aus dem Dezember 2006

Lustschrei

Das hatte sich Thibaud anders vorgestellt. Er hatte sich ausgemalt, dass Tizla käme in einem schlichten, schwarzen Kleid, dass er ein wunderbares Essen und herrlichen Wein servieren würde, dass er sie verzaubern könnte und dass er dann Sex mit ihr haben würde. Tizla Tunc hieße sie, berichtete er, als wir spät in der Nacht noch zu ihm kamen, nachdem er uns angerufen und um Beistand gebeten hatte. Tizla Tunc, das könne nur ein Künstlername sein, vermutete ich, aber Thibaud schüttelte den Kopf, es sei ihr richtiger Name. Sie sei Serbin, erzählte er und schilderte sie als knabenhafte, schwarzhaarige Frau mit rauer Altstimmme. Ihr Gesicht habe etwas Asiatisches, und ihre Hüften seien ein bisschen breit, obwohl sie insgesamt schmal, ja, auch ziemlich flachbrüstig sei. Aber das spiele keine Rolle. Tizla sei noch sehr jung, kaum sechsundzwanzig Jahre, sehr selbstbewusst, und er habe sie im Seminar kennen gelernt. Sie habe seine Einladung freudig angenommen, und er habe sich sehr auf den Abend und die Nacht, das gab er zu, gefreut. Aber sie sei nicht gekommen, habe auch nicht abgesagt. .: mehr :.

.: von iseb am 23.12.06 um 16:00 :. .: 143x gelesen :. .: noch kein Kommentar :.

Fetisch

Thibaud sah müde aus, resigniert, beinahe verzweifelt. Er hatte das Haar im Nacken zu einem struppigen Zopf gebunden und sah mich aus matten Augen an: “Manchmal wünsche ich mir. ich wäre süchtig oder hätte wenigstens einen Fetisch. Dann hätte ich ein Ziel, dem ich nachjagen könnte – den nächsten Schuss, die nächste Dosis, den nächsten Kick. Ich wüsste, wofür ich all mein Geld ausgeben könnte. Wozu ich überhaupt dem Geld nachjage dadurch, dass ich mich verkaufe.” Er nahm einen Schluck von dem saueren Wein, den uns die unfreundliche Bedienung in Wassergläsern auf den schmierigen Kneipentisch gestellt hatte. “Ein Hobby würde nicht reichen, dazu fehlt mir die Stupidität. Mich zehn Jahre lang in jeder freien Minute in einer öligen Garage unter einen Oldtimer zu legen, um dann am Tag der ersten Ausfahrt glücklich zu sein, kann ich mir nicht vorstellen.” Mir kam es vor, als habe er Tränen in den Augen gehabt bei diesem Satz. “Mein Gott, ein Glaube wäre auch nicht schlecht. Etwas auf das man alles projizieren kann: Wünsche, Hoffnungen, Schuld.”

Er hob den Kopf und starrte die nikotinfleckige Decke der düsteren Kneipe an. Mir war es peinlich, dass sich Thibaud derart im Selbstmitleid wälzte. Selbst wenn seine Gefühle echt waren und der Auftritt nicht pure Schauspielerei, so war er doch erbärmlich. Ich trank aus, legte einen Geldschein auf den Tisch und verließ ihn grußlos.

.: von iseb am 18.12.06 um 11:53 :. .: 121x gelesen :. .: noch kein Kommentar :.