Kinder machen

Zilly hatte mich gefragt, ob ich ihr ein Kind machen wolle. Irgendwie war ich heil aus der Situation herausgekommen, ohne eine Antwort geben zu müssen und ohne sie zu erzürnen. Ich fuhr spontan zu Thibaud, nicht um mit ihm die Sache zu diskutieren und seinen Rat einzuholen. Mir schien, dass einer seiner abgehobenen Monologe mich für ein paar Stunden aus diesem Dilemma befreien könnte. Ja, ich liebe Zilly sehr. Wir sind seit fast vier Jahren zusammen und es sieht so aus, als ob wir nicht nur vier weitere Jahre zusammenleben werden. Für weitreichende Pläne sind wir zu alt, unsere Niederlagen haben wir überlebt, wir wollen es uns eigentlich nur noch gut gehen lassen. Mir war immer klar, dass die Frage nach dem gemeinsamen Kind auftauchen würde.

Mit Kind und Mann und Haus und Hund zu leben, das ist Zillys Vorstellung von Es-sich-gut-gehen-lassen. Ich habe keine derart konkrete Vorstellung. Aber ich bin ja auch ein Mann und keine Frau, deren Wünsche grundsätzlich hormongetrieben sind.
Thibaud sah erschöpft aus. Wieder einmal. Er sah aus, als habe er sich tagsüber sehr geärgert, vielleicht auch mit jemandem gestritten. Seiner neuer Job als Berater tat ihm offensichtlich nicht gut. “Manchmal,” begann er während ich eine Flasche australischen Shiraz’, die er kommentarlos auf den Tisch gestellt hatte, entkorkte, “komme ich mir vor wie ein Selbstbedienungsladen. Jeder meint, kommen zu können und sich zu nehmen, was er will. Was strahle ich aus, dass die Menschen so rücksichtlos auf ihre Bedürfnisse fixiert sind, wenn ich da bin?” Ich antwortete nicht auf seine rhetorische Frage. “Du weißt, dass ich früher einmal fünfzehn Jahre lang verheiratet war und dass ich zwei mittlerweile erwachsene Kinder habe?” Das wusste ich nicht und schüttelte den Kopf.

“Damals war ich Chefredakteur eine Publikumszeitschrift. Wir hatten es unter die drei bestverkauften Titel unseres Bereichs gebracht, der Verlag hatte mir den Erfolg ordentlich bezahlt. Finanzielle Sorgen gab es nicht. Allerdings lag meine Arbeitszeit immer bei siebzig, achtzig Stunden in der Woche. Meine Frau und die Kinder fuhren ohne mich in Ferien, und ich schaffte es in vier Wochen, genau zwei Mal dahin zu fliegen und drei, vier Tage bei ihnen zu sein. Mir erschien das richtig so, auch wenn mir die Entwicklung der Kinder weitestgehend entging. Ich habe sie versorgt.” Thibaud trank sein Glas mit einem Schluck leer und füllte es sofort wieder. “Wir haben uns getrennt, da waren die Kinder zwölf und vierzehn. Ich bin ausgezogen. Unsere Ehe war schon drei oder vier Jahre früher zerbrochen. Wir haben den Schein gewahrt. Neulich habe ich mit meinem Sohn gesprochen, erst ist jetzt sechsundzwanzig. Ob er eine Erinnerung daran habe, wann die Familie begonnen hatte, zu zerfallen. Er wusste es nicht. Aber nachdem er gegangen war, fiel es mir ein. An einem Freitagabend im September, einem dieser schwülen, diesigen Tage, die es hier in der Stadt im Spätsommer manchmal gibt, kam ich völlig erschöpft nachhause. Ich hatte den ganzen Tag über in Meetings gesessen, war schon um halb sieben in die Redaktion gegangen, um überhaupt etwas erledigen zu können. Die erste Sitzung fand um neun statt, danach immer weiter im Zwei-Stunden-Takt. Ich stand in der Wohndiele. Meine Frau kam mir entgegen, küsste mich flüchtig und fragte, ob ich daran gedacht hatte, wegen dem Zweitwagen nachzufragen. Ich schüttelte den Kopf, und sie sagte nur: Dann aber bitte morgen. Ist wichtig. Mein Sohn löste sich wiederwillig vom Fernseher als ich in sein Zimmer kam. Hallo, Papa, sagte er, kann ich mich beim Eishockey anmelden? Kann Mama mir morgen die Ausrüstung kaufen? Kannst du mir schon mein Taschengeld geben? Natürlich begrüßte mich auch meine Tochter mit einer Frage: Gehen wir am Sonntag in den Zoo? Aber erst eine halbe Stunde später, ich saß mit einer Flasche Bier am Küchentisch, rastete ich aus. Meine Frau hatte sich mit einem Glas Wein dazu gesetzt, und ich erwartete die Frage, wie mein Tag gewesen sein. Statt dessen sah sie mich an, seufzte leise und sagte: Du kannst dir nicht vorstellen, was ich für einen wüsten Tag hatte. Vermutlich habe ich an diesem Tag beschlossen, mich von ihr und den Kindern zu trennen.”
Ich konnte sehen, dass ihm die Erinnerung weh tat. Thibaud holte eine weitere Flasche, und wir tranken eine Weile schweigend. “Nein,” sagte er plötzlich, “kein Mensch darf eines anderen Menschen Wunschmaschine sein. Wenn sich jemand, der dir nahe steht, etwas von dir wünscht, dann darfst du den Wunsch nicht einfach erfüllen. Du musst herausfinden, was du davon hast. Du musst den Wunsch aus deiner egoistischen Sicht betrachten. Nur wenn auch für dich irgendetwas dabei herausspringt, nur dann solltest du den Wunsch erfüllen.”

Ob ich Zilly in dieser Nacht geschwängert habe? Wir wissen es noch nicht. Aber es wäre gut, wenn es so wäre. Ich habe ein altes Traumbild wiederentdeckt. Unter einem alten Baum steht ein langer Tisch. Am Kopfende sitze ich. Und rundherum sitzen meine Kinder, meine Enkel und Urenkel, gute Freunde und Verwandte und natürlich Zilly.

publiziert am 31.03.06 in Thibaud ¦ 939x gelesen ¦ noch kein Kommentar