Kein Wunder

Natürlich versucht Madlinn, aus eigener Kraft wieder auf die Beine zu kommen. Jeden Tag versucht sie es. Hievt die Oberschenkel mit beiden Händen über die Bettkante und setzt sich auf. Schiebt sich vorsichtig näher an den Abgrund. Versucht mit den Fußsohlen den kühlen PVC-Boden des Krankenzimmers zu berühren. Wenigstens mit den Zehenspitzen. Aber jedes Mal, wenn ihr das gelingt, knallt irgendeine Sicherung in ihrem Vegetativsystem raus. Ihr wird schwindlig. Die Farben vor ihren Augen verblassen, sie sieht das Bild in Graustufen. Dann beugt sie sich zurück bis der Rücken die Matratze des hochgelegten Bettes berührt und wartet ab. Singt dabei leise vor sich hin. Meistens dauert es dann einmal “Hotel California” oder höchstens “Stairway to heaven” bis sie wieder klar denken kann. Sie singt die klassischen Rocksongs auf die Art, mit der sie berühmt geworden ist. Eine Mischung aus Tori Amos und Barbara Dennerlein nannte sie der Kritiker der FAZ vor ein paar Jahren. Wie sie mit bloßen Füßen an der mächtigen Hammond B3 mit Bass-Pedalen sitzt, begleitet vom schweigsamen Drummer Bug und ihrem Ex-Lover Süver am E-Bass. Schleppend der Rhythmus, synkopisch, magisch die Stimme, wie in einer Eishöhle auf Spitzbergen gesungen. » ganz lesen

publiziert am 17.12.14 in Thibaud ¦ 25x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Die Letzten vor Ort

Monsignore Berenrath steht am Rand der Scheibe, die seine Welt ist. Blickt über die Kante in die Hölle. Die ist nicht heißt und schmutzig, die ist kalt und tot. Riesenhafte Maschinenwesen graben sich tiefer und tiefer. Zehn Meter jenseits des Bruchs stand das Gotteshaus, in dem gefirmt wurd, wo er lange Jahre als Messdiener wirkte und dessen Pfarrer er später wurde. Zuerst zogen die Mieter fort, die wenigsten blieben in der Gegend. Dann verließen die Familien ihre Eigenheime, um hochsubventionierte, protzige Villen im neuen Ort zu beziehen, die sich nur an der Farbe der Dachziegel und der Fassade unterschieden. Nur die Bauern blieben noch in Otzenrath: die Dykens, die Hülsendonks und die Großfamilie Schwer, auf deren jahrhundertealtem Hof vier Generationen unter einem Dach lebten. Die allein füllten seine Kirche, wenn er sonntags die Messe las. Manchmal kamen alte Otzenrather in den Gottesdienst. Später unternahmen immer mehr Fremde Ausflüge ins Geisterdorf, um sich ein bisschen zu gruseln angesichts der leerstehenden, völlig intakten Häuser. Das Fernsehen berichtete vom standhaften Pfarrer, und so besuchten immer mehr Katholiken aus dem Land das Dorf und seine Kirche. Aber irgendwann blieben auch die Touristen weg; man hatte die Zufahrtstraße von der Autobahnausfahrt weggebaggert und so gelangten die Fremden nur noch über verschlungene Feldwege nach Otzenrath. » ganz lesen

publiziert am 15.12.14 in Thibaud ¦ 28x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Wie wir tanzen

