Gerechtigkeit

Thibaud hatte sich in Rage geredet. Er fuchelte mit den Händen in der Luft herum, und was er sagte, klang atemlos: “Gerechtigkeit, ihr fordert Gerechtigkeit! Dabei wisst ihr doch gar nicht, was das ist. Im Wörterbuch der Gebrüder Grimm finden sich dreizehn Bedeutungen des Wortes. Wenn ihr Gerechtigkeit fordert, dann wollt ihr in Wirklichkeit nur ausdrücken, dass ihr einen bestimmten Zustand ungerecht findet. Ungerecht fühlt ihr euch behandelt, weil ihr nicht das bekommt, von dem ihr annehmt, dass es euch zusteht. Nach Recht solltet ihr verlangen! Nach dem Einhalten der Gesetze! Denn ihr bekommt das, was ihr euch wünscht, was ihr wollt oder braucht, oft nicht, weil Andere die Gesetzte nicht einhalten. Wenn ihr für Gerechtigkeit wäret, dann müsstet ihr aufstehen und Gerechtigkeit für alle fordern. Aber ihr seid dermaßen in eurem Anspruchsdenken verhaftet, dass ihr über euren kleinen, uninteressanten egoistischen Tellerrand nicht hinaus zu blicken vermögt. Das Recht bringt Klarheit über das, was die Teilnehmer eines sozialen Systems im Rahmen der Verwirklichung ihrer eigenen Interessen tun dürfen. Das Recht beschränkt das Handeln. Denn täte es das nicht, dann würde das Mädchen die alte Frau erschlagen, weil ihr deren Armreif gefällt und sie ihn besitzen möchte. Gäbe es kein Recht, gäbe es auch keinen Handel, den jeder würde jeden betrügen. Wenn jemand euch erklärt, dass ihr auf dieses oder jenes keinen Anspruch habt, dann regt ihr euch grundsätzlich auf. Ihr seht nicht, dass die Durchsetzung euren Anspruchs die Rechte anderer Menschen verletzten würde. Ihr seid zu beschränkt, überhaupt wahrzunehmen, wie oft ihr andere Menschen schädigt, weil ihr eure Interessen über die anderen stellt. Das beginnt doch schon damit, dass ihr eure überdimensionierten Autos einfach auf der Fahrbahn abstellt und damit Hunderte anderer Autofahrer behindert, nur weil ihr mal eben was besorgen wollt. Und das endet noch lange nicht, wenn ihr fordert, man möge euch eine Rente zahlen, während eure Nachbarn hungern.”

Wir ließen ihn reden. Keiner erhob Widerspruch. Erst als Thibaud den Raum verlassen hatte, machte Heinzhubert eine abfällige Bemerkung. Die anderen schwiegen. Dann stand Zilla auf und ging. Ein junger Typ mit langen schwarzen Haaren, die er zu einem Zopf gebunden trug, war neu in unserem Kreis. Später stellte er sich als Pierre vor. Aber in diesem Moment schien er verwirrt und sprach mich an: “Wenn das so ist wie Thibaud sagt, dann ist doch Logik eine der wenigen Werkzeuge, mit denen man die Gefühle, die sich tendenziell immer gegen andere Menschen richten, im Zaum halten kann.” Ich fühlte mich nicht in der Position, Thibaud verteidigen oder interpretieren zu müssen, deshalb antwortete ich nur: “Frag ihn selbst, wenn du es wissen willst.”

publiziert am 19.10.05 in Thibaud ¦ 1117x gelesen ¦ noch kein Kommentar