Bulgarien

Hinz und Greiper verließen den Platz in unterschiedlicher Richtung. Der Hauptkommissar überlegte kurz, bei Ling Xiu vorbeizuschauen und sich ein bisschen entspannen zu lassen. Ins Präsidium würde er jedenfalls nicht mehr gehen. Und zuhause lag vielleicht noch die Nachbarin im Bett, und er würde nicht einmal nachdenken können. Er beschloss, Ermittlungen in alle Richtungen zu betreiben, was bei ihm bedeutete: Mit Leuten reden, tratschen, labern, erzählen, sprechen, diskutieren. Also drehte er auf dem Absatz um und betrat Brankos Kneipe. Das Dämmerlicht tat ihm gut. Es war still im Gastraum. Nur der Örtzel saß auf seinem Stammplatz hintern bei den Klos und aß mit einem Löffel aus einem Teller. Vor ihm stand ein Weizenglas voller Cola. Greiper lehnte sich gegen den Tresen, und Branko hob fragend die Augenbrauen. „Ein Alt, einen Killepitsch.“ Der Wirt hielt inne und fragte: „Mittags um halb eins?“ – „Ja“, gab der der Hauptkommissar zurück, „mittags um halb eins“. Er bekam sein Gedeck und leerte das Glas mit dem Kräuterlikör zur Hälfte. Mit dem Bier löschte er ab. Mit einer Handbewegung orderte er Nachschub. Der Kneipier zapfte und schob das Glas rüber. „Sag mal, Branko, was hältst du von Bulgarien?“

Branko lachte kurz und laut auf. Seine Stammgäste kannten dieses Lachen. Es hatte symbolische Bedeutung und wurde von ihm immer dann als Kommentar eingesetzt, wenn jemand etwas wirklich Blödes sagte oder fragte. „Ich bin Serbe, wie du weißt. Wir sind Nachbarn von den Bulgaren. Weißt du, so wie Nachbarn in einem riesigen Wohnhochhaus. Man weiß, dass es Nachbarn gibt, aber man kennt sie nicht. Und will die auch gar nicht kennen.“ Er wischte mit dem Lappen über das Abtropfsieb. „Angeblich war mein Vorvorgänger Bulgare. Hat jedenfalls Kosta behauptet…“ Kosta, das war Greiper bekannt, hatte es in dieser düsteren Spelunke als nur etwas mehr als ein Jahr ausgehalten. Als die Inhaber des A-Hofs einen neuen Pächter gesucht hatten, war er zur Stelle und übernahm das ewige Gasthaus am Platz. Der Hauptkommissar genehmigte sich die zweite Hälfte vom Schnaps und trank das Bier auf Ex hinterher. „Sorgen?“ fragte Branko. Greiper schüttelte den Kopf: „Allgemeine Lustlosigkeit und null Bock auf den Fall mit der Bar.“ Der Wirt quittierte das mit einem Nicken.

Ein Lichtstreifen fiel in die Kneipe, jemand hatte die Tür geöffnet und war eingetreten. Und dann stand Oberrat Schmörgel neben Greiper: „Mahlzeit, Herr Greiper, schon beim Frühstück?“ Wenn sein Untergebener eins hasste, dann waren es Vorgesetzte, die meinten witzig sein zu müssen. „Nein“, gab er zurück ohne den Mann anzusehen, „den Clown habe ich so gegen acht verzehrt.“ Schmörgel zog den albernen Staubmantel aus, von dem er glaubte, er würde ihn irgendwie kreativ und cool wirken lassen, wie einen Werbefuzzi. „Bitte ein Radler“, orderte er. Branko hatte die Situation instinktiv erfasst und hakte nach: „Alkoholfreies Pils mit Fanta light?“ Greiper verfiel in einen prustenden Lachsturm. Und auch der Örtzel ließ sein hohes Stimmchen kichern.
Der Kriminaloberrat bekam dann doch sein Getränk. „Können wir uns setzen und reden?“ – „Wir können reden und stehenbleiben, Herr Schmörgel.“ – „Nennen Sie mich doch einfach Bernward“, sagte der und hielt Greiper die Hand hin. Der Hauptkommissar ignorierte die Geste: „Was denn, hanseatic style? Vorname und Sie? Nein, danke. Und richtig duzen können wir uns exakt ab dem Tag, an dem meine Pensionierung beginnt. Der hohe Kriminalbeamte mit dem Kindergesicht nahm einen frustrierten langen Schluck vom Bier-Limo-Mix. „Und? Neue Erkenntnisse?“ Greiper trank sein Bier aus und bestellte ein neues. „Killepitsch dazu“, fragte Branko, und sein Gast nickte.

