aus dem April 2009

Nacktmann III

nacktmann_3Der Sommer wurde täglich ein bisschen heißer. An einem Mittwoch, ich hatte den ganzen Tag an einem quälenden Text gearbeitet, verließ ich gegen sechs die Wohung, um einen Spaziergang über die Felder zu machen. Ich wählte den Weg unter den Kastanien, denn die Sonne stand noch recht hoch, und ich brauchte den Schatten. Was mich genau getrieben hat, kann ich nicht sagen, aber auf dem Rückweg bog ich in die Gasse ein, die an Erichs Bungalow vorbeiführte. Ich klingelte. Nach einiger Zeit sah ich eine Gestalt hinter der Milchglastür. Es war Maria. Sie war nackt. Ohne eine Miene zu verziehen ließ sie mich ein und wies mit den Weg durch den Wohnraum auf die Terrasse. Dort saß der Nacktmann. Als er mich sah, stand er auf, lächelte und sagte: “Ich wusste, dass du wiederkommen würdest. Schön dass du da bist.” Ich gab ihm die Hand. “Übrigens, ich denke, es wäre gut, wenn du heute auch unbekleidet wärst. Quasi aus Solidarität.” Nun ist es so, dass ich mich sehr ungern vor anderen Menschen nackt zeige. Es wird damit zu tun haben, dass ich meinen Körper nicht besonders ansehnlich finde. Jedenfalls habe ich es seit meiner frühen Jugend vermieden, dass mich jemand beim Duschen beobachtet. Nacktbaden oder Sauna käme für mich nie in Frage. Es ist nicht so, dass ich mich schäme, mir wird bei der Vorstellung, nackt herumzulaufen, einfach unwohl. .: mehr :.

.: von iseb am 23.04.09 um 19:00 :. .: 1234x gelesen :. .: noch kein Kommentar :.

Der Haken

knabenhaftDer letzte Brief, den Thibaud aus Kalifornien schrieb, ging nicht an uns. Wir hatten schon mehr als ein halbes Jahr nichts mehr von ihm gehört, und keiner von uns hatte eine Adresse oder eine Telefonnummer von ihm. Wir waren sicher, dass er sein Glück bei Deborah gefunden hatte und wir ihn nie wiedersehen würden. Dann waren wir alle bei der Geburtstagsparty von Olivia, die sehr geheimnisvoll tat. Es werde jemand erscheinen, mit dem wir nicht gerechnet hätten. Alle dachten insgeheim, dass es sich nur um Thibaud handeln könne. Auch ich war ein wenig enttäuscht, als uns Olivia gegen Mitternacht eine schmale Frau unbestimmbaren Alters als Ehrengast vorstellte und sagte: “Das ist Gulla. Einige von euch werden Sie noch kennen.” Ich erinnerte mich an diesen merkwürdigen Urlaub in Dänemark und an die Affäre, die Thibaud mit dem knabenhaften Mädchen hatte. Sie bat um unsere Aufmerksamkeit: “Thibaud hat mir geschrieben. Ich denke, es ist in Ordnung, dass ich euch seinen Brief vorlese, obwohl er persönlich an mich gerichtet ist.” .: mehr :.

.: von iseb am 07.04.09 um 09:30 :. .: 801x gelesen :. .: noch kein Kommentar :.