Geschichten aus dem Juli 2005

Aphorismen

Eine Zeitlang traktierte Thibaud uns mit selbsterdachten Sinnsprüchen. Zu den erträglichsten zählte noch dieser Aphorismus: “Das Leben ist wie eine Straße voller Schlaglöcher: kaum hat man eines ausgebessert und hofft, nun störungsfrei fahren zu können, tut sich das nächste auf.” Wir ließen ihn gewähren, auch wenn wir uns über seine neue Leidenschaft insgeheim lustig machten. Wie ich Thibaud kenne, war ihm völlig bewusst, was wir von seinen küchenphilosophischen Ausreißern hielten. Tatsächlich stellte er mich eine Tages, wir hatten gerade gemeinsam die Magritte-Ausstellung besucht und saßen jetzt im Cafe Pfeife, zur Rede. Ob ich seine Sprüche trivial fände. Nun, sagte ich, ich kann den Nährwert dieser Sätze nicht erkennen. Thibaud räusperte sich und nahm einen Schluck vom doppelten Espresso. Dann sagt er: Mir geht es nicht anders. Aber ich hoffe, dass ich mehr über die Wirkung von Aphorismen lerne, indem ich selbst welche erfinde.
Das war typisch für Thibaud. Nichts war ihm selbstverständlich. Und was er nicht verstand, das probierte er selbst aus. Sein Leben war ein einziger großer Selbstversuch.

publiziert am 24.07.05 in Thibaud ¦ 1240x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Nackt in Dünen

Vor einigen Jahren verbrachten wir alle zwei Wochen in einem Sommerhaus an der dänischen Nordseeküste. Thibaud war wenige Wochen zuvor von Edith verlassen worden und hatte, um die Nächte nicht allein im Bett verbringen zu müssen, eine Studentin eingeladen, die seit Anfang des Semsters seine Seminare besuchte und ihn offensichtlich verehrte. Gulla, so ihr Name, war zu der Zeit vielleicht einundzwanzig oder zweiundzwanzig Jahre alt, ein zierliches Mädchen mit tiefschwarzen Haaren und von unbestimmt asiatischer Herkunft. .: mehr :.

publiziert am 14.07.05 in Thibaud ¦ 3769x gelesen ¦ noch kein Kommentar