Oder nie (44)

Hat die ganze Nacht von Donnerstag auf Freitag im Labor verbracht. Obwohl er selbst kaum noch auf Fotosafari war vor lauter Besichtigungsfahrten, hat sich doch eine ganze Menge Material angesammelt. Gegen Morgen hat Peter zwölf groß gezogene Aufnahmen an die Wand gepinnt, steht davor und schaut sie sich in Ruhe an. Eines wird im klar: Um ausreichend viele und gute Fotos für die Examensarbeit muss er sich keine Sorgen machen, denn auch dieses Mal sind mindestens sechs, sieben Bilder dabei, die ins Konzept passen. Zum Beispiel zwei Totalen in der Teppichfabrik, drei Fotos aus der Gießerei und die letzten Aufnahmen vom Großmarkt. Er wird nicht beim Schwarzweiß bleiben, sondern auch einige Farbabzüge brauchen. Wird Lus Assistenten fragen, ob ihn jemand dabei unterstützen kann, denn mit dem Farbpositivprozess kennt er sich nicht aus. Überhaupt: Vielleicht können ihm die Leute von Elle-Elle auch dabei helfen, eine Ausstellungsmöglichkeit zu finden, denn je öfter er die sehr großen Anzüge sieht, desto deutlicher steht ihm eine Ausstellung vor Augen. Eine Präsentation der Examensarbeit im Rahmen einer Galerie, zum Beispiel. Dann geht er das Archiv seiner Paris-Fotos noch einmal durch und trägt in seiner Kladde nach, was er bisher nicht dokumentiert hat. Im Morgengrauen verlässt er das Labor. Die Stadt ist in ein milchiges Licht getaucht, der Regen der Nacht verdampft auf dem Asphalt, die wenigen Menschen, die um diese Zeit unterwegs sind, bewegen sich wie Roboter: schnell, zielgerichtet, rücksichtlos. Flaneure wie er sind in der Frühe nicht vorgesehen. » ganz lesen

publiziert am 29.07.15 in Oder nie ¦ 13x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (43)

Bittet Ya, ihn zur Porte de Clignancourt zu fahren, er wolle noch rasch auf den Flohmarkt. Der Chauffeuer setzt ihn am Eingang ab, und Peter versucht sich zu orientieren. Schaut bei Sos, dem gronländischen Trenchcoat-Händler vorbei. Aber der hat geschlossen. Verläuft sich ein paar Mal und findet dann aber doch den Laden mit dem kleinen jüdischen Pariser, dem er seinen Parka im Tausch gegen Sakko und Pullover gegeben hat. „Ha“, schreit der, weil er den großen, blonden Deutschen sofort erkennt, „der Deutsche! Guter Deutscher, schöner Deutscher, schon wieder in Paris?“ – „Immer noch“, sagt Peter. „Was kann ich für dich tun?“ sagt der Zwerg auf Deutsch, aber der gute Deutsche antwortet in bestem Französisch: „Ich möchte meine Jacke zurück, die ich dir vor ein paar Monaten verkauft habe. Die grüne Jacke mit der Flagge am Ärmel. Hast du die noch?“ Der Händler legt den Kopf schief: „Was zahlst du?“ Peter legt seinen Kopf in die andere Richtung und fragt: „Wieviel willst du?“ Über das Gesicht des kleinen Mannes ziehen Stürme des Denkens. Nach einer Weile: „Sagen wir dreihundert, weil du es bist.“ Ohne auch nur eine Sekunde zu zögern holt sein Kunde eine Rolle Banknoten aus der Hosentasche und zählt sechs Fünfiger ab. Hält sie dem Händler hin, der sofort danach greift. „Moment, erst die Jacke!“ Und der Flohmarktmann verschwindet im Dschungel seiner Schränke und Kleiderstangen. Sie tauschen Kleidung gegen Geld, und der Jude fragt: „Sonst noch was?“ Peter schüttelt den Kopf, reicht dem Mann die Hand und sagt nur: „Danke.“ » ganz lesen

publiziert am 25.07.15 in Oder nie ¦ 28x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (42)

Immer noch fassungslos steht er auf und geht ins Bad. Setzt zum Rasieren an, hat den Apparat schon in der Hand, überlegt es sich aber anders. Nimmt einen Wegwerfrasierer und kratzt nur das vom seit drei Tagen nicht behandelten Gesicht, was nicht seinem alten Schnauzbart entspricht. Stellt fest, dass seine Haare schon ziemlich nachgewachsen sind. Macht sich fertig und wartet dann unten auf der Straße auf Ya, der ihn für die nächste Besichtgung abholen wird. Dieses Mal werden sie eine Gießerei in Bobigny besuchen, in der vor allem Skulpturen in Bronze gegossen werden. Die hat Olivier entdeckt als er Löwenköpfe für das Haupttor der Villa in Beziers nachmachen lassen wollte. Der Juniorchef, Guy Rosini, gehört inzwischen zum Freundeskreis und war wohl sehr angetan von der Idee, seinen Betrieb zum Schauplatz einer Männermodenschau zu machen. Peter hat sich eine verwinkelte Werkstatt vorgestellt, in der hochkreative Experten moderne Kunst in die Realtiät bringen. Er kennt das Prinzip ja aus der Kunstakademie, wo er im Orientierungssemester auch mit Bildhauern zu tun hatte. Da gab es einen stillen, sehr viel älteren Typ, einen, von dem es hieß, er habe erst mit vierzig die Kunst für sich entdeckt, der arbeitete an einem überlebensgroßen Grabmal, das natürlich später in Bronze gegossen werden sollte. Über das halbe Jahr in der Orientierungsklasse werkelte Juri an der Plastik, die in dem Stadium noch aus Ton bestand und einen Gekreuzigten im Endstadium der Verwesung zeigte, flankiert von Engeln in pornografischen Posen. » ganz lesen

