Nacktmann I

Thibaud erzählte uns die Geschichte vom Nacktmann:
„Ich wohnte damals in einem Viertel am Nordrand der Stadt. Man hatte in den Winkel zwischen zwei Autobahnen fünf, sechs Hochhäuser und einige Reihenbungalows gebaut. Meine Wohnung im elften Stock war klein, hatte aber einen Balkon, von dem aus ich das Viertel, das Autobahnkreuz und einen Teil der Stadt überblicken konnte. Eines Tages im Sommer bemerkte ich zum ersten Mal den Nacktmann in seinem Garten. Er bewohnte einen der Bungalows direkt unterhalb des Hochhauses. Ich sah ihn nackt in der Sonne mitten auf dem Rasen liegen. Damals mied ich das Viertel so gut es ging, fuhr zur Arbeit in die Stadt, erledigte dort meine Einkäufe und kehrte abends zurück oder ging in eine Altstadtkneipe. Wenige Tage nachdem ich ihn erstmals gesehen hatte, traf ich den Nacktmann draußen. Er saß auf einer Bank im Park, der an die Felder angrenzte. Ich war nur vor die Tür gegangen, um mir ein wenig die Beine zu vertreten. Ich kam auf ihn zu, er grüßte und lächelte dabei.

Am folgenden Samstag kam er mir mit zwei Einkaufstüten in den Händen entgegen. Damals war der Nacktmann nach eigenen Angaben zweiundsiebzig Jahre alt. Ich habe ihm das nicht geglaubt. Er sah viel jünger aus. Komischerweise fällt es ziemlich schwer, einen Menschen zu beschreiben, den man immer nur unbekleidet sieht. Er war nicht sehr groß, vielleicht einssiebzig, schlank, drahtig, hatte aber einen deutlichen Altherrenbauch. Sein Haar war ergraut, vermutlich war es früher mittelblond. Er war gleichmäßig leicht gebräunt. Von hinten sah man, dass er ein wenig o-beinig ging und, ich muss es so ausdrücken, einen flachen, faltigen Arsch hatte. Natürlich fällt bei einem nackten Mann dessen Geschlechtsteil ins Auge, besonders beim Nacktmann, denn der hatte einen außergewöhnlich langen und dicken Penis.

Als ich ihm nach ein, zwei Wochen wieder im Park begegnete, sprach er mich an: ‚Setzt dich. Ich bin der Erich.‘ Er reichte mir die Hand, und ich stellte mich ebenfalls vor. Wir schwiegen und lauschten dem Verkehr von der Autobahn. ‚Ich seh dich manchmal im Garten liegen. Ich wohne ganz oben im Hochhaus.‘ Er lachte leise: ‚Da habe ich nun die Hecken so hoch wachsen lassen, dass ich niemanden mit meinem Anblick belästige, und dann kommt da so ein Spanner daher…‘ Ich traute mich nicht, ihn zu fragen, warum er immer unbekleidet sei. So plauderten wir über das Viertel, die komischen Leute dort, den Autobahnlärm und wo man sonst so wohnen könnte. Als ich mich erhob, sagte er: ‚Komm mich mal besuchen. Brauchst dich nicht anzumelden. Entweder bin ich da oder nicht.‘

Erich hatte den Bungalow zu der Zeit bezogen als das Viertel gerade fertig geworden war. Er lebte damals also schon über zwanzig Jahre dort. Anscheinend hatten sich die Nachbarn an den Nacktmann gewöhnt, denn wenn er umherlief, erregte das kein besonderes Interesse oder Aufsehen. Als ich in diesen Tagen eine Nachbarin auf den Nacktmann ansprach, sagte die nur: ‚Der tut doch keinem was. Soll er doch.‘

[Fortsetzung folgt]

publiziert am 06.03.09 in Thibaud ¦ 2070x gelesen ¦ noch kein Kommentar