Veränderungen

hippiesDass Thibaud an der Spitze der Alterspyramide unserer Gruppe steht, dürfte bekannt sein. Aber mit geringem Abstand folgen drei Frauen, eine davon ist Jill. Und die war unseren Treffen über lange Zeit, sicher zwei, drei Jahre, ferngeblieben. Nun hatte Hanshubert wieder einmal zu einer Party geladen. Seine Feste waren legendär, auch weil es jedes Mal zu einem Ereignis kam, das in den Anekdotenschatz der Gruppe einging. In weiser Voraussicht hatte er die Terrasse über den Dächern des Gewerbegebiets als Hauptspielfeld eingerichtet, denn es war ein recht heißer Sommertag, und die Nacht versprach, mild zu werden. Jill hatte sich angemeldet. Bei unserer letzten Begegnung hatte sie erzählt, sie sei im Vorjahr fünfzig geworden und habe dieses Jubiläum im Kreis von lauter Kerlen in einem Club für Singles auf Fuerteventura verbracht. Es sei sehr schön für alle Beteiligten gewesen.

Vor Jahren bin ich einige Zeit sehr verliebt in Jill gewesen. Wir sind nie ein Paar geworden. Bis auf ein paar Spaziergänge und Kinobesuche sowie eine freundschaftliche Woche am Meer ist da nichts gewesen. Trotzdem meinten die meisten, wir hätten eine wilde Affäre gehabt. Mir gefiel sie. Dabei war sie immer schon dünn, mager, ja beinahe hager. Ich liebte ihr langes blondes Haar, ihre Bewegungen und vor allem ihre Stimme. In ihrer Jugend war sie mit den Hippies um die Welt gezogen, Goa, Ibiza und so weiter. Auch in später noch trug sie meist lange bunte Gewänder, aber manchmal auch Overalls. Niemand in ihrem Berufsalltag kannte diese Seite, denn als Controllerin eines mitelständischen Unternehmens trug sie strenge Frisuren und ausdruckslose Business-Kostüme.

Und nun begegnete ich ihr wieder. Da stand sie im Kreise der Frauen. Ihr Haar war grau geworden, beinahe weiß. Aber immer noch trug sie es in der Mitte gescheitelt und offen. Sie war ein wenig runder geworden, und das stand ihr gut. Immer schon war sie wildeste und ausdauerndenste Tännzerin unserer Runde gewesen. Nicht selten war sie es, die sich zu vorgerückter Stunde einen freien Platz suchte und allein tanzte, ganz gleich, welche Musik lief. „Hey,“ begrüßte sie mich, „gut siehst du aus.“ Das war sie, Jills Altstimme mit vibrierenden Obertönen, die irgendwo tief unten aus ihrem Bauch kommen musste. Ich gab ihr Kompliment zurück. Wir schwiegen eine Weile. Dann ging sie auf die improvisierte Tanzfläche. Hansherbert hatte einen DJ engagiert, der angeblich jede Art Musik auflegen würde. Tatsächlich hatte der Typ aber ein Vorliebe für minimalistischen Elektropop, und immer, wenn keine Wünsche vorlagen, legte er dieses Zeig auf. Aber selbst dazu konnte Jill wunderbar tanzen. Sie trug ein kurzes, geblümtes Sommerkleid mit Spaghettiträgern, ihre Haut war blaß wie immer. Natürlich trug sie keine Schuhe.

Ich hatte mich in eine Ecke verzogen trank meinen Wein und rauchte eine Zigarette. Jill kam herüber. „Ich weiß, was du denkst. Warum damals nicht? Warum nicht jetzt? Soll ich dir was verraten? Ich denke genau dasselbe.“ Sie lächelte und nahm mir die Kippe aus der Hand, um einen tiefen Zug zu nehmen. Mir fiel keine originelle Antwort ein, also schwieg ich. „Alles ändert sich,“ sagte sie, „und alles bleibt gleich. Das ist mein persönliche Relativitätstheorie der menschlichen Beziehungen. Du siehst mich immer noch so, wie ich vor zwanzig Jahren war. Gleichzeitig versuchst du herauszufinden, ob ich dir noch gefallen, so wie ich mich verändert habe. Aber du weißt natürlich nicht, ob ich mich verändert habe. Du siehst mich an, du hörst mir zu, und das erinnert dich an vergangene Zeiten. Du stellst fest, dass ich dir immer noch gefalle, zumindest mein Körper. Und du denkst nach, ob es nicht an der Zeit wäre, dass wir ein Paar werden.“ Sie nahm noch einen Zug und drückte die Zigarette im Blumenkübel aus. „Ich will dir die Wahrheit sagen,“ fuhr sie fort, „ich habe diese Gedanken gehabt als ich dich sah. Und meine Lösung des Problems sieht so aus. Wir verbringen diesen Abend miteinander, wir tanzen zusammen, wir trinken und lachen, wir flirten und machen dumme Sprüche. Dann gehen wir gemeinsam zu mir und schlafen miteinander. Wir können morgens auch noch zusammen frühstücken. Dann gehst du, und wir versprechen einander, dass wir drei Monate keinen Kontakt zum anderen aufnehmen. Wenn wir danach feststellen, dass wir beide nicht nur nostalgische Gefühle haben, dann werden wir ein Paar. Was hältst du davon?“
In dem Moment trat Pablo zu uns, er hatte zwei Gläser Wein dabei und reichte Jill eins davon. „Na, ihr Süßen,“ sagte er, „betreibt ihr gerade Vergangenheitsbewältigung? Ich muss trotzdem stören, denn jetzt will ich mir dir tanzen, Jill.“ Sie lachte, leerte das Glas mit einem Zug und nahm in bei der Hand. Pablo und Jill tanzten bis zum Morgengrauen, während ich allein blieb und mich systematisch betrank.

publiziert am 15.02.09 in Thibaud ¦ 1401x gelesen ¦ noch kein Kommentar