Oder nie (12)

Giselle hat ihm einen Zettel geschrieben, Bedienungsanleitung für die Espressokanne auf dem Gasherd. Dazu einen Gruß und den Abdruck ihres Kussmundes. Frische Croissants stehen auf dem Frühstückstisch. Über Nacht ist das Wetter umgeschlagen. Über den grauen Himmel segeln milchige Wolken im starken Wind. Das alte Fenster klappert ein bisschen, und es ist kalt in der Wohnung. Jetzt fehlt ihm sein Parka, und Peter überlegt, zum Flohmarkt zu fahren, um seine wetterfeste Jacke zurück zu kaufen. Aber dann denkt er, dass ein regendichter, halblanger Mantel wie ihn die Männer hier tragen, besser passt und er ohnehin das Kaufhaus Samaritaine besichtigen wollte. Routiniert kauft er ein Tages-Carnet und fährt Richtung Opera. Es ist ziemlich kühl, aber trocken. Er geht zu Fuß in Richtung Louvre, dann ein Stück die Rue de Rivoli entlang, um dann zum Pont Neuf abzubiegen. Er streift die Sehenswürdigkeiten nur mit kurzen Blicken, will die noch gar nicht sehen, sich nicht ablenken lassen. Heute ist Paris farblos und unfreundlich. Kaum Touristen unterwegs, stetig fließender Autoverkehr. Viele mürrische Gesichter, viele, die beim Gehen zu Boden blicken. Polizisten, die sich in Hauseingängen vor dem kalten Wind schützen. La Samaritaine ist eine Kathedrale voller Waren. Niemand, der sonst im Kaufhof oder bei Karstadt kaufen geht, würde diesen Palast ein Warenhaus nennen. An jeder Auslage eine Verkäuferin. Dazu junge Frauen in dunkelgrauen Kitteln mit weißen Schürzen und Häubchen, die den Damen die Einkaufstüten nachtragen oder Gekauftes einsammeln und zur Zentralkasse bringen. Aus dem Erdgeschoss kann man in der Mitte durch alle Etagen sehen bis zu einem gewaltigen Glasdach. » ganz lesen

publiziert am 21.05.15 in Oder nie ¦ 19x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (11)

Vorsichtshalber klopft Peter an Giselles Wohnungstür. “Komm rein”, ruft die, und als er eintritt sieht er erneut die nackte Freundin durch den Raum huschen. “Nimm dir was zu trinkenm, setz dich”, ruft sie aus dem Bad. Karin würde nie unbekleidet durch einen Raum gehen oder laufen. Natürlich sehen sie sich auch nackt, aber für seine Frau hat Nacktheit immer auch mit Sex zu tun, muss deshalb intim sein, zwischen Partner. Als Peter vor einigen Jahren vorschlug, Aktaufnahmen mit ihr zu machen, hatte sie empört abgelehnt. Erst in der Akademie kam er dann dazu, denn da gab es einen Kurs mit vier, fünf Modellen, an denen er das Fotografieren nackter Körper üben konnte. Ihm selbst wäre nur Nacktheit in der Öffentlichkeit peinlich. Und dass obwohl gerade der Vater oft und gern nackig – so nannte die Mutter das – durch die Wohnung ging und er immer von seiner Jugend erzählte, als sie alle, er betonte: alle! nackt am See gelegen hätten in den heißen Sommern. Sicher hätte er gern auch mal Urlaub gemacht, “hüllenlos” wie man damals sagte, aber das hätte seine Frau nie mitgemacht. Peter findet menschliche Körper generell schön, also Haut und Haare, Falten und Dellen, als das, was eben an einem normalen Körper zu finden ist. Deshalb hat er beim Kurs in Aktfotografie auch nie die Ästhetik hinbekommen, die der Dozent ihnen beibringen wollte. Letztlich waren auch seine Aktfotos Bilder von Menschen wie sie eben sind. » ganz lesen

publiziert am 19.05.15 in Thibaud ¦ 25x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (10)

