William Williams

Der schwere Mann mit der auffallend dunklen Hautfarbe saß im senfgelben, dreiteiligen Anzug auf der Bank neben dem Bolzkäfig und aß ein Butterbrot. Die sonne brannte mittagsheiß, und ab und an wischte er sich mit einem weißen Tuch den Schweiß von der Glatze. Hauptkommissar Greiper hatte sich der Hitze entsprechend gekleidet: Bermudas, weites Leinenhemd und Sandalen. Er ging auf den Afrikaner zu und fragte: „Darf ich mich zu ihnen setzen?“ William Williams machte eine einladende Handbewegung. Die Männer saßen eine Weile schweigend nebeneinander und beobachteten die Mütter auf dem Spielplatz, die miteinander traschten, während ihre Kinder im Matschkasten spielten. Greiper begann: „Wie lange sind Sie eigentlich schon hier?“ Williams blickte weiter geradeaus: „Wo? Hier auf der Bank? Hier am Platz? Oder hier im Viertel?“ – „Nein, wie lange Sie schon in Deutschland sind…“ Der Mann im Anzug wandte sich Greiper zu und sah ihn ernst an: „Im Oktober werden es 49 Jahre – vermutlich länger als sie auf der Welt sind.“ Der Hauptkommissar versuchte, die peinliche Situation zu entschärfen: „Sie schmeicheln mir. Im November feiere ich meine Sechzigsten“. Williams holte ein Päckchen Kaugummi aus der Sakkotasche und bot Greiper einen Streifen an. „Nein, danke. Mögen Sie mir erzählen, wie Sie nach Deutschland gekommen sind?“

Der Mann packte mit großer Sorgfalt das Kaugummi aus, steckte es sich in de Mund und kaute eine Weile. „Kommen Sie mit in meinen Laden“, sagte er schließlich, und es hörte sich an wie ein Befehl. Beide standen auf und überquerten den Platz und die angrenzende Fahrbahn. ‚Williams – Import, Export & Logistik‘ stand in schwarzer Schrift auf gelbem Grund über dem Geschäft. Im Schaufenster waren Uhren ausgestellt, Handys und elektronische Spielsachen. Dazu ein Globus und gut zwei Dutzend Spielzeugautos. Williams schloss auf und lud Greiper mit einer großen Armbewegung ein, den Laden zu betreten. „Kaffee? Oder lieber etwas Kaltes?“ – „Kaffee schwarz wäre fein“, sagte Greiper, und der Besitzer verschwand in einem der hinteren Räume. Das Ladenlokal war mit mehreren Regalen und zwei Archivschränken aus Metall möbliert. In der Mitte stand der große Schreibtisch, davor zwei Besucherstühle. Williams‘ Arbeitsplatz war mit großer Sorgfalt aufgeräumt, das Notebook stand aufgeklappt an der Seite.

Der Afrikaner kam zurück und reichte Greiper einen großen Pott mit frischem Kaffee. „Ah“, sagte der Kommissar, „endlich mal keine Brühe aus einer dieser Machinen mit irgendwelchen Patronen oder wie das heißt.“ Williams lächelte zum ersten Mal: „Nein, ich mag auch nur Kaffee aus frisch gemahlenen Bohnen, aufgegossen mit kochendem Wasser in einer Pressstempelkanne.“ – „Wusste gar nicht, dass die so heißen…“ gab Greiper zurück. Der Inhaber hatte auf seinem Chefsessel Platz genommen und warf einen flüchtigen Blick auf das Display des Computers. „Setzen Sie sich.“ – „Haben Sie was sagegen, wenn ich stehen bleibe?“ Williams schüttelte den Kopf. „Ich bin etwas genauso alt wie Sie, Herr Kommissar. War zwölf als mein Vater unsere Familie hier in diese Stadt brachte. Wir kamen aus Ghana, Westafrika. Mein Vater hatte in England studiert, Geschichte und Journalismus. Wollte hier eigentlich nur Deutsch lernen und Germanistik studieren. Bekam durch Zufall einen Job bei der Zeitung. Meine Mutter konnte es in Deutschland nict aushalten. Sie verließ uns nach knapp zwei Jahren und ging zurück nach Accra. Mein Vater lernte eine Frau kennen, eine von hier. Dann ließ er sich scheiden, und ich habe meine Mutter nie wieder gesehen. Bevor Sie fragen: Nein, ich bin auch nie nach Ghana gereist. Um ehrlich zu sein: Ich reise ungern und habe die Stadt nun schon seit gut zwölf Jahren gar nicht mehr verlassen. Meine beiden Brüder, die sind nicht nur gereist, die sind ausgewandert. Joseph lebt in den USA, und Samuel…, keine Ahnung, wo es denn hin verschlagen hat, der ist zur See gefahren. Vater schickte uns aufs Gymnasium, Jospeh und ich machten Abitor. Kurz danach starb mein Vater. Er hat uns einiges vererbt. Während Jo gleich nach England studieren ging, machte ich eine Ausbildung zum Großhandelskaufmann bei einem Unternehmen der Stahlbranche. Wurde Autoverkäufer. Und hab mich vor nun achtzehn Jahren mit diesem Geschäft selbstständig gemacht.“

Hauptkommissar Greiper hatte sich dann doch hingesetzt und konzentriert zugehört. „Was genau ist der Geschäftszweck?“ – „Genau das, was draußen dran steht: Ich importiere und exportiere Waren und sorge für den Transport und alle zugehörigen logistische Leistungen. Seit einiger Zeit habe ich mich auf den Export von Gebrauchtwagen nach Westafrika konzentriert. Noch Kaffee?“ Greiper nickte, und Williams nahm ihm den Becher ab und ging nach hinten. Als er zurückgekehrt war, fragte der Kriminalbeamte ganz direkt: „Und wo ist Cooka Jones jetzt?“ Der Geschäftsmann wandte sich dem Notebook zu, bewegte die angeschlossen Maus und tippte dann etwas. „Laut seiner Mail von eben sitzt er in einem Internetcafé in Casablanca und wartet auf das Schiff.“ – „Er arbeitet für sie?“ Williams nickte: „Cooka Jones ist mein verlängerter Arm. So wie ich das Reisen hasse, so gern ist er unterwegs. Je komplizierter, desto besser. Er kauft die Autos auf. Er begleitet die Transporte. Er verkauft die Kisten in Lagos oder Accra, manchmal auch in Porto Novo oder Jaunde. Und dann bringt er mir das Geld. In bar, Dollar. Und bevor Sie fragen: Ja, ich habe eine ordnungsgemäße Buchführung und versteure jeden Cent, den ich einnehme.“ Greiper nickte langsam und schlürfte den heißen Kaffee. „Und warum ist Cooka Jones schuld am Tod der Frauen?“ – „Das sollten Sie ihn selbst fragen, wenn der Dummschwätzer wieder da ist.“ – „Wann wird das sein?“ – „Morgen, übermorgen, nächste Woche, spätestens aber übernächsten Freitag.“ – „Sagen Sie Cooka Jones, dass er sich bei mir melden soll. Hier ist meine Karte…“

publiziert am 10.08.11 in Völkerwanderung ¦ 1161x gelesen ¦ noch kein Kommentar