Stadtpolitik

Greiper war sich selbst nicht klar, warum er nach dem Gespräch mit William Williams dann doch noch ins Präsidium gegangen war. Jedenfalls saß er an seinem eingestaubten Schreibtisch, hatte den Computer eingeschaltet und versuchte mit milder Verzweiflung, sich an sein Passwort zu erinnern. Jedenfalls stand plötzlich der Kriminaloberrat Schmörgel in seinem Zimmer: „HH sagte mir, Sie seien mal wieder hier…“ Der Hauptkommissar drehte sich mit seinem Bürosessel langsam um und sagte: „Wusste gar nicht, dass der mich gesehen hat. Wollte ich eigentlich vermeiden.“ Sein Vorgesetzter nahm ungefragt auf dem Deliquentenstuhl an der Schmalseite des Schreibtisches Platz und merkte dabei, dass dessen Sitzfläche ungewohnt niedrig war. „Herr Greiper, auch wenn Sie sich hier in all den Jahren eine gewisse Narrenfreiheit erarbeitet haben, besteht doch immer noch Anwesenheitspflicht.“ – „Und ihr Druckmittel, um das durchzusetzen?“ Schmörgel schnaufte leicht undverdrehte die Augen. „Was ich sagen wollte. Gestern sprach mich der Präsident an, wie es denn in dem Fall des Brandanschlags auf diese Bar aussähe. Der OB habe ihn angesprochen.“ Greiper verzog das Gesicht: „Oh, die Sache wird politisch. Stehen gerade Wahlen an?“ – „Nehmen Sie das bitte ernst, Greiper. Unser Oberbürgermeister möchte auf keinen Fall, dass in der Öffentlichkeit der Eindruck entsteht, es gäbe gewalttätige Konflikte zwischen den verschiedenen Migrantengruppen.“

Der Hauptkommissar stand auf und sah auf seinen Vorgesetzten herab. „Was hätte der OB denn gern? Dass es ein Neonazi-Überfall war? Oder lieber ein Eifersuchtsdrama? Könnte der Stadtfürst mir nicht einfach mitteilen lassen, wer der Täter ist? Dann bräuchte ich den nur zu fangen, und alle wäre zufrieden.“ Auch Schmörgel hatte sich erhoben. „Nun werden Sie nicht zynisch, Greiper. Gerade Ihnen sollte doch klar sein, was eine Debatte dieses Falles in der Öffentlichkeit auslösen könnte. Krieg im Virtel. Wollen Sie das?“ – „Mit Verlaub, Herr Oberrat, Sie reden wie der Blinde von der Farbe. Und so lange Sie oder dieser Mensch, der sich Sprecher Polizei schimpft, die Journalisten nicht irgendwie impft, passiert gar nichts.“ – „Genau. Leider hat aber schon einer von der Presse nachgefragt, Holger Heissler von der DZ…“ Der Hauptkommissar zuckte zusammen: „Der versoffenste Schreibfink der ganzen Stadt? Seit wann liest der die Polizeiberichte? Der ist doch eigentlich beim Sport…“ – „Ja, aber Heissler wohnt bei Ihnen im Viertel und ist aus rein egoistischens Gründen neugierig.“ Greiper schob sich an Schmörgel vorbei zur Tür und sagte im Hinausgehen: „Den kauf ich mir…“

publiziert am 13.08.11 in Völkerwanderung ¦ 745x gelesen ¦ noch kein Kommentar