Die Bande

Der Platz ist unbestritten das Herz des Viertels. Auch wenn er zu Anfang, in den siebziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts für Militärparaden gedacht war, nutzen ihn schon die ersten Anwohner als Oase in der Hektik der Stadt. Nach dem zweiten Weltkrieg hatte man einen halbherzigen Spielplatz angelegt, aber die Attraktion – zumindest im Sommer – war das große Wasserbecken des Industriebrunnens mit seinen drei Bronzeriesen. Da ging es zu wie in der Badenanstalt. Vor einigen Jahren musste dieser Platz von ziemlich genau der Größe eines Fußballfeldes sich einer Verschönerung unterziehen. Man unterkellerte ihn, um Parkplätze zu schaffen, änderte die Verkehrsführung und spendierte eine gigantische Sandspiellandschaft mit Matschmöglichkeiten, eine luxuriöses Klettergestell aus Holz und Seilen sowie einen überdimensionierten Käfig für die Basket- und Fußballspieler. Und immer schon war der Platz Brutstätte und Treffpunkt für allerlei Rudel Jungmänner. Das war jetzt auch nicht anders. Hauptkommissar Greiper kannte die alle vom sehen, die Jungs, die er zur Bande zählte.

Bei nicht wenigen waren es die Eltern, mit denen er beruflich zu tun gehabt hatte. Der ungefähr fünfzehn Köpfe starke Trupp war aus verschiedenen kriegerischen Auseinandersetzungen mit anderen testosterongesteuerten Verbünden siegreich hervorgegangen und hatte vor zwei, drei Jahren die Herrschaft angetreten. Ängstliche Gemüter fürchteten die Kerle, aber der Mehrzahl der Nachbar gingen sie einfach manchmal auf die Nerven, wenn sie in lauen Sommernächten bis in die frühen Morgenstunden grölten und schrien und lachten oder, scheinbar ohne Anlass, das eine oder andere Feuerwerk zelebrierten. Auch lautstarke Streitereien untereinander zählten zum Repertoire der Bande.

So weit Greiper wusste, bildeten Amir, Rahid, Bob, Dominique, Frederik, Jürgen, Ocho, Rani, Puck, Hamza, Ahmed und Mohammad den harten Kern. Und so weit er recherchiert hatte, gab es keine erwähnenswerten Verstrickungen zwischen der sonstigen, um den Platz herum angesiedelten Kleinkriminalität. Lediglich der Schlaks, den sie Ocho nannten, einer der Jüngeren, der trotzdem alle anderen um einen Kopf überragte, war gerüchteweise mit den Söhnen des einen Barbetreibers befreundet. Was seinem Vater nicht besonders gut gefiel, wie man munkelte. Der hatte es ohnehin nicht leicht unter den Geschäftsleuten und Gastonomen im Viertel. Vielleicht weniger weil er Afrikaner war, sondern eher weil er sich bestimmten Absprachen verweigerte. Wenn jemand Greiper vor ein paar Wochen gefragt hätte, welcher Laden am Platz am ehesten in Brand gesteckt würde, dann hätte er sicher auf die Im- und Exportagentur von William Williams, dem schweren Mann aus Gambia getippt. Mit seinem Sohn Ocho hatte das aber alles nichts zu tun.

publiziert am 19.06.11 in Völkerwanderung ¦ 904x gelesen ¦ noch kein Kommentar