Tyrannenmord

Thibaud kam spät und machte einen gehetzten Eindruck. Er schob sich auf den Platz neben mir und blieb unruhig. Auch schien er mir ein wenig derangiert, zumindest ungewöhnlich gekleidet. Unter dem üblichen Tweed-Sakko mit den Lederflicken auf den Ellenbogen trug er ein knallrotes T-Shirt mit schwarzem Aufdruck. Ich bemühte mich zu lesen, was darauf stand, aber mein Blickwinkel war ungünstig. Außerdem nestelte Thibaud ständig am Jackett. Zilly hatte ihre Präsentation schon begonnen, und das Auditorium folgte ihren Ausführungen mit großer Konzentration. Dann hatte sie den letzten Satz gesagt und ihr Manuskript zusammengerafft. Das Publikum honorierte den Vortrag durch lautes Klopfen auf den Pulten, die an den Rückenlehnen der Stühle angebracht waren. Während Zilly gerade das Podium verließ, drängelte sich Thibaud an mir vorbei und eilte zur Bühne. Er nahm den Platz hinter dem Rednerpult ein, bog das Mikrofon zurecht und sagte: “Auch wenn dies ein Kongress zum Thema ‘Gewaltloser Widerstand in den Zeiten der schwachen Repression ist’, habe ich nur einen Kommentar abzugeben.” Er trat einen Schritt beiseite und zog das Sakko aus. Auf dem roten T-Shirt stand in schwarzen Lettern der Satz: ‘Tyrannen stürzen nur durch Terror’.

Daraufhin brach Tumult aus. Einige Anwesende pfiffen und buhten, andere brüllten Thibaud Satzfetzen zu. Die ganze Sache eskalierte aber erst als in der letzten Reihe vierzehn, fünfzehn junge Leute aufsprangen. Sie trugen alle ein T-Shirt wie das von Thibaud und skandierten: “Tyrannenmord! Tyrannenmord!” Sie wurden von besonders erregten Diskutanten angegriffen, es kam zu einem Handgemenge, bei dem sich zum Beispiel Heinzhubert ein blaues Auge einhandelte. Nachdem sich die Situation ein wenig beruhigt hatte, sprach Thibaud zum Auditorium: “Keine Gewalt ist auch keine Lösung. Wenn jemand, den sein Amt mit Macht ausgestattet hat, diese Macht zum Schaden des Volkes ausnutzt, dann muss jedes Mittel recht sein, ihn zu beseitigen. Den Lügner bekämpft man nicht mit Wahrheit, den Demokratieverächter nicht durch Wahlen.” Wider Erwarten fand dieses kurze Statement den ungeteilten Beifall der Versammlung.

publiziert am 03.10.05 in Thibaud ¦ 1927x gelesen ¦ noch kein Kommentar