite Fuhre kippt ihm um. Je länger die Nacht sich zieht, desto öfter geht etwas schief. Dann schiebt er einem der wichtigsten Kunden, dem Einkäufer der Mercure-Hotels, den Hubwagen schwungvoll in die Haken, dass der nach vorne fällt. Peter hilft dem Mann auf, der sich nicht verletzt hat, und entschuldigt sich. Sein Opfer nimmt die Sache gelassen, aber Lebruine kommt angerannt, klopft dem Kunden die Sachen ab und beginnt, seinen Mitarbeiter unflätig zu beschimpfen. Die Tirade endet mit einer Flut massiver, antideutscher Beleidigungen. Der Typ von den Hotels versucht zu schlichten, aber der Großhändler ist außer sich. Schließlich packt er Peter an der Knopfleiste des Kittels und schüttelt ihn. Der stößt ihn zurück. Lebruine stürzt und schlägt mit dem Hinterkopf an den Kantstein. Erhebt sich benommen, das Blut läuft ihm seitlich am weißen Hemd herunter. Die Männer, die schon länger für ihn arbeiten, kommen hinzu. Der erste macht drohende Gebärden in Peters Richtung, der Dicke mit den kurzen Armen schlägt nach ihm, alle beleidigen ihn, alle nutzen deutschenfeindliche Ausdrücke und Sätze. » ganz lesen

publiziert am 25.06.15 in Oder nie ¦ 25x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (27)

Claude ist nicht da, und mit seiner Frau, dessen Namen er immer noch nicht weiß, gibt es nichts zu reden. Er nimmt nur einen Kaffee und macht sich auf den Heimweg. Unterwegs will er im Postamt telefonieren, will versuchen Karin zu erreichen. Er rüstet sich mit einem Vorrat an Telefonmünzen aus und betritt die nächste freie Kabine. Dreht die Nummer und wartet auf das Rufzeichen. Lässt fast zwanzigmal läuten, aber niemand hebt ab. Bleibt einfach sitzen und versucht es nach einer halben Stunde noch einmal. Wieder geht keiner dran. Immer noch verwirrt und einigermaßen frustriert nimmt er die Metro nach Olympiades und wandert über die Rue de Tolbiac Richtung Zuhause. Wobei er selbst nicht „Zuhause“ denkt, sondern „zu Minh Chau“, die dann aber natürlich gar nicht da ist. Zuhause ist für Peter immer noch die Wohnung der Eltern, wo er bis zu seinem zwanzigsten Lebensjahr gewohnt hat. Fünfte Etage ohne Aufzug. Sechs verwinkelte Räume. Die Fenster auf der Straßenseite etwa auf Kopfhöhe. Wohnküche mit Platz für zehn Leute am Tisch. Ofenheizung. Das Badezimmer hat Joseph höchstpersönlich eingebaut. Vorher wurde in der Küche in der Zinkwanne gebadet. Da stand neben dem Gasherd noch ein altes Stück, der mit Kohle gefüttert wurde. Auf dem machte Mutter das Badewasser heiß in einem Topf, der ansonsten fürs Einwecken benutzt wurde. Nicht jeder bekam frisches Badewasser – die Kinder teilten sich eine Ladung. Mutter und Elfriede, die Tante, die damals bei den Blascyks wohnten, auch. Nur der Vater, der bekam ganz am Ende des Badetags seine ganz eigene Wasserfüllung und nutzte die auch aus. Er trank Bier beim Baden und rauchte seine Zigaretten. » ganz lesen

publiziert am 23.06.15 in Oder nie ¦ 28x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (26)

Er müsste mit jemanden reden. Wieder hat er spontan eine schwierige Entscheidung getroffen, und wieder trifft ihn der Zweifel sofort. Er weiß nicht einmal genau, welche Entscheidung er da jetzt getroffen hat und welche Folgen sie haben wird. Wenn er sich richtig erinnert, soll er im Auftrag der Fotoagentur Elle-Elle die neue Kollektion der Modeagentur Pommerau et Millet fotografieren. Was immer das genau heißt. Die dabei enstehenden Fotos sollen, gegen den ursprünglichen Willen von Lu LaBanda, unter seinem Namen veröffentlicht werden. Und er wird damit vermutlich sehr viel Geld verdienen, also gemessen an dem, was er bisher fürs Fotografieren bekommen hat. Peter ist sich nicht sicher, ob er damit das Projekt Examensarbeit de facto beerdigt hat. Ober damit nicht sowieso raus ist aus der Fotografie wie er sie bisher verstanden hat. Ob damit sein Plan, Künstler sein zu wollen, als Künstler zu leben ad acta gelegt ist. Er ist verwirrt, und dass ihm Ludwig noch „Ich freu mich auf dich!“ nachgerufen hat, macht seine Gefühlslage nicht stabiler. Er hat das Büro der Agentur P & M überstürzt verlassen und ist über den Pont de l’Alma auf die andere Seite der Seine gewechselt. Dann erreicht er das Champs de Mars, und plötzlich geht es los. » ganz lesen

publiziert am 21.06.15 in Oder nie ¦ 30x gelesen ¦ noch kein Kommentar

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