Fackeln

Als Elle am Uhrenfeld in den Park einbog bei ihrem morgendlichen Dauerlauf, war es noch nicht ganz hell. Am Weiher zerrte eine ältere Dame ihren Schosshunder hinter sich her. Es roch nach den Grillorgien des Vorabends, und der asphaltierte Hauptweg war mit Scherben übersät. Sie wählte die Strecke ganz außen, entlang des Bachs. Über der Ballonwiese schwebte ein bisschen Dunst. Dann sah Elle das grelle Lodern: Am anderen Ende brannte eine Pappel. Lichterloh wie eine Fackel. Helle Flammen an den Ästen, ein schwacher Rauch zog nach oben ab. Nie hatte sie ihr Handy dabei, wenn sie es gebraucht hätte. Auch nicht an diesem Morgen.

Später saß sie mit Robert beim Frühstückskaffee. Draußen vorm Café. Ihre Hände zitterten. „Und, wie hast du dann die Feuerwehr gerufen?“ Elle hob die Schale mit dem warmen Milchkaffee mit beiden Händen zum Mund und nahm einen kurzen Schluck. „Bin zurück zur Emmastraße. Da kam gerade ein Taxi. Hab ich angehalten und dem Fahrer gesagt, er solle mal 112 anrufen… Hat er auch gemacht. Dann bin ich zurück zur Wiese. Da waren die Äste schon fast runter gebrannt.“ Der Hauptkommissar klopfte seine Sakkotaschen ab als suche er nach Zigaretten und Feuer, obwohl er nun schon seit dreiundzwanzig Wochen nicht mehr rauchte. „Hast du gewartet bis die Kollegen kamen?“ Sie schüttelte den Kopf. „Ich frage mich“, sagte Robert, „wie lange so eine Pappel brennt“.

publiziert am 05.05.11 in Völkerwanderung ¦ 1084x gelesen ¦ noch kein Kommentar