Schnell hat sich Peter an die Fortbewegung mit der Metro gewöhnt. Mit dem kleinen, auf die Größe eines Taschenkalenders faltbaren Übersichtsplan findet er sich gut zurecht. Und am späten Nachmittag braucht er den schon nicht mehr, weil er die Struktur mit seinem fotografischen Blick gespeichert hat. Nun muss er nur noch die Namen der Endhaltestellen auswwndig lernen, damit er immer weiß, in welche Richtung er sich bewegt. Er setzt sich in einen Zug und fährt, steigt aus und steigt um. Taucht aus einer Metro-Station auf ans Tageslicht und taucht wieder hinab in den ewigen Tunnel. Manchmal setzt er sich auf eine Bank an einem Bahnsteig und schaut zu. Bleibt sitzen, während zwei, drei Bahnen kommen und gehen. Sieht die Menschen, sieht ihre Gesichter, ihre Bewegungen. Das immergleiche Licht in den Stationen: Zuverlässig leuchtet es die Dinge aus, und in den Tunneln werden die Lichter an der Wand immer kleiner. Später hat er manchmal einen Bahnsteig für sich allein in den kleineren Stationen. Er beobachtet die Signalanlagen. Spürt den Luftzug lange bevor der Zug einläuft. Dann das Zischen der Bremsen, die drei Warntöne vor der Abfahrt, die peneumatisch schließenden Sicherheitstüren. Nur die Verbindungsgängen in den sehr großen Bahnhöfen, die mit den vier, fünf Ebenen, den Treppen und Stollen, Abzweigungen und Überführungen, die sind ihm noch nicht geheuer. Nach ein paar Stunden landet er eher zufällig am Ende der Linie 4, an der Porte de Clignancourt. Und entdeckt ebenso zufällig den Marche aux Puces, den berühmtesten aller Flohmärkte der Welt. » ganz lesen

publiziert am 17.05.15 in Oder nie ¦ 34x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (9)

So ganz genau weiß Peter nicht, weshalb er jetzt auf der Aussichtsplattform eines Hochhauses steht und über Paris schwebt mit seiner Höhenangst. Als er sich in der konfusen Metro-Station verirrt hatte, wählte er einen Ausgang, der ihn direkt ins blendende Sonnenlicht führte. Orientierungslos ging er los, durchquerte eine Grünanlage samt Friedhof und stand dann vor dem himmelhohen Gebäude. Jetzt hält er einen Meter Abstand vom Geländer. Der Wind hier oben ist kalt, er ist fast allein, nur ein asiatisches Paar mittleren Alters teilt die Plattform mit ihm. Er weiß auch nicht, weshalb er überhaupt in den Aufzug gestiegen ist und warum er für zehn Franc eine Eintrittskarte gelöst hat. Ihm war auch nicht bewusst, dass es in der Stadt überhaupt ein solches Gebäude gibt, dachte, einen Überblick können man nur vom Eiffel-Turm haben, den bis zur Spitze hinaufzufahren er sich nicht traut. Die Geräusche mischen sich anders in der Höhe, wo unten auf der Straße die Geräusche des Autoverkehrs dominieren, ist die Luft hier oben von einem unbestimmten Dröhnen erfüllt, in das sich spitze Geräusche mischen, die er nicht zuordnen kann. Er sieht links den eisernen Turm und geradeaus, über die ganze Innenstadt hinweg, Montmartre. Auch den Buttes-Chaumont kann er identifizieren. Dann sieht er noch hinter dem Eiffel-Turm weitere helle Hochhäuser, die er dort nicht erwartet hat. Er tritt an eines der Münzferngläser, wirft ein Franc-Stück ein und holt das Bild näher heran. Laut Stadtplan handelt es sich um “La Defense”. » ganz lesen

publiziert am 15.05.15 in Oder nie ¦ 34x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (8)

Es müssen Spatzen sein, die ihn mit ihrem Getöse wecken. Pariser Spatzen, denkt Peter, der in Dortmund schon seit Jahren keine mehr gesehen und gehört hat. Er hat fest geschlafen, traumlos, beinahe zehn Stunden lang. Jetzt ist er ausgeruht und voll da. Edith Piaf fällt ihm ein, der Spatz von Paris, und das bisschen französischer Chansons, das er kennt. Ein Radio wäre nicht schlecht. Wird sich ein billiges Transistorgerät kaufen. Geht runter in Giselles Wohnung. Überall liegt Kleidung herum, nasse Handtücher über den Stuhllehnen. Drei, vier leere Weinflaschen auf dem Tisch. Daneben ein Zettel: “Bin auf Arbeit. Meld dich mal. Kuss – Giselle”. Peter duscht ausgiebig. Beim Zähneputzen schaut er in den Spiegel. Der Bart muss ab. Rasiert sich ausführlich, selbst die Koteletten müssen fallen. Er findet, jetzt sieht er irgendwie neutraler aus, nicht mehr so nordisch. Nimmt die Reste vom Vorabend zum Frühstück. Schafft es sogar, sich mit der Espressokanne auf dem Gasherd einen Kaffee zu brauen. Hat sich eine Liste gemacht mit Dingen, die er von Paris kennt, von Namen, von Orten, von Assoziationen. Die geht er nun durch; zweiundachtzig Positionen, unsortiert. Stößt auf das Wort “Katakomben”. Unterirdische Schädelstätte, stand in einem Reiseführer. Ob man die besichtigen kann, fragt er sich. Unterirdisches hat ihn schon immer fasziniert. Spätestens seit er mit den Eltern als kleiner Junge die Dechenhöhle im Sauerland besucht hatte. » ganz lesen

publiziert am 13.05.15 in Oder nie ¦ 47x gelesen ¦ noch kein Kommentar

blättern: 1 2 3 4 ... 57 »