Antonius Jeroen Grijpstra

Madeleen war nur drei Jahre jünger als seine Mutter. Ging die Familie zusammen zur Kirche, tuschelten die Leute, denn die Ähnlichkeit zwischen der Gattin des gut beleumundeten Kaufmanns und dem Kindermädchen war verblüffend. Auch wenn die Haut von Mevrouw Grijpstra nicht so dunkel wie die der Hausangestellten war, so glichen sich die Nasen, Münder und Augen sehr. Schon bald hieß es unter den bigotten Bürger Vlissingens, der Kaufmann habe sich eine Negerin aus den Antillen mitgebracht, und weil ihm eine nicht reichte, habe er gleich zwei genommen. Natürlich schnitten die ehrbaren Gattinen Tünns Mutter, und auch der Vater konnte sich in den Zirkeln der zeeländer Handelsherren nicht etablieren. Zum Glück waren er und sein Geschäft von derlei sozialen Gegebenheiten nicht abhängig, weil das Gros der Kunden nicht aus der Region stammte. Immer öfter geriet Tünn nun in Schlägereien mit Straßenjungs und Mitschülern, die ihn wegen seiner Negermutti hänselten. Und mit jeder Rangelei, jeder Ohrfeige und jedem Boxhieb, den er austeilte, wurde er stärker und unerbittlicher. Seine Mutter verkroch sich im Nähzimmer und Boudewijn hatte sich dem heimlichen Trunk ergeben. Sechs Tage die Woche blieb er bis über Mitternacht hinaus im Kontor und trank das bittere belgische Bier, das man in Vlissingen bevorzugte.

Und dann fand man eines Tages Madeleens Leiche im Becken des Stadthafens. Fast eine Woche war es her, dass sie verschwunden war. Boudewijn hatte gleich Anzeige erstattet, aber die örtliche Polizei nahm die Sache nicht ernst. „Wilde gehen manchmal wildern“, sagte der Offizier und lachte. Man hatte sie erschlagen und ins Wasser geworfen. Nachdrücklich verlangte Mijnheer Grijpstra eine Obduktion, und der beauftragte Arzt ließ ihn wissen, dass Madeleen vor ihrem Tod mehrfach und äußerst brutal vergewaltigt worden war. „Sie hätte nicht allein in den Hafen gehen sollen“, merkte der leitende Polizist an, „wenn die Matrosen nach Wochen wieder an Land kommen, dann brauchen sie Frauen und nehmen sich, was in der Nähe ist.“ Tünns Mutter ertrug den Tod ihrer Halbschwester nicht. Nur drei Wochen nach der Beerdigung erhängte sie sich auf dem Dachboden des Stadthauses. Antonius Jeroen Grijpstra war gerade sechzehn Jahre alt geworden, und da sein Vater nicht mehr in der Lage war, das Geschäft zu führen, trat er in dessen Fußstapfen; die Familie auf Aruba hatte nichts dagegen einzuwenden. Und so wurde aus dem Raufbold, einem Kerl von mehr als einem Meter neunzig Länge und einem Gewicht von gut 100 Kilo, der mit den Schauerleuten trank und schon mit fünfzehn Stammkunde im Bordell am Außenhafen geworden war, ein Kaufmann.
Die Belegschaft nahm ihn mit Freuden auf und unterstützte ihn nach Kräften. Die Geschäfte liefen gut, denn es fiel Antonius nicht schwer, neue Kontakte zu knüpfen. Bald hatte er Verträge mit etlichen Bauern im Umkreis von 120 Kilometern geschlossen und handelte mit landwirtschaftlichen Gütern; was die Verwandschaft aus Aruba lieferte oder anforderte, spielte nur noch eine geringe Rolle.

Dann traf er Hedwig, eine deutsche Frau aus dem Rheinland, die einem Seemann bis in den Hafen gefolgt war, von dem aus er eine Reise antrat, die ihn nie wieder zurückführte. Während sie wartete, arbeitete sie als Bedienung in der großen Wirtschaft an der Einfallstraße nach Vlissingen. Nie hatte sich der junge Mijnheer Grijpstra dahin verirrt, und noch Jahre später konnte er keinen Grund finden, weshalb er das Gasthaus am fünften Mai des Jahres 1887 gegen zwei Uhr am Nachmittag betreten hatte. Eine große, kräftige Rothaarige brachte ihm das Bier und lächelte ihn an. Später erzählte Tünn immer wieder, dass er sich bei diesem allerersten Blick verliebt hatte. Er blieb bis Mitternacht, aß und trank ununterbrochen und sah Hedwig bei der Arbeit zu.
Von diesem Tag an fuhr er mindestens dreimal die Woche mit seinem brandneuen Fahrrad zum t’Oude Hof, um sie zu sehen. Das wäre die richtige Frau für ihn, soviel stand für ihn fest. Er würde sie bekommen, auch daran zweifelte er nicht. Nach fast drei Monaten sprach er sie zum ersten Mal an, ohne eine Bestellung abgeben zu wollen: „Darf ich Sie zum Tanz einladen?“, fragte er, „In Middelburg ist am kommenden Wochenende Jahrmarkt, und da wird man einen Tanzboden herrichten, und fahrende Musikanten werden aufspielen.“ Sie lächelte wie sie immer lächelte. Und dann nickte sie. Antonius, den sie hier Ton nannten, konnte sein Glück nicht fassen. „Also dann, ich hole dich am kommenden Samstag hier ab, so um sieben Uhr.“ – „Ja“, sagte sie.

publiziert am 03.09.11 in Völkerwanderung ¦ 927x gelesen ¦ noch kein Kommentar