Ümit Karadoglu

Und dann gönnte sich Hauptkommissar Greiper das Vergnügen, den unsympathischen Büdchenbesitzer zu grillen. Ümit stand hinter dem zugemüllten Verkaufstresen und zog ein mieseptriges Gesicht, als der Bulle eintrat. „Können wir reden?“ fragte Greiper. Der Kleinunternehmer drehte sich um, bestellte seine Tochter als Vertretung und tauschte mir ihr den Platz im Hinterzimmer. „Tee?“ bot Ümit an, aber der Kriminalbeamte schüttelte den Kopf. Sie saßen sich an einer Art Campingtisch gegenüber, beide auf sehr stabilen, dunklen Stühlen aus hartem Holz. „Sie haben etwas beobachtet?“ Der Kioskbetreiber zog die Mundwinkel nach unten, wies mit beiden Daumen auf seine Brust mit dem schmuddeligen T-Shirt und sagte: „Wer? Ich? Nein, ich habe nichts gesehen…“ – „Komm schon, wenn du mir jetzt hier nicht die Wahrheit sagst, dann lass sich deinen Hehlerstall hochgehen. Darauf kannst du dich verlassen!“ Greiper war sich bewusst, dass er den Verhörten nicht hätte duzen dürfen, aber sein Zorn war so groß, dass er sich nicht beherrschen konnte.

„Was ist das hier“, fragte Ümit, „ein Verhör? Was habe ich getan? Wieso soll ich was wissen?“ Der Hauptkommissar griff über den Tisch und erwischte den rechten Ärmel des T-Shirts. Er zog den Mann zu sich rüber: „Weil du direkt über deinem verkackten Laden wohnst. Mit freiem Blick auf die Bar. Und weil Zeugen sagen, dass du um die Zeit der Explosion herum zuhause warst“, log Greiper. „Ja, aber da habe ich schon geschlafen. Viel Arbeit jeden Tag. Bin vom Knall aufgewacht.“ – „Du weißt, ich glaube dir kein Wort, aber ich lass das jetzt mal so stehen.“ Er ließ den Büdchenmann los und lehnte sich zurück. „Kennst du den Albaner?“ Ümit zuckte schon mit den Achseln, bevor Greiper die Frage beendet hatte. „Welchen Albaner?“ – „Deinen Nachbarn.“ – „Der ist Albaner?“ – „Ja, der ist Albaner.“ – „Kenn ich nicht.“ Greiper war aufgesprungen und deutete eine Ohrfeige an: „Willst du mich jetzt verarschen? Filim Kuqi heißt der Mann, der direkt nebenan einen Schlüsseldienst betreibt. Und mit dem du dir einen Lagerraum teilst!“ Ümit zuckte zusammen und grinste anschließend: „Och, der Filim, ja, kenn ich. Netter Kerl. Wusste gar nicht, dass der Albaner ist…“

Der Haupkommissar hatte die Nase voll von diesem Spielchen. „Morgen sind die Kollegen vom Einbruch hier, ich schwör’s dir. Aber wenn du mich, sagen wir, bis spätestens Elf anrufst und erzählst, was du weißt, dann ließe sich das noch verhindern. Meine Nummer hast du ja.“ Auch der Kioskbesitzer war aufgestanden: „Da sollten Sie lieber den Filim fragen, der weiß was, der hat ja immer mit den Typen von der Bar Shisha geraucht. Ich, Herr Kommissar, ich weiß gar nichts.“

publiziert am 18.08.11 in Völkerwanderung ¦ 1693x gelesen ¦ noch kein Kommentar