Hat’s gesehen

Den Mann erkannten alle im Viertel auf große Entfernung. Ohne einen Stumpen im Mund ging Walter Hinz nicht vor die Tür. Und wo er gegangen war und gestanden hatte, da lag noch Minuten später der Geruch in der Luft, den die meisten Gestank nannten. Aus seiner Wohnung hatte man ihn rauswerfen wollen, weil das ganze Haus nach dem schlechten Tabaksqualm roch. Aber Walter wusste sich zu wehren. Denn Walter wusste eine Menge über andere Leute. Das lag vielleicht daran, dass seine Hauptbeschäftigung darin bestand, Leute zu beobachten. Hinter den gelblichen Gardinen seiner Wohung im dritten Stock eines unscheinbaren Altbaus schräg gegenüber der Bar hatte er eine Teleskop auf einem Stativ, das er bisweilen gegen ein Nachtsichtgerät austauschte. Im Umgang mit Ferngläsern war er geübt. Darin hatte man ihn 1943 ausgebildet. Späher war er gewesen. Zuletzt auf einem Vorposten, rundf zwazig Kilometer östlich der Stadt, wo später die NATO eine Raketenstation errichtet hatte. Den Winter 44/46 hatte er fast ganz allein verbracht in der getarnten Hütte und den Nachthimmel beobachtet. Dreimal hatte er Bomberschwärme so frühzeitig entdeckt, dass er den Luftschutz der Stadt rechtzeitig warnen konnte. Einen Orden hatte man ihm verliehen.

Schon damals hatte er Zigarren geraucht. Oder selbstgezogenen Tabak in der Shag-Pfeife. Wenn er Dienst schon, dann nie ohne Rauch. Dann hatte er sich selbst in den Fuß geschossen und war im amerikanischen Lazarett gelandet. In den Fünfziger galt er als Kriegsversehrter. Man teilte ihm einen Hausiererschein zu, und so zog er durch die Stadt, immer nur durch diese Stadt, und verkaufte Heftpflaster, Bürsten, Messer und Scheren oder Wunderputzmitteln von Tür zu Tür. Geheiratet hat Walter Hinz. Die Frauen, die für ihn in Frage kamen, waren ihm immer zu alt. Und wenn er in der männerarmen Zeit mit einer Kundin ins Bett ging, dann sollte es eher die Tochter sein als die Mutter. Natürlich brachten ihn seine Neigungen irgendwann ins Gefängnis. Da fanden die Ärzte heraus, dass er Tuberkulose hatte und schrieben ihn erwerbsunfähig. Und so ist Walter Hinz seit fast dreißig Jahren Frührenter. Hätte ihm nicht eine entferne Tante das Haus vermacht, in dem er wohnte, wer weiß, ob Walter nicht auf der Straße gelandet wäre.
Natürlich wusste Hauptkommissar Greiper das alles. Deshalb war klar, er müsste auch mit Walter Hinz reden, ob der sich nun als Zeuge meldete oder nicht. Greiper wusste auch, wo er den Voyeur am besten treffen könnte. So stellte er sich am Mittwoch gegen sieben an den Tresen von Brankos Kneipe am Platz. Der Wirt wunderte sich nicht wenig über den seltenen Gast und fragte sich sofort, ob und welcher seiner Stammgäste wohl in einen Mordfall verwickelt wäre. Walter kam pünktlich um halb acht, die Zigarre zwischen den Lippen, das generelle Rauchverbot in Gaststätten, das galt für ihn nicht.

publiziert am 02.07.11 in Völkerwanderung ¦ 960x gelesen ¦ noch kein Kommentar