publiziert am 24.07.15 in Oder nie ¦ 138x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (41)

Da kann er nicht antworten. Aber Giselle, die er in die Rue des Rigoles begleitet, hakt auch nicht nach. Soll sie mit dem moralischen Zeigefinger wedeln, ihm ein schlechtes Gewissen machen? Natürlich ist sie klug genug zu ahnen, dass Peter genau das, was er in Paris betreibt und erlebt, für den Rest seines Lebens brauchen wird. Ganz gleich, ob er zu Karin zurückkehrt. Sie weiß, er muss das alle tun – jetzt oder nie. So plaudern sie Unverfängliches bis sie an der Haustür sind. Edith liegt mitten in der Nacht in ihrem Fenster, die feisten Arme auf einem orientalischen Kissen gelagert. „Ach, herrje, ich warte doch auf den Referend. Der wollte mir noch die Kostüme der Chorsänger zum umnähen bringen“, jammert sie. „Mitten in der Nacht?“ fragt Giselle. „Ja, ja, der ist mit dem Zug aus Lille gekommen, Ankunft dreiundzwanzig Uhr neunzehn. Und braucht natürlich auch noch seine Zeit bis er mit dem Taxi hier ist. Wie wär’s mit einem kleinen Likör zur guten Nacht? Kommt rein.“ Und dann sitzen sie in der blitzblanken Küche am Tisch, auf dem eine Plastikdecke mit Weinranken und Tomaten liegt, und trinken einen schrecklich süßen Fruchtlikör aus fingerhutgroßen Gläsern. Die Frauen reden belangloses Zeug, und Peter hört nur zu und fühlt sich plötzlich ganz zuhause. » ganz lesen

publiziert am 22.07.15 in Oder nie ¦ 145x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (40)

Peter war dann doch widerwillig mitgegangen ins Kino, weil Karin unbedingt diesen Tanzfilm sehen wollte. Im Mittelpunkt diese fürchterliche Musik mit im Falsett singenden BeeGees und ein Typ namens Travolta, der im weißen Anzug merkwürdige Bewegungen zu den ewig gleichen Rhythmen machte. Karin war ganz verrückt nach dieser Musik, und Peter war heilfroh, dass es in ganz Dortmund keine Disco gab, in der zu diesem Quatsch getanzt wurde. In Düsseldorf, da gab es das Big Apple an der Königsallee, da gingen die Disco-Freunde wohl hin, aber von seinen Kommilitonen war niemand Anhänger dieser Tanzerei. Und er hütete sich, Karin zu erzählen, dass es an seinem Studienort mehrere solcher Orte gab, an den man das Saturdaynightfever in der Realität nacherlebte. Zum Glück hielt weder Karins Begeisterung lang an, noch hatte die Disco-Welle Frankreich in größerem Ausmaß überrollt. In Paris waren vor allem die französischen Rockmusiker und Chansonsängerinen en vogue, dazu die weltweit berühmten Bands, aber eben auch ein schräger Typ wie Plastic Betrand, der eine Musikrichtung verfolgte, die man in New York begann Punk zu nennen. Peter war in Sachen populärer Musik auch im wilden Jahr 1978 eher konservativ. Seine Plattensammlung war etwa auf dem Stand von 1974 und umfasste den üblichen Querschnitt von Beatles und Stones über Cream und Led Zeppelin bis Genesis und Emerson, Lake & Palmer. Natürlich hatte er die erste Rockpalast im Sommer zuvor verfolgt. Sie waren bei Karins Kollegin Gabi eingeladen. Deren Freund hatte ihr seine abgekegte Stereoanlage geschenkt, und sie hörten den Radioton, während die Bilder über den Fernseher flimmerten. Er wäre viel lieber live dabei gewesen in der Grugahalle, aber alleine wollte er nicht, und Karin hatte Panik bei größeren Menschenansammlungen. Dass der Dash Club eine Discotheque ist, beunruhigt Peter ein bisschen, weil er fürchtet, dass am Freitag dort nur diese monotone und blöde Musik laufen und er dazu mit Makeda wird tanzen müssen. » ganz lesen

publiziert am 19.07.15 in Oder nie ¦ 196x gelesen ¦ noch kein Kommentar

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