Warst du treu?

Normalerweise fragte Elle, wenn sie von einer Dienstreise zurückgekehrt war, ihn „Warst du treu?“ Und Robert anwortete dem Ritual entsprechend „Nein, ich habe sieben dicke Weiber gevögelt; eine für jeden Tag deiner Abwesenheit.“ Woraufhin sie die Augenbrauen hochzuziehen und mit gespitzten Lippen ein „Aber, Robert…“ zu flöten hatte. Dies Mal ist alles anders. Sie ist gleich vom Bahnhof aus zu ihm gefahren. Robert hat sie heftig in den Arm genommen, wild geküsst und mit Inbrunst gesagt: „Mann, bin ich froh, dass du wieder da bist!“ So viel Engagement ist Elle von ihm nicht gewohnt, und so vergaisst sie, die Frage zu stellen. Erst nach dem Essen, nach dem ersten Mal und beim dritten Glas Wein fällt es ihr ein: „Warst du mir treu?“ Robert senke den Blick ein wenig, und sie ahnt, dass er nicht dem gewohnten Ablauf folgen würde. „Eigentlich nicht,“ brummt er nach einer Weile. Und: „Ich weiß es nicht.“ Elle trinkt das halbvolle Glas auf einen Sitz aus: „Was weißt du nicht?“ – „Ob das, was mir passiert ist, unter Untreue läuft.“ Sie bleibt ruhig und bittet ihn zu erzählen.
„Es war war am dritten oder vierten Abend. Ich kam vom Präsidium und war auf dem Weg nachhause. Ich komm ja immer an diesem Haus vorbei, wo für asiatische Massagen geworben wird. Da steht auch ein Schild auf dem Gehweg, wo drauf steht ‚Keine Erotik‘ – bringt mich immer zum Schmunzeln.“

„Mittlerweile kenn ich drei von den Damen. Mit den beiden älteren habe ich mich auch schon unterhalten. Die Jüngste ist zu schüchtern. Außerdem spricht die gar kein Deutsch. Die Älteste, sie kommen alle aus China, kann sich gut verständlich machen. Ich hab ihr schon vor einem Jahr oder so ein paar Tipps gegeben, wo sie was kaufen kann und wo die Behörden sind. Seitdem lädt sie mich immer ein, sich mal massieren zu lassen. Du weißt ja, dass ich es nicht vertrage, wenn fremde Menschen an meinem Körper herummachen. Also habe ich bisher durchweg dankend abgelehnt. In dem Moment als ich vorbeigehe, öffnet sich die Tür, und diese Chinesin kommt raus. Sie stockt, ich stutze auch. Sie sieht mich einigermaßen ernst an. Wir sind beide stehengeblieben. Dann sagt sie: ‚Komm mit‘ und nimmt mich bei der Hand. Sie führt mich in einen der Räume. Und dann ist es passiert…“

Elle hat ein weiteres Glas geleert und sieht ihn schweigend an. Auch Robert spricht nicht weiter. „Ja,“ sagt sie nach einer Weile, „das zählt.“ Er nickt und schaut die Tischplatte an. „Ist aber nicht schlimm, Robert. Ich war in Fulda auch nicht artig. Wollte vorhin gerade beichten. Ist ja jetzt wohl nicht nötig.“ – „Nein. Ändert das jetzt was?“ Sie blickt ihn lange an. „Ich glaube nicht,“ sagt sie endlich. Beide sind erleichtert und sprechen an diesem Abend nicht mehr darüber.

publiziert am 25.06.11 in Völkerwanderung ¦ 845x gelesen ¦ noch kein Kommentar