Ohrfeigen

Als Robert um die Ecke von Ümits Büdchen bog, stand Elle vor ihm. Wie oft bekleidet mit olivgrüner Cargohose und weißem, ärmellosen T-Shirt. Ihre Position kam ihm bekannt vor, musste wohl die Grundstellung aus einer dieser Kampfsportarten sein, die sie betrieb oder betrieben hatte. Fröhlich kam er auf sie zu und fing sich gleich die erste Maulschelle ein. „Blödes Schwein“, zischte seine Gefährtin, die vielleicht bald seine Ex-Gefährtin sein würde, und schickte einen Schlag nach. Ihm gelang es nicht, ihre Handgelenke zu greifen. Was ihm weitere Ohrfeigen eintrug, die Elle mit einem Kick in seine Weichteile krönte. Hauptkommissar Robert Greiper sackte auf dem Gehsteig zusammen und stöhnte. Sie stand breitbeinig über ihm, und wenn sie ein Kerl gewesen wäre, hätte sie ihn vielleicht als Zeichen des Sieges angepinkelt. Noch im Liegen schwante ihm, was geschehen war. Elle musste herausgefunden haben, dass er es mit seiner Nachbarin getrieben hatte. Dass sie lebensgefährlich eifersüchtig werden konnte, war ihm nicht neu. Da konnte sie noch so oft betonen, in einer freien Beziehung müsse auch mal ein Seitensprung möglich sein. Klar dass sie so argumentierte, denn in dieser Hinsicht lag sie zählbar in Führung.

Dann kam er hoch und hob gleich die Deckung an. Aber die zornige Frau hatte genug vom Zuschlagen. Statt dessen brüllte sie ihn an. Die Leute auf dem Platz hörten mit Vergnügen zu. „Kaum bin ich für ein paar Tage weg, fickst du diese miese Amischlampe! War wohl billig zu haben, was?“ Robert versuchte sie zu beschwichtigen. „Fass mich nicht an! Und, war sie willig? Hat sie dir einen geblasen? Oder den Arsch hingehalten? Nein, nein, ich weiß schon: Sie hat dich verführt. Du wolltest eigentlich gar nicht. Im Grunde hat sie dich vergewaltigt, was?“ Er hatte dann doch ihren Ellenbogen zu fassen bekommen und schob sie rückwärts vor sich her auf Brankos Kneipe zu. Dort angekommen drehte er sie um und beförderte sie in den Gastraum, in dem nur der unvermeidliche Örtzel herumsaß.

„Hör zu!“ bellte er sie an. Und tatsächlich hatte sie das Gebrüll eingestellt. „Ich will nichts beschönigen, nichts entschuldigen oder rechtfertigen. Es ist passiert, es tut mir sehr leid. Ich habe Strafe verdient und habe sie bekommen. Und jetzt reden wir wieder vernünftig, bitte.“ Branko war aus der Küche gekommen und starrte das Paar an. „Branko, gib uns bitte zwei Slivowitz.“ Der Wirt füllte die Schnäpse in der doppelten Version ab, stellte sie auf den Tresen und sagte: „Die gehen aufs Haus. Betrachtet sie als Friedenspfeifen.“ Elle schnaubte wie ein Springpferd: „Hier gibt’s keinen Frieden, hier ist grad Krieg!“ Nahm das Glas und kippte das Zeug runter. Auch Robert trank den Pflaumenbrand aus. Branko schenkte nach. Schweigend leerten die beiden Liebenden wieder die Gläser.
Als sie bei der siebten oder achten wortlosen Lage angekommen waren, fragte der Wirt, ob sie nicht doch mal ein Bier zwischendurch haben wollten. Beide nickten. Und zwei Stunden später waren Robert Greiper und Elle Hülchenrath vollkommen betrunken. Arm in Arm wankten sie nachhause, was in diesem Fall das Haus war, in dem Roberts Wohnung lag. „Was essen“, waren die letzten Worte der starken Frau bevor sie auf dem Sofa zur Seite fiel und in einen tiefen, tiefen Schlaf sank.

publiziert am 15.09.11 in Völkerwanderung ¦ 675x gelesen ¦ noch kein Kommentar