Sisyphos ist müde

Schon vor Jahren hatte Thibaud damit kokettiert, er sei ein moderner Sisyphos und sein Glück bestünde darin, sich immer und immer wieder anzustrengen und zu engagieren für Projekte, die dann doch irgendwann den Bach runter gingen. Heinzhubert hatte ihn daraufhin auf seine küchenpsychologische Art als Mensch mit einer manisch-depressiven, also bipolaren Persönlichkeitsstörung bezeichnet. Was ihm beinahe eine Tracht Prügel eingetragen hätte.
Dieser Tage traf sich die Gruppe nach einigen Monaten wieder fast in ihrer ursprünglichen Besetzung. Der Landgasthof hatte einen neuen Wirt, und in der Küche führte Isa das Regiment, die wir noch aus dem “Perl” in bester Erinnerung hatten. Nach und nach trafen die Freunde ein, und gegen achtzehn Uhr waren wir komplett. Man bestellte, aß, trank und redete. Thibaud sah alt aus. Alt, nicht krank oder erschöpft. “Eigentlich”, sagte Zilly, “sieht er jetzt so alt aus wie er ist.” .: mehr :.

.: von iseb am 31.01.10 um 15:12 :. .: 54x gelesen :. .: noch kein Kommentar :.

Ungeliebte Bürgersöhnchen

“Sie sind das Schlimmste in dieser Gesellschaft”, rief Thibaud, und wir ahnten, was kommen würde. Tatsächlich begann er einen Tirade gegen die Heuchler, die männlichen, die mit dem Silberlöffel im Maul geborenen, die sich um ihre Zukunft nicht sorgen müssen, ist ihnen ein Erbe doch sicher. “Und da rennen sie nun sinnlos rum, tun sinnlose Dinge, machen was mit Medien, mit Kommunikation oder mit Kunst, um sich ein unbürgerliches Gefühl zu geben. Denn im Grunde werden sie von ihrem schlechten Gewissen hin und her gezerrt. Dass sie vom Säuglingsalter an frei von materiellen Sorgen leben konnte, während andere strampeln und hampeln, um ein bisschen menschenwürdiges Leben zu ergattern. Deshalb werden sie dann Sozialdemokraten, die Bürgersöhnchen. Das beruhigt, weil sie sich auf der richtigen Seite wähnen. Denn neben dem schlechten Gewissen werden diese kleinen, nichtswürdigen Schwanzträger von der Angst gesteuert, die Unterschicht könnte sich gegen sie wenden, ihnen wehtun und etwas wegnehmen. .: mehr :.

.: von iseb am 07.12.09 um 13:03 :. .: 90x gelesen :. .: noch kein Kommentar :.

Widerstand

“Und,” fragte Thibaud in die Runde, “was wollen wir jetzt tun? Wie sollen wir Widerstand leisten?” Nach den letzten Wahlen hatte man uns durch allerlei Repressalien in den Untergrund gedrängt, und wir trafen uns nicht mehr in Kneipen oder Bars oder in unseren Privatwohnungen. Olivia hatte ein verfallenes Haus am Rande des Friedhofs entdeckt, das über einen intakten Kellerraum verfügte. Dort hielten wir seit dem Monat, der die Hälfte der Legislaturperiode bezeichnete, unsere konspirativen Besprechungen ab. Auf den Kontakt per Mobiltelefon und Internet hatten wir schon vor längerem verzichtet – da hatte die Partei, die sich angeblich für Bürgerrechte einsetzt, den Vorschlägen für die flächendeckende Überwachung ergeben und den entsprechenden Gesetzen zugestimmt. Unsere Depression war nun der Wut gewichen und der Einsicht, dass wir etwas tun müssten. “Militanz kommt nicht in Frage!” warf Hanshubert ein, unser Wackelkandidat, denn als Besserverdiener hatte er deutlich von den Steuersenkungen der Regierung profitiert. .: mehr :.

.: von iseb am 28.09.09 um 12:04 :. .: 164x gelesen :. .: noch kein Kommentar :.

Katastrophen

“Es riecht nach Katastrophe”, sagte Thibaud und sah sich in der Runde um. “Als ich heute morgen gegen halb sechs halb wach da lag, hörte ich ein dumpfes Grollen. Geräusche tief fliegender Passagierjets, die Kreise über der Stadt zogen. Dann begannen die Sirenen der Feuerwehr zu schreien. Es würde ein Unglück geben, da war ich mir sicher. Schlief aber wieder ein.” Keiner von uns reagierte, vielleicht weil alle auf eine Fortsetzung warteten. Tatsächlich fuhr er fort. “Vor nicht langer Zeit war ich mir eines Nacht auch völlig sicher, dass es zu einer Katastrophe kommen würde. .: mehr :.

.: von iseb am 16.09.09 um 23:13 :. .: 230x gelesen :. .: noch kein Kommentar :.

Nacktmann IV

dickerDann mied ich den Nacktmann über Wochen. Inzwischen sah ich ihn nur noch selten in seinem Garten sitzen, denn die ersten Herbsttage waren nass und kühl. Damals steckte ich tief in einem Projekt und verließ das Haus nur noch zum Einkaufen. Eines Tages lag ein dicker Umschlag ohne Absender im Briefkasten. Später riss ich ihn auf und fand einen Brief und einen Stapel eng bedruckter Blätter. “Lieber Thibaud, nachdem du mich ja nicht mehr besuchst, möchte ich dir die Geschichte meines Lebens in schriftlicher Form überreichen. Ich habe das Gefühl, die Sache geht nicht mehr lange gut, will aber, dass die Geschehnisse der Nachwelt übermittelt werden. Dass du das tust, ist mein letzter Wunsch an dich.” Ich wurde wütend. Was dachte sich dieser eklige Exhibitionist eigentlich, mich so zu vereinnahmen? Sein Manuskript landete auf einem Stapel Papiere, und ich dachte bis zum nächsten Frühjahr nicht daran und auch nicht an den Nacktmann. .: mehr :.

.: von iseb am 26.06.09 um 11:41 :. .: 538x gelesen :. .: noch kein Kommentar :.

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