Fionas Aussage

Nach ein paar Stunden Schlaf wachte Robert mit Schwindelgefühlen auf. Neben ihm lag Elle in voller Montur und schnarchte. Er erinnerte sich. Rasch kramte er frische Wäsche aus dem Schrank und schloss leise die Schlafzimmertür. Er wusste, Elles Wut würde diesen Tag nicht überleben, und sein Seitensprung würde keine Folgen haben. Er duschte ausgiebig, zog sich an und bereitete sich eine Kanne Kaffee. Inzwischen hatte ein dünner Regen begonnen, der den Staub der Stadt abwusch. Robert kam an der Wohnungstür vorbei und fand den braunen Umschlag, den jemand durchgeschoben hatte. „Fionas Aussage“ stand mit breitem Filzer geschrieben darauf. Er klaubte das Couvert auf, goss sich unterwegs einen Kaffee ein und setzte sich draußen an den kleinen Tisch unter dem Vordach der Terrasse. Das Dokument bestand aus fünf Seiten, eine davon handgeschrieben. „Liebster Robert“, stand darauf, „ich bereue nicht, mit dir geschlafen zu haben. Ich bereue auch nicht, mich in dich verliebt zu haben. Ich bereue, überhaupt in diese Stadt gekommen zu sein, weil ich hier nicht finden konnten, was ich suchte.“

In den weiteren Sätzen lüftete Fiona ihre wahre Identität und den Zweck ihres Aufenthalts. Und die letzten Sätze lauteten: „Wenn du das liest, bin ich schon weg. Falls du mich wegen der Aussage erreichen willst, wende dich bitte an meinen Verlag und richte deine Anfrage an Jack Jared. Du brauchst gar nicht erst zu versuchen, mich unter meinem wahren Namen zu finden; mein Management ist groß darin, meinen jeweiligen Aufenthaltsort zu tarnen. Wir werden uns auch nie wieder sehen. Ich könnte dir jetzt hier noch einmal meine Liebe erklären, aber das wäre zu nichts nutze. Deshalb bleibt mir nur, die Glück zu wünschen. Fiona.“
Robert las den Brief ein zweites Mal. Aus einem ihm nicht erklärbaren Grund stiegen ihm Tränen in die Augenwinkel, und er knüllte das Blatt zu einem Ball, den er über das Geländer hinweg in die Tiefe warf.

Das zweite Blatt war mit einer ausgesprochen akkuraten Skizze des Tatorts versehen; verschiedene Bereiche waren mit Ziffern in Kreisen gekennzeichnet. Die anderen Blätter waren übersichtlich strukturiert und enthielten die eigentliche Aussage:
„Am Sonntagmorgen (16. August) gegen 2:30 Uhr verließ ich die Gastwirtschaft „Soulclub“ in der Altstadt. Wegen der angenehmen Temperaturen wählte ich den Weg über die Promenade am Fluß und bog dann in die (1) Straße ein, an der sich auch die (2) Bar befindet, in der es zur Explosion gekommen ist. Auf den ersten siebenhundert, achthundert Metern begegnete ich niemandem. Erst an der großen (3) Kreuzung bemerkte ich einen Mann, der mir aus Richtung der (2) Bar kommend auf der gegenüberliegenden Straßenseite entgegenkam und abbog, bevor ich die breite Straße überquerte. Aufgrund der Lichtverhältnisse konnte ich ihn nicht erkennen. Ich würde ihn als mittelgroß und auch sonst als unauffällig bezeichnen. Es sah aus, als ob er eine Basecap trug; darüber bin ich mir allerdings nicht sicher.
In diesem Straßenabschnitt zwischen Bar und Kreuzung waren in den Häusern nur insgesamt drei Fenster beleuchtet: zwei davon im (4) Haus auf der gegenüberliegenden Seite in der dritten oder vierten Etage; eins im Erdgeschoss des (5) Hauses, wo bis vor ein paar Wochen der Imbiss untergebracht war. Als ich am Eingang der (2) Bar vorbeikam, fielen mir zwei Dinge auf: 1. Im Haus auf der anderen Straßenseite, wo der Schlüsseldienst ist, blitzte es zweimal kurz in einem Fenster der ersten Etage auf. 2. Direkt an der Tür der Bar lag ein Paket Zeitungen, fest verschnürt. Also diese Zeitungen, die von Austrägern in die Briefkästen geworfen werden. Der Stapel hatte etwa die Maße einer einmal gefalteten Zeitungsseite und eine Höhe von gut einem Meter. Vielleicht handelte es sich auch um zwei aufeinander gestapelte Pakete.
In der Bar brannte kein Licht. Dafür war die Eingangstür der (6) Gaststätte gegenüber geöffnet, und ich sah den Wirt, der wohl gerade die Theke putzte. Was mir noch auffiel: Natürlich roch es im Umfeld der Bar wie immer leicht süßlich, wie der parfümierte Tabak in den Shishas. Aber in diesen Geruch mischte sich eine strenge, bittere Note, die ich nicht zuordnen konnte. Ich ging weiter. Auf dem Platz hörte ich leise Stimmen, unterdrücktes Gelächter und das Klirren von Flaschen. Ich vermute, es waren ein paar von den Jungs, die ja dort gern in der Nacht sitzen. Ich konnte nicht sehen, wo sie waren, nehme aber an, dass sie an den Tischtennisplatten hinter dem (7) Bolzkäfig abhingen.
Ich bog an der übernächsten (8) Ecke wie üblich ab. Als ich durch die Unterführung gegangen war, hörte ich einen lauten Knall, eine Detonation. Ich sah im Reflex auf die Uhr: Es war ziemlich genau 3:05. Natürlich blieb ich stehen und überlegte, umzukehren und zu sehen, was geschehen war. Ich fürchtete aber, dort auf die Polizei zu treffen und eine Aussage machen zu müssen. Das wollte ich nicht riskieren, denn ich hatte in der Nacht bis zu diesem Zeitpunkt nicht nur Alkohol getrunken, sondern auch Drogen konsumiert. Also setzte ich meinen Weg fort und ging heim. Von meinem Balkon aus sah ich den Feuerschein und hörte die Martinshörner der Feuerwehr-, Kranken- und Streifenwagen. Gegen 4:00 nahm ich ein Schlafmittel und ging ins Bett. Gezeichnet -Fiona Amsel-“

Robert las auch das Protokoll ein zweites Mal, stellte aber fest, dass der Restalkohol der mittäglichen Sauferei mit Elle sein Hirn so vernebelt hatte, dass er mit den vorgefundenen Informationen wenig anfangen konnte. Er würde Fionas Aussage am nächsten Morgen mit den anderen Quellen zum Anschlag abgleichen und dann endlich sein Dossier beginnen, bevor ihn Schmörgel dazu nötigte.

publiziert am 25.09.11 in Völkerwanderung ¦ 628x gelesen ¦ noch kein Kommentar