Lügengeschichten

“Es ist so ein Sache mit der Realität,” begann Thibaud an jenem Abend das Gespräch als wir alle in seinem Sommerhaus in der Nähe von Zoutelande zu Besuch waren, den ganzen Tag am Strand verbracht und im Restaurant unter den Dünen auf der Holzterrasse ungezählte Flaschen Heineken getrunken hatten. Eigentlich waren wir alle betrunken von Bier und Sonne, müde vom blendenden Licht und so weit weg vom Ärger und Stress daheim, dass wir nur noch rumalberten und dumme Witze rissen. Und nun Thibaud mit ernster Stimme. “Erinnert sich noch jemand an die Geschichte über den Besitzer der Fischbratbude am Duinweg, die ich heute vormittag erzählte?” Ich hatte eine diffuse Ahnung, dass er uns mittags nach großen Portionen gebratener Scholle und holländischer Fritten, die Familiengeschichte der Betreiber präsentiert hatte. Dabei spielte der schwachsinnige Sohn eine Rolle, der Widerstand des Großvaters gegen die Nazis und ein jüdischer Küchenhelfer, den man in seinem Versteck vergessen hatte. Es war eine gute Geschichte.

“Ich muss euch ein Geständnis machen. Die Geschichte ist erfunden. Auch wenn ich schon seit über 30 Jahren in diesem Imbiss zu essen pflege, habe ich doch nie ein Wort mehr als die Bestellung mit dem Wirt gewechselt und auch noch niemanden über seine Familie reden hören.” Zoe murrte und grummelte, er möge doch aufhören, eine gute Geschichte sei immer noch besser als die Wirklichkeit, aber Thibaud setzte seine Rede fort: “Historisch wahr ist, dass Walcheren natürlich auch von deutschen Truppen besetzt war. Wahr ist auch, dass ich den jetzigen Besitzer schon als Jungen hier gesehen und seine Entwicklung von Jahr zu Jahr beobachtet habe. Der Rest sind Bruchstücke aus Legenden und Vorurteilen – das Material für gute Geschichten. Insofern ist die Geschichte nicht frei erfunden, denn sie hängt ab von dem, was der Erzähler weiß und dem, was er nicht weiß.”

Später raunte mir Hansherbert zu, Thibaud sei nun mal ein Lügner, man könne seinen Erzählungen grundsätzlich nicht trauen, und in seinen Taten sei er zwar unberechnbar, aber ehrlich.

publiziert am 02.05.05 in Thibaud ¦ 1086x gelesen ¦ noch kein Kommentar