Der Örtzel

Keiner weiß was über ihn, aber er wiß viel über die Leute. Jeden Tag schiebt der kleine Mann, so breit wie hoch, seinen Rollstuhl durch die Gegend. Oft redet mir sich selbst mit dieser hellen Kinderstimme, die zur Nervensäge wird, wenn er die Laustärke höher stellt, um jemanden anzusprechen. Schrill ist das, und der unbestimmte Akzent, vielleicht fränkisch, macht es schwer, ihn zu verstehen. Ein paar ungekämmte, grauweiße Fusseln auf dem Kopf, wasserblaue Augen, die hervortreten. Den Örtzel nennen sie ihn, und niemand hat eine Ahnung, wie der dicke Kerl, der hinten in dem neuen Sozialbauhaus wohnt, zu diesem Spitznamen gekommen ist. Manche halten ihn für schwachsinnig, vielleicht auch schon dement, wobei schwer zu schätze ist, wie alt er sein mag. In den letzten Jahren ging es stetig bergab mit ihm. Greiper erinnert sich noch an die Zeit, als der Örtzel vom einen auf den anderen Fuß wankend durchs Viertel geschlichen ist. Dann marschierte er einige Zeit mit Unterstützung einer Krücke herum, die eher symbolische Bedeutung hatte. Als er zwei Gehhilfen benutzen musste, hatte der Örtzel ein Problem mit seinem Gepäck, das aus einer Reihe Jutebeutel und einer antiken Airline-Umhängetasche bestand.

Vermutlich war er ganz froh, als er den Rollstuhl bekam, in dem er nie saß, weil er ja dort seine Sachen transportierte. Täglich fuhr er den Platz hinter dem Eiscafé an, wo die Trinker sich trafen. Der Örtzel trank keinen Alkohol in der Öffentlichkeit, aber Ümit vom Büdchen hatte Greiper einmal ungefragt berichtet, dass der regelmäßig Schnaps bei ihm kaufte. Hunde mochte der Rollstuhlschieber nicht, und die Bande war ihm verhasst, besonders Amir, der Libanonkurde mit dem flinken Mundwerk, hänselte ihn bei jeder Gelegenheit und trieb den Örtzel so zur Weißglut, dass er rumschrie, in höchsten Tonlagen, völlig hysterisch. Es war ein Streit mit ungleichen Waffen, den der Junge war dem dicken Mann in jeder Hinsicht überlegen und hatte auch nach drei, vier Jahren immer noch Spaß daran, den Örtzel zu ärgern.

Robert Greiper ahnte, dass dieser Mann mehr mitbekam als die meisten anderen im Viertel und vermutete, dass der nicht verrückt war, sondern sich mit seinem auffälligen Auftreten nur tarnte. Mit dem Örtzel, so viel war klar, würde er auch reden müssen.

publiziert am 14.07.11 in Völkerwanderung ¦ 932x gelesen ¦ noch kein Kommentar