Kreuzzug

“Endlich,” sagte Thibaud, “bin ich vom Bier weg. Ich habe mich dem Wein zugewandt.” Er stand vor uns, die Haare milimeterkurz geschoren, in einem olivgrünen Feldhemd mit den Abzeichen der serbischen Armee. Die schwarze Baumwollhose fiel über ebenfalls schwarze Turnschuhe, die außen einen grünen Stern trugen. “Es ist eine Häutung,” fügte er hinzu. “Das sieht man,” sagte Zilly und grinste. “Nimm es ernst, meine Liebe. Nimm mich ernst. Es ist schmerzhaft. Stell dir vor, dir würde deine Haut zu eng. Jede Bewegung tut weh. Du spürst, dass dein Körper seinen Panzer abwerfen will. Das Denken wird wild. Deine Sinnesorgane schärfen sich. Du weißt genau, dass du einen Krieg führen wirst.” Er hatte einen mächtigen Tisch aus gebürstetem Edelstahl in die Küche gestellt und öffnete eine Flasche Rotwein aus dem Kosovo. Stellte schwere Pressglasgläser hin.

“Ich habe mich jetzt lange genug besänftigen lassen. Es ist meine eigene Schuld, dass ich so lange Zeit nur geredet, nicht gehandelt habe.” Er rieb sich den Schädel mit der rechten Hand, und ich sah vier tätowierte Buchstaben auf den Knöcheln. Mir schien es eine Abkürzung zu sein: AFMA. Traute mich nicht, ihn zu fragen, wofür die Zeichen standen. “Aufklärung,” fügte Thibaud hinzu, “ist nicht friedlich, weil sie sich mit dem Dumpfen, dem Faulen und dem Hinterlistigen auseinandersetzen muss, dem mit Vernunft und Debatte nicht beizukommen ist. Da hilft nur der Kampf. Es geht gegen die Hintermänner, die Gehirnwäscher, die Priester, diejenigen, die dem Volk heimlich Drogen verabreichen, um es gefügig zu machen.” Zilly sah ein wenig beunruhigt aus und nahm einen Schluck. Auch ich nippte am Glas. Der Wein hatte die Farbe von Blut, mein Gaumen nahm ein Aroma von rostigem Eisen wahr. “Wir müssen Jerusalem wieder erobern und den Tempelberg dem Erdboden gleichmachen. Wir müssen alle Symbole der monotheistischen Religionen zerstören. Die Kirchen, Moscheen und Synagogen zu Häusern machen, die den Menschen gehören, in denen sie essen und trinken, tanzen und feiern.” Beim letzten Satz war er auf die Knie gefallen, hatte das Gesicht der Küchendecke zugewandt und die Hände empor gestreckt. Thibaud hatte sich selbst erleuchtet.

publiziert am 05.02.06 in Thibaud ¦ 1067x gelesen ¦ noch kein Kommentar