Nehmen wir Holger: Holger kann nicht tanzen. Jedenfalls vermuten wir das, denn keiner von uns Holger je tanzen sehen. Auf Partys steht Holger herum wie ein Maschinenbaustudent: in einer Ecke, die Bierflasche in der Hand. Nach einer Stunde in dieser Position hat er dann die Frauen auf der Tanzfläche abgecheckt und sich für eine entschieden. Die wird er nun den ganzen Abend über mit den Augen verfolgen in der Hoffnung, dass sie sich in ihn verliebt. Passiert nie. Weil genau die Frauen, die – wie er es ausdrückt – so schön tanzen, Typen öde finden, die nie mit ihnen abzappeln. Aber immer noch erträglicher als Kerle, die nur tanzen, um sich den Damen zu präsentieren, aber motorisch eher gering begabt sind. Olaf ist so einer. Der ist bei Feten oder im Club immer supergut drauf, strahlt vor sich hin wie eine Nebelschlussleuchte und macht ausladende Bewegungen. Auch außerhalb der Tanzfläche, und die Zahl der von ihm durch wildes Fuchteln zu Bruch gegangenen Gläser und Flaschen geht in die Tausende. » ganz lesen

publiziert am 06.12.14 in Thibaud ¦ 49x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Sorgen sind wie Säure

Zilly war es zuerst aufgefallen. “Ich mache mir Sorgen,” sagte sie eines Abends zu mir, “Albert macht einen schlechten Eindruck. Ist total schlecht drauf. Und um Jahre gealtert.” Um ehrlich zu sein: Albert war einer aus der Runde, mit dem ich nie viel zu tun hatte und der mich auch nicht sonderlich interessierte. Er gehörte zu dieser Sorte Mann, bei denen immer alles prima lief und die nur von ihren Erfolgen erzählten. Selbst wenn herumgesprochen hatte, dass be ihm wieder einmal irgendein Projekt in die Hose gegangen war. Über die Jahre betrachtet hatte er seine Betätigungsfelder gewechselt wie andere Kerle die Partnerin. Zilly, die öfter mit ihm geredet hatte, wusste zu berichten, dass er eigentlich städtischer Angesteller gewesen sei, das auch so gelernt habe und in seinen Zwanzigern wohl auch auf irgendeinem Amt Dienst geschoben habe. In den frühen Siebzigern hatte er die Brocken dann hingeschmissen und war als Hippie rund ums Mittelmeer auf Achse. Unterwegs hatte er den Drüsch kennengelernt, einen genialen Gitarristen, der mal einer der prominentesten Beat-Musiker der Stadt gewesen war, und dann Gründer der Band “Unterbach” wurde. Albert wurde Manager der Band, gründete eine Plattenfirma, hatte irgendwann zwanzig Projekte unter Vertrag, residierte in einer Villa mit Park am Fluss » ganz lesen

publiziert am 04.12.14 in Thibaud ¦ 119x gelesen ¦ 1 x kommentiert

Haut und Knochen – Teil 13

Die Räume der PR-Agentur, in der für Geld zu arbeiten der Kommunikationsberater Frank Schreiner gezwungen war, lagen zu großen Teilen brach, denn der Firma ging es nicht gut. Die Jahren, in denen mit Binsenweisheiten und dem Bestechen einiger Journalisten hohe Honorar zu verdienen waren, lagen nun schon eine Zeit zurück, und der Agenturchef, dessen vollständige Inkompetenz seinerzeit wenig aufgefallen war, saß nun auch schon seit fast drei Jahren im Knast.
Die Belegschaft, Praktikanten, Volontäre und Aushilfen mitgerechnet, war von fast fünfzig Köpfen auf zwei Hände voll Berater zusammenschnurrt, die sich als hartnäckig genug erwiesen hatten, der Reduzierung des Mitarbeiterstabs durch Mobbing von oben zu entgehen. Zu denen zählte auch Schreiner, dessen Lebensversicherung es war, dass an ihm der Kunde AMEK hing. Kein Kollege und schon gar nicht der neue Vorturner, den die neuen Inhaber eingesetzt hatten, verfügten über das Wissen und die Verbindungen zum österreichischen Möbelkonzern, die nötig wären, auch ohne ihn weiter Honorar abzocken zu können. Und was für die Investoren, eine obskure Gesellschaft aus Großbritannien, die dabei war, sich ein globales Netz aus Agenturen zusammen zu kaufen, zählte eben nur der Honorarumsatz. » ganz lesen

publiziert am 01.12.14 in Einzelteile ¦ 66x gelesen ¦ noch kein Kommentar

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