Partisanen

Robert war aufgestanden während Fiona noch schlief. Eine Weile hatte er sie betrachtet, wie sie da auf dem Rücken lag, kein Laken verdeckte den schmalen Körper, und sie sah aus wie ein Kind. Er verließ das Haus und war sich sicher, dass es eine einmalige Sache bleiben würde, nein, bleiben müsse. Der Platz lag noch im sommerlichen Morgendunst. Er hatte sich ein belegtes Brötchen in der Bäckerei um die Ecke geholt und setzte sich auf eine Bank an der großen Sandwüste für die Kinder. Einen Kaffee hätte er gern dazu getrunken, aber schon immer hatte er es abgelehnt, den aus dem Pappbecher zu trinken. Wenn überhaupt, dann füllte er seine kleine Thermoskanne, aber das hatte er an diesem Morgen vergessen. So saß er da und frühstückte. Plötzlich schob sich jemand neben ihn auf die Bank. „Lass es dir schmecken, Jung“, sagte Walter Hinz. Der Hauptkommissar sah den Mann kurz an: „Danke.“ – „Schön heute“, fuhr der ehemalige Wehrmachtsspäher fort. Und: „Ich geh ja nicht gern da drüben in die Kneipe“, er deutete mit dem Daumen über seine Schulter auf die andere Straßenseite, „hab’s mit den Jugos nie so gehabt. War ja im Krieg auch auf dem Balkan im Einsatz.“ Er hatte sich vorgebeugt, die Arme hingen neben seinen Knien, und er malte mit der Schuhspitze Kreise in den Staub.

„Partisanen, das ist das Schlimmste, was es gibt im Krieg. Egal wie die sich nennen: Guerilla, Freischärler, Widerstandskämpfer, Rebellen… Denn du siehst die nicht. Als Späher stehst du so lange blöd da, bist du dich genauso verhältst wie die. Täuschen, tarnen und verpissen. Partisanen schwimmen im Volk wie die Fische im Wasser. Hat, glaube ich, Mao gesagt. Also musst du mitschwimmen. Am schlimmsten waren die Jugos als wir den Balkan unter Kontrolle hatten. Da gab’s dann die Tschetniks und die Ustascha, die waren auf unserer Seite, aber überall waren die Partisanen vom Titp: in den Städten und Dörfern, auf dem Land, im Gebirge. Ich war in Nisch stationiert, Serbien. Bis in die Karpaten war ich unterwegs. Mit Schnurrbart, natürlich wegen der Tarnung. Hatte mir eine junge Frau gekrallt, deutsche Herkunft aus dem Barnat, die sprach Serbisch. Das war meine Untergebene, wenn du verstehst, was ich meine…“ Hinz zog eine Zigarre aus der Hemdtasche, biss die Spitze ab und klopfte seine Hosentasche nach Feuer ab.
„Warum erzählen Sie mir das?“ fragte Greiper. Der andere hatte Streichhölzer gefunden und zündete den Stumpen an. Der Hauptkommissar musterten den Mann. Jahrgang 1921, schätzte er, also über achtzig. Dafür hatte er sich gut gehalten, dachte Greiper. „Weißt du, Jung, heute in den Städten ist überall Partisanenkrieg. Da ist der Staat mit seiner Ordnungsmacht, und alle sind dagegen, bekämpfen diese Macht oder mogeln sich so durch. Manchmal knallt’s, dann sind eben verschiedene Guerillas aufeinander losgegangen. Kannst also was lernen aus meinen Anekdoten.“

Der Kriminalbeamte hatte sein Brötchen inzwischen aufgegessen: „Ich muss los. Aber eine Frage hätte ich an Sie: Was ist mit Bulgarien?“ Walter Hinz wandte sich ab und schnaufte kurz auf. „Gute Frage“, sagte er, „wenn ich jetzt dazu etwas sage, steige ich dann in der Liste der Verdächtigen auf?“ Und lachte ziemlich laut.

publiziert am 30.08.11 in Völkerwanderung ¦ 725x gelesen ¦ noch kein Kommentar