Abzocker auf Achse

Er ist ein Charmeur, dieser Lion Minter. Er kann die Leute einwickeln. Und dann über den Tisch ziehen. Ich sag dir: Minter ist ein Arschloch. Ein böser Mensch. Aoszial, skrupellos und bösartig. Nein, sagen dann die meisten, der ist doch nett. Und die Frauen finden, er sieht gut. Redford nennen sie ihn wegen der Ähnlichkeit. Und in seiner Jugend in seiner rheinischen Heimat hieß er nur “dä Schön”. Inzwischen ist er fasst so zerknittert wie der Schauspieler, dessen Bruder er sein könnte. Gut gealtert, meinen die Frauen. Dies schiefe Lächeln am Rande eines unverschämten Grinsens, das hat er immer noch drauf. Schlank ist er geblieben. Kleidet sich jugendlich, also so wie die jeweilige Jugend es tut. Das macht er schon seit fünfzig Jahren so. Wird dieses Jahr siebzig und ist immer noch on the road. Um die Leute auszunehmen. Angefangen hat er mit einem ziemlich angelatschten Bulli, den er aus einer Polizeiversteigerung erworben hatte. Muss Ende der Sechzigerjahre gewesen sein. Hatte mit den Hippies nichts am Hut, sondern wollte Geschäftsmann sein. Zocken war immer schon sein Ding. Seit Schulhofzeiten. Schibbeln hieß das Spiel, bei dem die Jungs aus der Hocke Groschen gegen die Wand warfen. Wessen Münze am nächsten an der Mauer liegenblieb, gewann und kassierte alle geworfenen Münzen. Lion gewann, wie er immer sagt, in achtundneunzig Prozent der Fälle. » ganz lesen

publiziert am 16.04.15 in Stadtgeschichten ¦ 49x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Kommst hier nicht rein

“Was willst du?” sagte er, und es hörte sich an wie “Wasswissu!” Sein Kopf stand etwas vor der Längsachse seines Körpers auf einem wulstigen Nacken. Von hinten sah er vermutlich aus wie eine Echse. “Und? Was?” wiederholte er. Jedenfalls interpretierte ich so das Geräusch aus seiner schmalgekniffenen Sprechöffnung. Der Typ stand festgemauert da, die Füße auf Hüftbreite auseinander, die Faust der einen in der Fläche der anderen Hand auf Bauchnabelhöhe. Es gab auch eine Nase im Gesicht, aber die hatte eine außergewöhnliche Form und Richtung. Einsfünfsechzig war er höchstens groß. Bizeps mit Eiweißpräparaten und viel Eisen aufgepumpt. Zuckte nervös mit den Muskeln rund um den den Kurzhals. “Ich muss da mal eben rein, weil ich was aus der Pförtnerloge holen soll.” Die Schmeißfliegenbrille unter der wulstigen Stirn hüpfte im Takt seines Schnaufens: “Geht nicht.” Mir war klar, dass man diesem Wesen mit Argumenten und gutem Zureden nicht würde beikommen. “Befehl vom Boss”, versuchte ich mit einer Art Blaffen. Der Security-Affe ging einen halben Schritt rückwärts. Anscheinend dachte es mit ihm. Dann: “Welcher Boss?” Er zeigte leichte Unsicherheit. Ich setzte nach: “Na, der oberste Boss, natürlich!” » ganz lesen

publiziert am 13.04.15 in Stadtgeschichten ¦ 47x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Notnagel

Sie hat die Decke mit dem Rankenmuster aufgelegt. Dazu das passende Platzdeckchen aus hellem Bast. Eine gelbe Rose in der schlanken Vase. Zwei weiße Kerzen in den silbernen Leuchtern. In dieser Woche ist das schlichte weiße Geschirr dran. Wie immer hat Almut drei Scheiben vom gesunden Brot mit der Maschine geschnitten und ins Körbchen gelegt. Zwei davon wird sie essen. Mit Messer und Gabel. Gerade hat sie sich hingesetzt und einen Schluck vom Hagebuttentee genommen. Sie hat sich Kräuterquark zurechtgemacht und Radieschen. Das Radio spielteStreichquartette von Brahms, und sie ist ganz allein. Ja, sagte sie den wenigen Bekannten und Verwandten auf Nachfrage, ich bin gern allein. Muss ich auf niemanden Rücksicht nehmen, kann machen, was ich will. Meistens geht es ihr auch gut, da istsie nicht einsam, nur allein. » ganz lesen

publiziert am 12.04.15 in Stadtgeschichten ¦ 45x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Freier Fall

Jetzt und hier im Jenseits kann ich sagen, ich habe den Flug genossen. Allein der Absprung war ein Moment größter Freiheit. Stolz war ich auf mich, fühlte mich als Sieger, hatte meine Höhenangst endgültig überwunden. Außerdem war der Sturz an sich die Belohnung für die viele Arbeit und Mühe, die mich erst ganz oben auf die Spitze des Brückenpfeilers gebracht hatten. Denn einfach war es nicht, die verschiedenen Sicherheitseinrichtungen zu überwinden. Konnte nur gelingen nach sorgfältiger Planung und langfristiger Vorbereitung. Den Gesellenbrief als Maler und Lackierer zu fälschen sowie diverse Arbeitsbescheinigungen und Zeugnisse ehemaliger Arbeitgeber, war da noch die leichteste Aufgabe. Und dann musste ich warten. Genau drei Jahre, sieben Monate und elf Tage. So lange dauerte es, bis die zuständige Firma wieder jemanden für die Renovierung der Pylonen suchte. Ich bewarb mich online, hatte am nächsten Tag das Vorstellungsgespräch und erhielt am Montag drauf die gute Nachricht: ich könne zum 1. September anfangen. Die fünf Wochen bis zu diesem Termin wurden mir sehr lang. Sie dehnten sich ebenso wie die sieben Wochen und vier Tage bis ich zum ersten Mal am Fuß des Nordpfeilers stand, zusammen mit dem Chef, einem Kollegen und dem Lehrling, der ein Mädchen war. » ganz lesen

publiziert am 11.04.15 in Stadtgeschichten ¦ 49x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Neue Dichter

Als Hans O. in diesen Märztagen draußen in der Sonne saß, einen starkgestrickten Wollschal gegen den scharfen Wind um den Hals geschlungen, da musste er an Thomas Mann denken, an den Zauberberg. An Lungenkranke, die hoch in den Schweizer Bergen in der Frühlingssone auf Terrassen liegen, mit Decken gegen die Kälte geschützt. Man müsste öfter an Thomas Mann denken, dachte er, und dass er selbst vielleicht ein Dichter werden könnte. Denn sein Versuche in der Prosa waren samt und sonders gescheitert. Da schien es ihm erfolgversprechender, sich an der Dichtkunst zu versuchen. Und begann in der Märzensonne sich wärmend mit dem Nachdenken über die Poesie. Als Ingenieur hatte man ihm allerdings im Ingenieursstudium die Poesie gründlich ausgetrieben. Mathematik und Physik bestimmten sein Denken, Formeln, Gleichungen und Konstruktionszeichnungen. Dafür hatte ihm seine Ausbildung das nötige Rüstzeug mitgegeben, Ziele durch systematisches Arbeiten zu erreichen. » ganz lesen

publiziert am 05.04.15 in Stadtgeschichten ¦ 68x gelesen ¦ noch kein Kommentar

blättern: 1 2 3 4 ... 55 »