Geschichten aus dem August 2011
Fiona hatte sich schlafend gestellt als Robert nach dieser Nacht aufstand. Sie hatte sich auf die Geräusche konzentriert: das Rauschen der Dusche, das Surren des Rasierapparats, die Kaffemühle, wie der Wasserkocher sprudelte und dann per Klick anzeigte, dass das Wasser heiß war, der Toaster. Roberts Schritte, erst barfuß und später starke Schritte mit seinen für den Sommer viel zu schweren Schuhen. Unbeweglich hatte sie dagelegen und gelauscht. Der Geruch des Duschgels zog ins Schlafzimmer, sein Rasierwasser mit der herben Zitrusnote, dann der gute Kaffee. Ob es eine Perspektive gäbe, hatte sie überlegt, dann aber für sich herausgefunden, dass diese Sache einmalig bleiben würde, ja, bleiben musste. Dann war sie noch einmal eingeschlafen. Im Traum sah sich vor dem Mann schweben wie eine Elfe. Er versuchte sie zu greifen, aber allein der Luftzug seiner Handbewegungen trieb sie davon. Gegen zwölf schlief sie immer noch tief und fest. Und nahm nicht wahr, dass jemand die Wohnungstür aufschloss, dass diese Person den Wohnraum durchquerte und das Schlafzimmer betrat. Dass sie, wie sie da kaum bedeckt vom Laken lag, minutenlang angestarrt wurde. Und dass sie dann wieder allein war in Roberts Wohnung. .: mehr :.
Robert war aufgestanden während Fiona noch schlief. Eine Weile hatte er sie betrachtet, wie sie da auf dem Rücken lag, kein Laken verdeckte den schmalen Körper, und sie sah aus wie ein Kind. Er verließ das Haus und war sich sicher, dass es eine einmalige Sache bleiben würde, nein, bleiben müsse. Der Platz lag noch im sommerlichen Morgendunst. Er hatte sich ein belegtes Brötchen in der Bäckerei um die Ecke geholt und setzte sich auf eine Bank an der großen Sandwüste für die Kinder. Einen Kaffee hätte er gern dazu getrunken, aber schon immer hatte er es abgelehnt, den aus dem Pappbecher zu trinken. Wenn überhaupt, dann füllte er seine kleine Thermoskanne, aber das hatte er an diesem Morgen vergessen. So saß er da und frühstückte. Plötzlich schob sich jemand neben ihn auf die Bank. “Lass es dir schmecken, Jung”, sagte Walter Hinz. Der Hauptkommissar sah den Mann kurz an: “Danke.” – “Schön heute”, fuhr der ehemalige Wehrmachtsspäher fort. Und: “Ich geh ja nicht gern da drüben in die Kneipe”, er deutete mit dem Daumen über seine Schulter auf die andere Straßenseite, “hab’s mit den Jugos nie so gehabt. War ja im Krieg auch auf dem Balkan im Einsatz.” Er hatte sich vorgebeugt, die Arme hingen neben seinen Knien, und er malte mit der Schuhspitze Kreise in den Staub. .: mehr :.
Elle war schon wieder auf Lesereise. Natürlich genoss Robert auch die Abende, an denen er allein in seiner Wohnung tun und lassen konnte, was er wollte. Und ins Bett gehen konnte, wann es ihm richtig erschien. So saß er in der Nacht vor dem Fernseher und sah sich die Wiederholung der Ausschnitte des Spiels seiner Mannschaft vom Vortag an. Warme Sommerluft zog ins Wohnzimmer. Robert flegelte in seinem Lieblingssessel, einem tabakbraunen Monster im englischen Clubstil, von dem Elle immer sagte, der wäre erster Kanidat für den Sperrmüll, sollten sie je eine gemeinsame Wohnung beziehen. Und weil er da nur mit einer ziemlich abgetragenen Boxershorts gekleidet hockte, hatte er das Fauteuil mit einem Badetuch verkleidet. Die Füße in Froteesocken lagerten auf dem Couchtisch, wo schon einige leere Bierflaschen auf den Abtransport warteten und zwei schmutzige Teller. Aus der Innenstadt wehten urbane Nachtgeräusche rüber, und das Bild des Fernsehers spiegelte sich in den deckenhohen Fenstern zur Terrasse. Der Hauptkommissar war kein großer Fan der örtlichen Zweitligamannschaft mehr. Die Zeiten, in denen er den Dienst tauschte, um mit anderen Anhängern gemeinsam im Bus zu den Auswärtsspielen zu reisen, lagen über zwanzig Jahre zurück. Auch wenn ihn seine Geliebte und Gefährtin, die inzwischen fanatisch an dem Verein hing, ihn öfters zum Mitgehen animierte, war er in der vergangenen Saison nur dreimal im Stadion gewesen. .: mehr :.
Und dann gönnte sich Hauptkommissar Greiper das Vergnügen, den unsympathischen Büdchenbesitzer zu grillen. Ümit stand hinter dem zugemüllten Verkaufstresen und zog ein mieseptriges Gesicht, als der Bulle eintrat. “Können wir reden?” fragte Greiper. Der Kleinunternehmer drehte sich um, bestellte seine Tochter als Vertretung und tauschte mir ihr den Platz im Hinterzimmer. “Tee?” bot Ümit an, aber der Kriminalbeamte schüttelte den Kopf. Sie saßen sich an einer Art Campingtisch gegenüber, beide auf sehr stabilen, dunklen Stühlen aus hartem Holz. “Sie haben etwas beobachtet?” Der Kioskbetreiber zog die Mundwinkel nach unten, wies mit beiden Daumen auf seine Brust mit dem schmuddeligen T-Shirt und sagte: “Wer? Ich? Nein, ich habe nichts gesehen…” – “Komm schon, wenn du mir jetzt hier nicht die Wahrheit sagst, dann lass sich deinen Hehlerstall hochgehen. Darauf kannst du dich verlassen!” Greiper war sich bewusst, dass er den Verhörten nicht hätte duzen dürfen, aber sein Zorn war so groß, dass er sich nicht beherrschen konnte. .: mehr :.
Auf dem langen Gang, durch den der Geist und Geruch der sechziger Jahre zog, traf Greiper auf Ulf, seinen alten Kumpel aus dem forensischen Labor. Der wedelte mit einem Aktencouvert und stotterte for Aufregung: “Bulgarien, das waren Bulgarieninnen!” Der Hauptkommissar brachte ihn zum Stehen, hakte sich bei ihm ein und zog den Assistenten in Richtung Ausgang. Die Raucherecke war leer. “Jetzt mal langsam, Ulf.” Der hatte sich ein wenig beruhigt und zog zwei Ausdrucke aus dem Umschlag. “Wir haben natürlich DNA-Analysen machen lassen von den toten Frauen…” – “Von welchen?” – “Von allen vieren; die aus dem Wohnmobil und die aus der Bar.” Greipers Neugier war gweckt: “Und?” Ulf zog die Luft durch seine spitze Rattennase: “Die sind alle miteinander verwandt! Alle vier! Schwestern, Mütter, Töchter, Nichten!” Er gab dem Hauptkommissar die Papiere. Greiper warf einen kurzen Blick darauf und sagte: “Langweil mich nicht mit wissenschaftlichem Kram. Gib mir die Fakten!” .: mehr :.
