Oder nie (Epilog 2)

Trafen sich am nächsten Morgen auf dem Parkplatz am Westfalenstadion und fuhren über die A43 bis zum Kemnader See und dann quer durchs Bergische Land. Peter war noch nie zuvor mit dem Motorrad in Düsseldorf und verfuhr sich schon auf Höhe von Gerresheim. Aber dann kamen sie ans untere Rheinwerft, wo sie die Maschinen abstellten und Helme und Handschuhe in den Koffern verschlossen. Sie schlenderten durch die Altstadt, die kurz vor Mittag noch fast frei von Touristen war und beherrscht vom Lieferverkehr, und ließen sich dann im Goldenen Kessel an der Bolkerstraße zum Essen nieder. Während sie so spazierten, fiel Peter auf, dass er in seiner Zeit an der Kunstakademie kaum je mehr als die Ratinger Straße mit dem Einhorn, der Uel und dem Ratinger Hof erlebt hatte. Im Weißen Bären, in der Auberge und dem Spiegel war er alles in allem vielleicht je zweimal. Von den Hausbrauereien kannte er deshalb auch nur das Füchschen, aber auch den Uerigen. Tatsächlich kehrte er jetzt mit seinem Sohn zum ersten Mal im Schumacher ein. Sie bestellten Haxen und aßen schweigend mit großem Appetit. Sie gönnten sich jeder zwei Glas Alt, denn sie würden ja erst in drei, vier Stunden wieder auf die Motorräder steigen. Ganz hinten im Gastraum saßen sie an einem Tisch für sich, während die üblichen Mittagsgäste und die ersten Touristen sich draußen oder vorne aufhielten. Der Tag hatte trüb begonnen, aber schon auf Höhe Velbert war die Sonne durchgekommen, und es war frühlingshaft mild. » ganz lesen

publiziert am 29.08.15 in Oder nie ¦ 20x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (Epilog 1)

Über Bottrop, über Prosper thronte das sinnlose Ding auf der Halde, jämmerliche Landmarke, Symbol für einen Wandel, der nicht zustande kam. Auf der obersten Plattform standen an diesem diesigen Tag im April Peter und sein Sohn Simon. Der hatte seinem Vater vorgeschlagen, an den Osterferientagen eine Tour durchs Revier zu machen. Und so waren sie an einem Dienstag in Dortmund-Asseln, vor Peters Haus in der Holstein-Kolonie, losgefahren auf ihren Motorrädern, die Peter vor einem Jahr von seiner Abfindung angeschafft hatte. Zwei 650er-BMW, vernünftige Maschinen, wobei Simon sich für die etwas auffälligere Variante entschieden hatte. Zusammen haben sie den Motorradführerschein gemacht, und Peter war glücklich, endlich etwas gemeinsam mit seinem Ältesten unternehmen zu können. » ganz lesen

publiziert am 27.08.15 in Oder nie ¦ 26x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (53)

Peter steht im Dunkeln vor der Tür zum Labor. Er findet das Schlüsselloch, aber sein Schlüssel passt nicht. Er macht Licht mit ein paar Zündhölzern, die er gleichzeitig abbrennt. Ein brandneues Schloß ist das, nicht mehr das alte, bronzefarbene. Man hat ihn ausgesperrt. Wütend rüttelt er an der Tür und tritt dagegen. Flucht laut. Der Whiskey befeuert ihn. Überlegt, eine Scheibe einzuschlagen, um einzusteigen, aber er weiß, dass die Fenster alle durch Sensoren gesichert sind. Und das wäre das Letzte, was ihm nich fehlt, von der Polizei verhaftet zu werden als Einbrecher. Auf der Rückseite, am Zaun zum Bahngelände müsste es noch eine Tür geben. Er schleicht um das längliche, eingeschossige Gebäude. An der Ecke fällt ein wenig Licht von der Beleuchtung der Gleise aufs Gelände. Dann wieder tiefe Dunkelheit. Er macht einen Schritt, aber das ist kein Boden unter seinen Füßen. Stürzt rücklings. Eine Böschung, unten ein stinkender Graben. Sein Parka ist an einem Stacheldraht hängengeblieben, der rechte Ärmel von oben nach unten aufgerissen. Er ist mit dem rechten Unterschenkel schwer auf einen Stein geschlagen. Schwer atmend bleibt er erst einmal sitzen im Abwasser. » ganz lesen

publiziert am 25.08.15 in Oder nie ¦ 34x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (52)

An der Metrostation Alesia kommen sie wieder an die Oberfläche. Marjolein sieht noch blasser aus als bei ihrer Begegnung im Park. „Das hat mir nicht gefallen“, sagt sie, „nicht weil ich mich gegruselt habe, sondern weil ich mich frage, ob man wirklich die Überreste von Toten zur Schau stellen sollte. Was ist mit der Würde der gestorbenen Menschen?“ Peter zuckt die Achseln: „Ob die Würde hatten als sie noch lebten. Für mich sind das bloß Knochen, aus denen Bilder entstehen.“ Dann: „Leben deine Eltern noch?“ Sie gehen ein paar Schritte über den Markt, auf dem nicht viel los ist am späten Nachmittag. „Nein. Ich kenne meine Eltern gar nicht. Die sind verunglückt, da war ich gerade mal drei Monate alt. Meine Adoptiveltern sind sehr viel jünger als es meine leiblichen Eltern waren. Mutter ist ja gerade mal fünfzehn Jahr älter als ich. Manchmal kommen sie mir nicht vor wie Eltern, sondern wie ältere Freunde. Sie unterstützen mich bei allem, was ich tue. Bedingungslos.“ – „Gehst du manchmal ans Grab deiner richtigen Eltern?“ Wieder dauert es einige Schritte bis zu ihrer Antwort. „Nein. Sie sind auf Aruba begraben. Als ich zwölf oder dreizehn war, sind meine Eltern mal mit mir dorthin geflogen. Von Kuba aus. Da haben wir Ferien gemacht. Ich habe nichts empfunden als ich vor dem Grab stand. Zwei Fremde, die noch nicht mal meinen Namen trugen.“ » ganz lesen

publiziert am 23.08.15 in Oder nie ¦ 35x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (51)

Geht zu Fuß den ganzen weiten Weg nach Belleville in die Rue des Rigoles. Es ist seine Abschiedstour, und er möchte Edith noch einmal treffen. Er schellt, aber die Concierge öffnet nicht. Weiter zu Claude. Zum U Pinu ein paar Blocks weiter. Aber das Bistro hat geschlossen. Wegen einer Familienangelegenheit, wie der Zettel am Rollgiter bekanntgibt. Weiter in die Rue du Dessous des Berges. Vielleicht ist Minh Chau zuhause und schon wach. Drei Stunden ist er jetzt schon auf den Beinen, und es tut gut, den leichten Schmerz in den Füßen zu spüren, diese erste Erschöpfung, wenn man geht und geht und geht und sich zwischendurch nie hinsetzt. Er verläuft sich im Viertel. Dann steht er vor der schmalen, blauen Eisentür und tastet nach dem Schlüssel. Aber der ist nicht an der üblichen Stelle. Er nimmt ein schnelles, zweites Frühstück im Café neben dem Chez Trassoudaine, das um diese Uhrzeit noch geschlossen hat. Im Parc de Choisy setzt er sich auf eine Bank. Eine angebrochene Packung Gauloises hat er noch in der Innentasche des Parkas, Streichhölzer auch. » ganz lesen

publiziert am 18.08.15 in Oder nie ¦ 47x gelesen ¦ noch kein Kommentar

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