Razzia

Und weil Ümit vom Büdchen an der Ecke ihn nicht bis elf Uhr angerufen hatte, klingelte Hauptkommissar Greiper bei den Kollegen von den Eigentumsdelikten an. „Gerne“, sagte der Beamte am Telefon, „beim Karadoglu wollten wir schon immer mal vorbeischauen. Ach, da gibt es einen Lagerraum, den er sich mit dem Albaner teilt…“ Als er nun von Brankos Kneipe aus Richtung Präsidium schlenderte, sah er an der Ecke schon die unauffälligen Bullys. Der Eingang zum Büdchen wurde von einem Prachtkerl aus dem Zivilbereich bewacht und drinnen gab’s Geschrei. Ümit krakeelte herum. Dann sah er Greiper durchs Schaufenster und tischte aus. Der Hauptkommissar grinste sich eins und bog ums Eck. Auch das Ladenlokal des Schlüsseldienstes war unter Polizekontrolle. Er zeigte seinen Dienstausweis und ging rein. Filim Kuqi saß einigermaßen bedröppelt auf dem Kundenstuhl im Eck und sah dabei zu, wie fünf, sechs Kriminaler seine Bude auf den Kopf stellten. Der Einsatzleiter lungert am Fenster herum und bohrte in der Nase. „Den könnense vergessen, Herr Kollege,“ sprach ihn Greiper von der Seite an, „ich würd mich auf das Lager im Innenhof konzentrieren.“ Er erntete einen pikierten Blick: „Schön dass sich die Mordkommission jetzt auch in dieses Thema einmischt.“

„Mal langsam. Der Tipp kam von mir und bezog sich auf den Herrn Karadoglu. Mir wäre lieb, wenn sie den grillen, damit er seine Erinnerung an die Nacht wiederfindet, in der die Bar in die Luft geflogen ist.“ Der Kollege dachte kurz nach, nickte dann und rief seine Männer zurück. Dann waren der Albaner und Greiper allein im Laden. „Danke“, sagte Filim. „Wofür?“ – „Dass sie die Polizisten weggeschickt haben. Ich bin sauber. Ich mach nur ehrliche Sachen.“ Der Hauptkommissar sah sich um. „Daran zweifle ich nicht. Wo wohnen Sie eigentlich?“ Kuqi war aufgestanden und in seinen Werkstattbereich gewechselt. „Andere Seite von der Stadt.“ Greiper lehnte auf dem Tresen und frage weiter: „Wann haben Sie von dem Anschlag erfahren?“ Der Inhaber antwortete schnell: „Als ich am Morgen den Laden aufmachte, da hab ich gesehen. War schon alles abgesperrt. Furchtbar.“ – „Sie waren manchmal zu Gast in der Bar?“ – „Ja, manchmal. Im Sommer. Hab draußen mit Freunden Shisha geraucht.“ Er hatte sich ein Werkstück vom Bord genommen, es eingespannt und begann daran herumzufeilen. „Herr Kuqi, hören Sie bitte kurz auf damit. Kennen Sie den Besitzer?“ Der Albaner richtete sich auf und dachte kurz nach: „Nein, der ist ja nicht hier. In Hamburg, glaub ich. Kawa und Azan sind ja nur Angestellte.“ – „Ist Ihnen an der Bar irgendwas aufgefallen?“ Der Verhörte sah den Hauptkommissar intensiv an. „Ja“, sagte er kurz. „Und was?“ – „Kamen viele komische Leute mit dicken Autos. Immer mit Frauen. Aber die Frauen haben immer nur drinnen gesessen.“

Greiper gefiel die Art, wie der Ladenbesitzer mit der Befragung umging. Bisher passten dessen Aussagen durchweg ins Bild. Ihm war klar, dass er hier einen wirklich wichtigen Zeugen gefunden hatte, der auch bei Gegenüberstellungen zu gebrauchen sein würde. Also bedankte er sich ausführlich. „Ich würde gern im Zuge der weiteren Ermittlungen auf Sie zurückkommen, Herr Kuqi. Ist das okay für Sie?“ Der Albaner nickte. „Ein Tipp noch: Halten Sie Abstand vom Ümit, der zieht Sie sonst in etwas rein, was Ihnen nicht guttäte.“

publiziert am 09.09.11 in Völkerwanderung ¦ 604x gelesen ¦ noch kein Kommentar