Nacktmann II

Ich war mir nicht sicher, ob ich den Nacktmann wirklich näher kennen lernen wollte. Aber eines Abends, ich hatte den ganzen Tag über geschrieben und hatte Kopfschmerzen, bog ich nach einem Spaziergang in die Gasse mit den Bungalows ein. An seinem Klingelschild stand kein Name. Eine ältere Frau in Kittelschürze öffnete und zeigte mir wortlos den Weg ins Wohnzimmer. ‚Hallo, schön dich zu sehen. Setz dich.‘ Erich lümmelte in einem plüschigen Ohrsensessel, auf dem Beistelltisch dampfte eine Tasse Tee. ‚Auch eine,‘ fragte er. Ich nickte. ‚Maria,‘ rief der Nacktmann, ‚bring bitte noch eine Tasse für den jungen Mann hier. Entschuldige, ich habe deinen Namen vergessen…‘ Ich räusperte mich: ‚Thibaud.‘ – ‚Hast du auch einen Vornamen?‘ – ‚Das ist der Vorname.‘ Die Frau kam herein und stellte eine Tasse für mich hin. ‚Das ist Maria,‘ sagte der Nacktmann, ‚meine Haushälterin. Wie lange bist du schon bei mir, Maria?‘ Sie antwortete nicht. ‚Maria kommt aus Portugal und redet nicht gerne.‘ Sie war wieder verschwunden. Ich saß ihm direkt gegenüber und konnte meinen Blick kaum von seinem Geschlechtsteil abwenden. Das Ding führte ein Eigenleben, zuckte manchmal, hatte sich leicht aufgerichtet als Maria hereingekommen war und schrumpfte wieder zusammen.

Mir war das peinlich, aber er lachte mich an: ‚Alle gucken hin. Macht nichts, bin ich gewöhnt. Muss dir nicht peinlich sein.‘ Er goß Tee ein und hielt mir die Zuckerdose hin. Ich schüttelte den Kopf. ‚Du bist also Schreiber. Ich weiß, warum du gekommen bist. Du willst wissen, warum ich immer nackt herumlaufe. Und dann willst du darüber schreiben.‘ Er hatte mich durchschaut, und so konnte ich nur nicken. Und dann begann er, mir seine Lebensgeschichte zu erzählen:

‚Ich bin unter lauter Frauen aufgewachsen. Mein Vater ist im Krieg gefallen. In dem Herrenhaus, das seiner Familie gehörte, wohnten außer meiner Mutter und mir noch die Großmutter väterlicherseits, zwei Schwestern meiner Mutter und drei Cousinen, von denen ich nie wusste, zu welchem Teil der Familie sie gehörten. Es hört sich jetzt an wie Küchenpsychologie, aber tatsächlich war ich der kleine Prinz im Haus. Die Frauen rissen sich darum, mich zu füttern, zu baden und mit mir zu spielen. Natürlich steckten sie mich nicht in den Kindergarten. Da war mein erster Schultag ein Schock. Kinder meines Alters kannte ich gar nicht, schon gar keine Jungs. Noch am Tag der Einschulung wurde ich geschubst und geboxt. Mir war das nicht unangenem, und ich lernte schnell, genauso rau mit den Kameraden umzugehen. Zumal ich ja schon fast sieben war, als ich in die Schule kam, recht groß für mein Alter und ziemlich kräftig. Mädchen interessierten mich nicht. So kam ich leicht und locker durch die vier Jahre Volksschule. Mein bester Freund hieß Andreas. Er wohnte mit seinen Eltern, die viel älter waren als meine Mutter, in einem winzigen Häuschen an den Bahngleisen. Wir zogen herum wie Jungs in dem Alter das so tun. Dann hatten wir im vierten Schuljahr Schwimmunterricht. Beim Umziehen rutschte mir der Penis aus der Badehose. Ein Mitschüler zeigte mit dem Finger drauf und rief irgendetwas. Dann rannte er raus und kam mit unserer Lehrerin, der Frau Lehmann wieder. Ich sei krank, brüllte er, mein Pimmel sei total geschwollen, und ob das ansteckend sei. Frau Lehmann schickte die andern raus. Ich solle ihr doch mal bitte mein Geschlechtsteil zeigen. Ich zierte mich ein bisschen, aber dann zog ich die Hose runter. Ich sah das Erstaunen in ihrem Gesicht. Zieh die Hose wieder an, sagte sie, bei dir ist alles in Ordnung.‘