„Wie stehen Sie zu Bulgarien, Herr Schmörgel?“ Greiper hatte sich umgewandt und sah seinem Chef ins Gesicht. „Bulgarien? Was soll das jetzt?“ – „Noch nie mit der Family am Goldstrand gewesen?“ – „Hören Sie, Greiper, ich fahre mit meiner Familie nun schon seit fast zwanzig Jahren in die Bretagne. Wie kommen Sie darauf, dass ich jemals in Bulgarien Urlaub gemacht hätte?“ – „Hätt ja sein können“, sagte der Hauptkommissar und grinste. „Also, mit Bulgarien verbinde ich wenig. Die waren doch auch kommunistisch. Und sind jetzt wieder eine parlamentarische Monarchie. Jedenfalls las ich neulich im Wartezimmer beim Arzt etwas über den bulgarischen König. Kann mich aber auch täuschen. Jedenfalls: arm, unterentwickelt, irgendwie dumpf. Hatten mal eine tolle Fußballnationalmannschaft. Lange her. Aber, warum fragen Sie überhaupt?“
Greiper bedeutete seinem Vorgesetzten, sich mit ihm an einen der Tische zu bewegen. Dann erzählte der Hauptkommissar, was ihm Ulf aus der Forensik über die Herkunft der vier Brandopfer berichtet hatte. Schmörgel hörte zu und begann mit dem Kopf zu schütteln. Als der Bericht zu Ende war, winkte er Branko zu: „Mir jetzt bitte auch so ein Bier und diesen Schnaps. Und eine Lage auch für meinen Kollegen.“ Dann schwieg er kurz. „Wissen Sie, lieber Greiper, das ist ein dermaßen hanebüchener Unsinn. Es gibt keine europäische DNA-Datenbank für kriminaltechnische Zwecke. Wenn es sie gäbe, müsste ich es wissen … mit meinen hervorragenden Kontakten zu Europol. Meine Tochter arbeitet auf diesem Gebiet. Sie hat eine Ausbildung zur biologisch-technischen Assistentin, BTA, sagt man. Von der weiß ich ein bisschen was über diesen ganzen Genetik-Komplex. Und in einem Punkt bin ich mir sicher: Man kann die Staatsangehörigkeit eines Menschen nicht aus seiner DNA ablesen, und seine ethnische Zugehörigkeit nur in Bezug auf ein paar Merkmale. Und noch eins, Herr Kollege, ihr Kumpel Freudsheim, den sie alle ja wohl Laborratte nennen, der verzehrt im Institut nur sein Gnadenbrot, der arbeitet quasi ehrenamtlich, in etwas als Bürobote, weil es da vor ein, zwei Jahren ein ernsthaftes psychatrisches Problem bei ihm gab. Ich dachte, das wüssten Sie. Der ist DU geschrieben, dienstunfähig, vorzeitig pensioniert. Unser Hauspsychologe hat sich seinerzeit dafür stark gemacht, den Herrn Freudsheim zu behandeln, als gehöre er noch dazu. Damit könne man ihn so zu sagen entschärfen…“

Sein Gegenüber hatte mit offenem Mund zugehört. Der Alkohol begann zu wirken, und er sah das blasse Haar des Vorgesetzten im Staublicht flimmern. „Nein“, sagte er schließlich, „das mit Ulf, das habe ich nicht gewusst. Das weiß keiner von uns. Der ist also im Dienst verrückt geworden, ja?“ Schmörgel saß da mit schmerzverzehrtem Gesicht, weil er die Wirkung des Kräuterlikörs auf seinen lädierten Magen unterschätzt hatte: „So kann man das sagen. Aber natürlich wissen die meisten Kollegen Bescheid. Sie nicht, weil Sie a) so gut wie nie im Hause sind und b) praktisch nicht mit den Kollegen reden.“ – „Heißt das, dass die Frauen keine Bulgarinnen waren?“ Der Kriminaloberrat war aufgestanden und sagte: „Kann sein, muss aber nicht. Fühöen Sie sich eingeladen, Greiper, auf Wiedersehen.“ Und warf Branko einen Zwanzig-Euro-Schein auf die Theke.

publiziert am 05.09.11 in Völkerwanderung ¦ 632x gelesen ¦ noch kein Kommentar