Geschichten aus dem September 2011
Madeleen war nur drei Jahre jünger als seine Mutter. Ging die Familie zusammen zur Kirche, tuschelten die Leute, denn die Ähnlichkeit zwischen der Gattin des gut beleumundeten Kaufmanns und dem Kindermädchen war verblüffend. Auch wenn die Haut von Mevrouw Grijpstra nicht so dunkel wie die der Hausangestellten war, so glichen sich die Nasen, Münder und Augen sehr. Schon bald hieß es unter den bigotten Bürger Vlissingens, der Kaufmann habe sich eine Negerin aus den Antillen mitgebracht, und weil ihm eine nicht reichte, habe er gleich zwei genommen. Natürlich schnitten die ehrbaren Gattinen Tünns Mutter, und auch der Vater konnte sich in den Zirkeln der zeeländer Handelsherren nicht etablieren. Zum Glück waren er und sein Geschäft von derlei sozialen Gegebenheiten nicht abhängig, weil das Gros der Kunden nicht aus der Region stammte. Immer öfter geriet Tünn nun in Schlägereien mit Straßenjungs und Mitschülern, die ihn wegen seiner Negermutti hänselten. Und mit jeder Rangelei, jeder Ohrfeige und jedem Boxhieb, den er austeilte, wurde er stärker und unerbittlicher. Seine Mutter verkroch sich im Nähzimmer und Boudewijn hatte sich dem heimlichen Trunk ergeben. Sechs Tage die Woche blieb er bis über Mitternacht hinaus im Kontor und trank das bittere belgische Bier, das man in Vlissingen bevorzugte. .: mehr :.
An einem Freitag im November ließ Antonius Jeroen Grijpstra im Standesamt der Stadt, in der nur schon über sechs Jahre lebte, seinen Namen ändern. Er wolle nun Greiper heißen. Er hatte allerlei Dokumente über seine Herkunft beigebracht, und der Beamte zögerte nicht lange, dem Gesuch des ehemaligen Niederländers zu entsprechen. Schon vor einem Jahr war er als Bewohner der Rheinprovinz preussischer Staatsbürger geworden und hatte so einen Schlussstrich unter seine Emigration gezogen. Dass er die Namensänderung an diesem 9. November des Jahres 1894 vollzog, hatte seinen Grund in der Tatsache, dass seine Gattin Hedwig kurz vor der Niederkunft stand. Noch im November würde also sein erstes Kind geboren werden, und Antonius, den sie in der Nachbarschaft Tünn nannten, wollte, dass dieser Nachkomme von Anfang an Deutscher sein sollte. Er selbst war, wie sein Vater Boudewijn, sein Großvater und sein Urgroßvater zuvor, auf der karibischen Insel Aruba geboren, also Sproß einer Kolonialistenfamilie. Aus den Papieren, von denen er vor seiner Übersiedlung hatte Abschriften erstellen lassen, ergab sich, dass es wohl ein gewisser Adriaan Gerrit Kerckebosch gewesen war, der im späten siebzehnten Jahrhundert von Rosendaal aus in die Kolonien gezogen war, um dort ein Geschäft zu eröffnen. Dieser war kinderlos gestorben, und seine Frau Saskia hatte dann einen Grijpstra geheiratet, von dem sie elf Kinder empfing. Nur sechs davon erlebten das Erwachsenenalter. .: mehr :.
