Fiona Amsel

Elle war schon wieder auf Lesereise. Natürlich genoss Robert auch die Abende, an denen er allein in seiner Wohnung tun und lassen konnte, was er wollte. Und ins Bett gehen konnte, wann es ihm richtig erschien. So saß er in der Nacht vor dem Fernseher und sah sich die Wiederholung der Ausschnitte des Spiels seiner Mannschaft vom Vortag an. Warme Sommerluft zog ins Wohnzimmer. Robert flegelte in seinem Lieblingssessel, einem tabakbraunen Monster im englischen Clubstil, von dem Elle immer sagte, der wäre erster Kanidat für den Sperrmüll, sollten sie je eine gemeinsame Wohnung beziehen. Und weil er da nur mit einer ziemlich abgetragenen Boxershorts gekleidet hockte, hatte er das Fauteuil mit einem Badetuch verkleidet. Die Füße in Froteesocken lagerten auf dem Couchtisch, wo schon einige leere Bierflaschen auf den Abtransport warteten und zwei schmutzige Teller. Aus der Innenstadt wehten urbane Nachtgeräusche rüber, und das Bild des Fernsehers spiegelte sich in den deckenhohen Fenstern zur Terrasse. Der Hauptkommissar war kein großer Fan der örtlichen Zweitligamannschaft mehr. Die Zeiten, in denen er den Dienst tauschte, um mit anderen Anhängern gemeinsam im Bus zu den Auswärtsspielen zu reisen, lagen über zwanzig Jahre zurück. Auch wenn ihn seine Geliebte und Gefährtin, die inzwischen fanatisch an dem Verein hing, ihn öfters zum Mitgehen animierte, war er in der vergangenen Saison nur dreimal im Stadion gewesen.

Er bevorzugte es, während des Spiels in der VIP-Lounge zu bleiben, dort am Tresen zu sitzen und die Begegnung Altbier trinkend auf einem der zahlreichen Flatscreens zu verfolgen. Elle, die Zugang zu den Ehrenkarten für diesen Bereich hatte, hielt es dagegen selten länger als bis zur Halbzeitpause aus. Irgendwann stürzte sie von der Tribüne in die Lounge, warf ihm eine Kusshand zu und verschwand in die Fankurve zu ihren Freunden. Nach dem Spiel tranken sie dann ein paar Bier zusammen und diskutierten das gesehene Spiel. Allerdings verstand Robert auch nicht sehr viel vom Fußball. Er sah die Puppen gern über den Rasen tanzen und hatte seinen Spaß an den Reaktionen der Spieler, Trainer und Zuschauer. TV-Übertragungen sah er sich generell mit abgeschaltetem Ton an. Und so flimmert nun morgens um drei nur das Bild, und er versuchte herauszufinden, ob die Mannschaft, zu der seine Freundin stand, besser oder schlechter spielte als der Gegner.

Gerade hatte er sich eine neue Flasche Bier aus der Küche geholt und auf dem Weg dorthin das Leergut mitgenommen, da klingelte es. Robert ging zur Wohnungstür, nahm den Hörer der Gegensprechanlage ab und sagte „Ja?“ Niemand antwortete, und er hob die Stimme zu einem fragenden „Hallo?“ Da hörte er ein zartes Klopfen an der Tür und eine Stimme. Er hängte auf und öffnete. Da stand seine Nachbarin und musterte ihn von oben nach unten. Robert roch eine leichte Alkoholfahne, und Fiona sah in jeder Hinsicht aus, als käme sie gerade von einer Party. „Darf ich reinkommen?“ Er machte eine einladenden Armbewegung. Dann fiel ihm erst ein, dass er für Damenbesuch unpassend gekleidt war. „Geh schon mal rein“, sagte er, „ich zieh mir nur schnell was an.“ – „Das ist nicht nötig“, sagte sie und zog sich das T-Shirt über den Kopf, sodass sie nun im Bikinioberteil vor ihm stand, „die Nacht ist ja warm.“ Und schenkte ihm ihr original-amerikanisches Lächeln.
Robert nahm also nur sein Hemd vom Stuhl und zog es über. „Möchtest du was trinken?“ Die Nachbarin wiegte den Kopf: „Ja, ein Champagner wäre nicht schlecht“ – „Also, ich habe Bier da und Wein, glaube ich…“ Sie waren zusammen in die Küche geschlendert, und er öffnete den Kühlschrank. „Nein“, sagte er, „nur Bier. Und Saft und Wodka.“ Fiona hatte am Küchentisch Platz genommen und sagte „Ja.“ Er öffnete eine Flasche Bier und reichte sie ihr. Dann nahm er sich Nachschlag. „Was kann ich denn zu dieser späten Stunde für dich tun?“

Die schmale Frau proteste ihm zu und nahm ein Schlückchen: „Kann ich bitte ein Glas haben?“ Er gab ihr ein halbwegs sauberes, das neben dem Spülbecken stand. Sie goss sich Bier ein und trank das Glas in langen Schlucken leer. „Also“, fragte er, „worum geht’s?“ Fiona sah sich in der Küche um und sagte nach einer Weile: „So weit bin ich noch nie in dein Reich – wie sagt man? – gedrungen. Schöne Küche. Kochst du?“ Robert hatte sich ebenfalls hingesetzt: „Hör zu, dass du um diese Zeit hier – man sagt – eindringst, kann nur zwei Gründe haben: entweder professionelle oder erotische.“ Sie schreckte zusammen, als hätte man sie beim Klauen ertappt. „Ich bin hier für die Aussage!“ Er zögerte ein bisschen und betrachtete sie genauer. Wenn er ihr im Treppenhaus begegnet war oder sie auf der Straße gehen sah mit Schritten wie eine gelernte Ballerina, dann hatte er sie immer sehr attraktiv gefunden. Auch wenn sie genau dieser hagere Typ Tänzerin war, den er eher nicht mochte.
Ihm waren kraftvolle Frauen lieber, welche denen man ansah, dass sie die Füße fest auf dem Boden hatten, die sich wehren konnten und wussten, was sie wollten. Frauen wie Elle eben. Aber dieses schmale Wesen mit den ganz leicht rötlichen Haaren, das schmale Hüften hatte und kaum Busen, das sprach ihn unerwartet stark an. Und zwar genau in eine Richtung, in der jedes Gespräch zu viel war.
„Aussagen, meine Liebe, nehme ich im Präsidium auf. Und wenn es der andere Grund ist, der dich am frühen Morgen hierher getrieben hat, dann lass uns rasch ins Schlafzimmer gehen und gleich dort weitermachen.“ Schneller als er es erwartet hatte, stand sie ohne Kleider vor ihm und umschlang seinen massigen Körper.

publiziert am 28.08.11 in Völkerwanderung ¦ 905x gelesen ¦ noch kein Kommentar