Vera, Tom und ich

Eines Abends in unserem ersten Sommer standen wir an der Dachkante. Es hatte den ganzen Tag über sanft geregnet, ein warmer Regen, der die Luft gewaschen hatte. Und stand der Dunst über den Pfützen, oben war es glasklar. Es war einer der einfachsten Momente auf dem Haus unter dem Himmel. Ganz nah standen wir an der Brüstung und beugten uns ab und an hinüber, um in den Abgrund zu blicken. Da begann ich ganz unwillkürlich, eines meiner Lieder zu singen. Das hatte ich noch nie vor anderen Menschen getan. Ich summte mehr als dass ich sang, und Vera und Tom reagierten angemessen, indem sie mich einfach in Ruhe singen ließen. Ich wurde lauter und fand Worte bis der Song zu Ende war. Spielst du ein Instrument? fragte Vera. Ja, Sampler und Sequencer, antwortete ich. Vera sah Tom fragend an. » ganz lesen

publiziert am 24.03.17 in Paare ¦ 15x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Vera, Tom und ich (2)

Wir sind uns zum ersten Mal auf dem Dach des leerstehenden Wohnblocks am südlichen Stadtrand begegnet. Der wurde rund um die Uhr bewacht, aber ich kannte einen Zugang, der nicht zu kontrollieren war. In diesem Frühling war ich sehr einsam. Radelte zwei-, dreimal die Woche allein aus der Stadt zu meinem Haus – so nannte ich es. Stieg die acht Stockwerke hinauf und dann auf das Flachdach. Man konnte bis hinüber zu den Fabriken am Fluss sehen. Nachts leuchtete die Chemiefabrik wie ein Weihnachtsmarkt. Manchmal setzte ich mich auf die Brüstung und ließ die Beine über dem Abgrund baumeln. Sang meine eigenen Lieder. Ganz leise. Wenn ich dem Stiefvater Schnaps gestohlen hatte, trank ich die Flasche in Ruhe aus. Dann meist im Stehen, den Rücken an die Wand des Ausstiegs gelehnt. Dieses Mal wollte ich dort übernachten und hatte mir den Schlafsack meines Halbbruders ausgeliehen, ohne dass der davon wusste. Wieder stand ich da und schaute weit hinaus nach Westen, wo die Sonne noch ein bisschen Rot malte. » ganz lesen

publiziert am 23.03.17 in Paare ¦ 23x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Vera, Tom und ich (1)

Wenn ich fliegen könnte, würde ich mich von der Brüstung des Dachgeschosses abstoßen, würde aufsteigen in den klaren Nachthimmel, mich am Großen Bären orientieren, den Vollmond im Rücken, um dann steil abwärts zu segeln, hinein in die Häuserschluchten und dann im Tiefflug über das sanfte Wasser des großen Stroms. Da fände ich dann die kleine Sandbucht, die keiner kennt und die man nur vom Wasser aus erreicht. Dort würde ich mich einrichten. Vielleicht stoße ich mich aber gleich von der Kante ab, obwohl ich nicht fliegen kann. Würde dann 22 Meter hinab stürzen und auf dem Vorstandsparkplatz, der um diese Zeit verlassen liegt, aufschlagen. Es könnte die beste Lösung für alle Beteiligten sein, wenn ich mit geplatztem Schädel, zerquetschten Organen und mausetot auf dem Beton enden würde. Denn eine Aussage kann und werde ich nicht machen. Auf keinen Fall. » ganz lesen

publiziert am 13.03.17 in Paare ¦ 109x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Wir im Hausboot

Manchmal war ich nicht sicher, ob ich dich überhaupt kannte. Oft warst du völlig fremd. Wie jemand, der gerade erst die Wohnung betreten hat. Mir ist damals klar geworden, dass ich fast nichts über dich weiß. Außerdem dem, was ich selbst während unserer Zeit mitbekommen habe. Das liegt natürlich daran, dass du keine Geschichtenerzählerin bist. Bis zu unsrer Reise kannte ich ein knappes Dutzend Anekdoten, die du gelegentlich erzähltest. Merkwürdig, dass weder deine besten Freunde, noch deine Geschwister je darüber berichteten, was du in diese oder jenem Alter in dieser oder jener Situation getan hast. Bei uns in der Familie ist das anders, da gibt es einen großen Schatz an Geschichten, die meist mit „Weißt du noch als…“ beginnen. Ich dagegen kennen selbst die faktischen Stationen deines Lebens nur sehr ungenau. Wenn du neben mir auf dem Sofa saßt und wir gemeinsam einen Film anschauten, betrachtete ich manchmal dein Profil aus den Augenwinkeln und dachte: Wer ist sie? » ganz lesen

publiziert am 12.02.17 in Paare ¦ 251x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Die Familie J. (Schluss)

Die Kinder sind beim gleichmäßigen Tempo eingeschlafen, und auch Jenny döst. Jens wechselt am Autobahnkreuz die Richtung, und keiner merkt es. Es sind auch noch dreihundert Kilometer. Zwischendurch wacht seine Frau auf und guckt ihn böse an. Schlaf weiter, sagt er, alles wird gut. Die Klimaanlage sorgt für angenehme Temperaturen, nur der sanfte Duft nach Kinderkotze und Durchfall beeinträchtigt das Fahrvergnügen. » ganz lesen

publiziert am 04.02.17 in Paare ¦ 267x gelesen ¦ noch kein Kommentar

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