Schwarze Höhle

Die Bar war nur noch eine schwarze Höhle. Greiper kannte sich mit so etwas aus. Zwischen seinem abgebrochenen Studium und dem Eintritt in den kriminalpolizeilichen Dienst hatte er unter anderem bei einem Unternehmen gejobbt, das Schadensanierung betrieb. Die Firma arbeitete hauptsächlich als Dienstleister für Versicherungen und hatte die Aufgabe, durch Reinigen und Aufarbeiten von Sachen die Summe zu verringern, die an den Geschädigten hätte gezahlt werden müssen. Robert war Teil einer so genannten Putztruppe, die nach Brand- und Wasserschäden zum Einsatz kam. In ihren quietschgelben Schutzanzügen gingen die Männer zum Beispiel in eine ausgebrannte Wohnung und holten alles raus, was mit sinnvollem Aufwand wiederherzustellen war. Aus dieser Zeit wusste er, dass es der Geruch ist, der eine solche Brandstelle für normale Leute so unerträglich macht. Als der Hauptkommissar nun vor dem dunklen Loch stand, das vorher ein Lokal gewesen war, nahm er als erstes diesen vertrauten Gestank wahr. Er ließ sich einen Schutzanzug geben, zog den an und ging hinein.

Das Gefährliche am Rauch, der bei solchen Bränden entsteht, wusste er, ist das Chlorgas, das beim Verbrennen oder Verschmoren von Elektrokabel freigesetzt wird. Und natürlich allgemein dann, wenn PVC großer Hitze ausgesetzt wird. Die wenigsten Opfer von Brandkatastrophen verbrennen, die meisten ersticken oder sterben an verätzten Atemwegen. Denn wenn das Chlorgas auf Feuchtigkeit trifft, bildet sich Salzsäure. Wenn die Menschen dann nicht schnell aus dem brennenden Gebäude kommen, bekommen sie schnell keine Luft mehr, werden bewusstlos und verkohlen bei lebendigem Leib. In der Bar, das hatte ihm ein Feuerwehrmann berichtet, hatten sich vor der Explosion mindestens zwölf Personen aufgehalten. Neun waren mehr oder weniger stark verletzt ins Freie gelangt, ein Mann hatte die ganze Sache fast ohne Schaden zu nehmen auf der Toilette überstanden. Also gab es vermutlich zwei Opfer, die es nicht geschafft hatten oder gleich durch die Detonation selbst umgekommen waren.
Natürlich war, und das kannte Greiper von früher, die aus nicht brennbarem Kunststoff gefertigte Deckenverkleidung geschmolzen. Das Zeug war die Wände herabgelaufen oder von oben auf die Tische und den Tresen getropft. Die Wucht der Explosion hatte alles zerstört, was aus Glas war, und die Möbel quer durch den Raum geschleudert, sodass überall hölzerne Trümmer herumlagen. Die wuchtige Theke hatte allerdings standgehalten. Und natürlich die Brandtür, die den Fluchtweg in den Hof sicherte. Im Gang dorthin gab es die Eingänge zu den Toiletten, zur winzigen Küche und zu einem Lagerraum. Tatsächlich fand Greiper in diesem Bereich kaum einen Hinweis auf die Katastrophe, die dem Eckhaus die Fassade weggerissen hatte.

Die eine Leiche entdeckte er in der hintersten Ecke. Den auf Kindergröße geschrumpften, verkrümmten Rest eines Menschen. Hier hatten die Spielautomaten gehangen, von den nur noch die rückwärtige Abdeckplatte und Teile der Elektronik zu sehen waren. Und hinter dem Tresen lag unter einem Haufen Scherben und Schutt ein weiterer Körper. Der Hauptkommissar verließ die Bar und schickte die Spurensicherung hinein. Er hatte alles gesehen, was er sehen musste.

publiziert am 30.05.11 in Völkerwanderung ¦ 884x gelesen ¦ noch kein Kommentar