Der Nacktmann nahm seine Tasse, blies über den heißen Tee und nahm einen Schluck. Mir war, als hätte ich diese Geschichte schon einmal gehört. Ja, ich war sicher, dass ich das, was er berichtet hatte, sogar in einem Film gesehen hatte.

‚Mit elf hatte ich meinen ersten Samenerguss. Natürlich im Schlaf. Ich wusste, dass es eine Ejakulation war, als ich in einem feuchten Spermafleck liegend aufwachte, denn meine Tante, die jüngere Schwester meiner Mutter, hatte mich ein paar Monate zuvor aufgeklärt. Meine Lieblingstante war es, die mir seit frühester Kindheit aus Büchern vorlas. Und zwar nicht aus Kinderbüchern, sondern den Werken der Weltliteratur. Ich erinnere mich nicht mehr, welcher Roman es war und welche Passage darin, die mich veranlasste, sie zu fragen, was denn Sex sei. Sie gab mir an jenem Abend einen kurzen Überblick über die Unterschiede der Geschlechter, den Vorgang der Zeugung und der Geburt. Am folgenden Abend brachte sie ein Buch mit, in dem dies alles anhand von Zeichnungen und Fotos erklärt wurde. Zum Schluss fragte sie mich, ob mein Penis denn manchmal steif würde. Ich bejahte. Dann, sagte sie, wird es dir irgendwann passieren, dass du aufwachst und in der Nacht Sperma aus deinem Glied gekommen ist, ohne dass du es bemerkt hast. Das erschien mir alles plausibel, und deshalb war ich vorbereitet.
Wie gesagt, ich war elf, fast zwölf Jahre alt. Die Frauen im Haus waren zwischen 18, meine jüngste Cousine Vera, und über achtzig. Ich hatte praktisch alle Altersklassen um mich herum. Meine jüngste Tante war knapp zwanzig, es folgten die beiden anderen Cousinen mit Mitte zwanzig, Thea, die andere Schwester meiner Mutter, mit Anfang dreißig, meine Mutter, die fast vierzig war und eben die Oma. Ich weiß heute, dass die Familie meiner Mutter in der Zeit vor dem ersten Weltkrieg mit der Reformbewegung zu tun hatte, dass es hieß, sie seien Freigeister gewesen. Davon hatte sich in die Nachkriegszeit im Wesentlichen der lockere Umgang mit allem Körperlichen hinübergerettet. Das zeigte sich darin, dass die Frauen allesamt oft unbekleidet durchs Haus liefen und die jüngeren im Sommer nackt im Garten lagen, um sich zu sonnen. Natürlich ist das eine Ursache für meinen Entschluss nie wieder Kleidung zu tragen.‘

Er redete weiter, trank ab und zum Tee, aber ich war zu müde, um mir alles zu merken, was er erzählte. Dann unterbrach ich ihn. Ich sei müde und müsse dringend ins Bett. ‚Kein Problem,‘ sagte er, ‚komm wieder wann du willst, dann berichte ich weiter.‘ Er brachte mich zur Tür und winkte mir zum Abschied nach. Das Letzte, was ich sah, bevor ich um die Ecke bog, war das Licht der Laterne vor seinem Bungalow, das seinen Penis zum Leuchten brachte. Ich war mir nicht sicher, ob ich mehr von seinen Erzählungen hören wollte.

publiziert am 26.03.09 in Thibaud ¦ 6758x gelesen ¦ noch kein Kommentar