Schlampe!

Fiona hatte sich schlafend gestellt als Robert nach dieser Nacht aufstand. Sie hatte sich auf die Geräusche konzentriert: das Rauschen der Dusche, das Surren des Rasierapparats, die Kaffemühle, wie der Wasserkocher sprudelte und dann per Klick anzeigte, dass das Wasser heiß war, der Toaster. Roberts Schritte, erst barfuß und später starke Schritte mit seinen für den Sommer viel zu schweren Schuhen. Unbeweglich hatte sie dagelegen und gelauscht. Der Geruch des Duschgels zog ins Schlafzimmer, sein Rasierwasser mit der herben Zitrusnote, dann der gute Kaffee. Ob es eine Perspektive gäbe, hatte sie überlegt, dann aber für sich herausgefunden, dass diese Sache einmalig bleiben würde, ja, bleiben musste. Dann war sie noch einmal eingeschlafen. Im Traum sah sich vor dem Mann schweben wie eine Elfe. Er versuchte sie zu greifen, aber allein der Luftzug seiner Handbewegungen trieb sie davon. Gegen zwölf schlief sie immer noch tief und fest. Und nahm nicht wahr, dass jemand die Wohnungstür aufschloss, dass diese Person den Wohnraum durchquerte und das Schlafzimmer betrat. Dass sie, wie sie da kaum bedeckt vom Laken lag, minutenlang angestarrt wurde. Und dass sie dann wieder allein war in Roberts Wohnung.

Gegen zwei wachte sie auf, machte sich gar nicht die Mühe sich anzukleiden, sondern nahm eine lange Dusche. Dann suchte sie ihre Kleidung. Aber weder im Schlafzimmer, noch sonstwo in der Wohnung fand sie auch nur ein Stücke. Alles war verschwunden: der Slip, das Top, die Bluse, die Hose und die wunderschönen roten Schuhe mit den ziemlich hohen Absätzen, die sie so liebte. Sie überlegte, ob Robert ihr vielleicht einen Streich hatte spielen wollen, und sah sogar im Kühlschrank nach, auf der Terrasse und auch im Mülleimer. Wenn es ein Schwerz war, dachte Fiona, dann kein guter. Immerhin stand ihre Handtasche noch an der Garderobe, und so schlimm fand sie es auch nicht, nackt die zwei Etagen zu ihrem Appartement huschen zu müssen, um sich dort einzukleiden.
Als sie aber vor der Wohnungstür stand, sah sie den Zettel. „Verpiss dich, Schlampe!“ hatte Elle darauf geschrieben, die überraschen früh von ihrer Reise zurückgekehrt war, und vorsichtshalber auch „Piss off, bitch“, damit dieses Ami-Flittchen es auch verstand. Fiona Amsel hatte verstanden und fasste in dieser Minute den Entschluss, schleunigst abzureisen aus der Stadt. Sie wollte nur noch ihre Aussage machen.

publiziert am 31.08.11 in Völkerwanderung ¦ 721x gelesen ¦ noch kein Kommentar