Hedwig und Tünn

Zu diesem Zeitpunkt war Hedwig fast 30 Jahre alt, aber es war Liebe, was sie dem großen, starken Jüngling in die Arme trieb. Noch in der Nacht nach dem Tanzvergnügen in Middelburg durfte er sie zum ersten Mal küssen. Und an einem stürmischen Abend im September ließ sie ihre Zimmertür im Dachgeschoss des Gasthofs unverschlossen und hatte dafür gesorgt, dass die Haustür nur angelehnt war. Von dieser ersten gemeinsamen Nacht stand für beide fest, dass sie gemeinsam durchs Leben gehen wollten. Ton fragte beim Pfarrer nach, ob er ihn trotz seiner jungen Jahre trauen würde. Pastor Theodorus Oudenkott bat sich Bedenkzeit aus und lud Hedwig zum Gespräch. Als er in diesem Gespräch erfuhr, dass sie zwar aus einer vorwiegend katholischen Stadt stammte, ihre Vorfahren aber Hugenotten waren, die als Protestanten aus Frankreich geflohen waren, da willigte er ein. Nun war die Familie Grijpstra in Vlissingen nach den Vorfällen rund um den Vater, dessen Frau und der unglücklichen Madeleen nicht mehr besonders angesehen. Deshalb beschlossen Ton und Hedwig im engsten Familienkreis zu heiraten.

Der alte Boudewijn war schon seit einiger Zeit in einem gnädigen Dämmer gefangen, der ihn vom Horror der Vergangenheit abschirmte, ihn aber auch an der Gegenwart nicht mehr teilhaben ließ. So waren es nur Olav, der besten Freund Tons, ein norwegischer Kaufmannssohn, der im Geschäft als Prokurist tätig war, und der Wirt vom t’Oude Hof, die das junge Paar als Trauzeugen begleiteten. So wurden die beiden an einem grauen Novembertag vom Pastor Oudenkott in der Lutherischen Kirche in der Walstraat zu Mann und Frau.

Und wieder tuschelten die ehrbaren Bürger der ehrbaren Hafenstadt. Dass der junge Hengst eine solch eingerittene Stute genommen hatte und dass man ja wisse, was von rothaarigen Frauen zu halten sei. Besonders schlimm trieben es einige hochrangige Gemeindemitglieder der Sint Jacobskerk, die vor allem den Pastor der Konkurrenzgemeinde angriffen, der diese unheilige Ehe gesegnet hatte. Den dort versammelten Kaufleuten war aber vor allem der wirtschaftliche Erfolg der Grijpstra-Companie ein Dorn im Auge, denn Ton und Olav hatten ihr Prinzip, feste Verträge mit den Bauern zu schließen, ausgedehnt und waren so erfolgreich, dass den anderen Lebensmittelhändlern wenig blieb. Eines Tages brachte die Gattin eines solchen Konkurrenten das Gerücht auf, der Erfolg der Firma Grijpstra beruhe auf schwarzer Magie, und sicher stünde die Rothaarige mit dunklen Mächten im Bunde. Von da aus bis zur ersten Brandstiftung an einer der Lagerhallen war es ein kleiner Schritt.
Vom Januar des Jahres 1888 an, dem Jahr, in dem in Deutschland drei Kaiser nacheinander regierten, wurde die junge Familie des Antonius Grijpstra und seiner Frau Hedwig nicht mehr nur geschnitten, sondern bekämpft. Als schließlich bezahlte Mörder versuchten, auch das Stadthaus anzuzünden, fassten Ton und seine geliebte Gattin den Entschluss, das Land für immer zu verlassen.

publiziert am 12.09.11 in Völkerwanderung ¦ 779x gelesen ¦ noch kein Kommentar