Rheinprovinz

Es war Hedwig gewesen, die vorschlug, in ihre Heimatstadt zu ziehen, ein Ort, der zu jener Zeit einen enormen Aufschwung erlebte und dessen Einwohnerzahlen drastisch anwuchsen. Dort, so ihre Meinung, würden sie sich mehr oder weniger anonym ansiedeln und ein Geschäft eröffnen können. Zwar könnte sie kaum damit rechnen, von ihrer Verwandtschaft unterstützt zu werden, aber sie habe doch immer noch viele Freunde dort. Ton übertrug die Prokura am Familiengeschäfdt auf seinen Freund Olav, mit dem er zwei Verträge schloss. Der eine sicherte ihm für die kommenden zehn Jahre eine monatliche Abschlagszahlungen auf erzielte Gewinne, der zweite sollte die Geschäftsbeziehungen zwischen dem alten Handelshaus in Vlissingen und seiner neuen Firma in der Fremde sichern. Das ungleiche Paar fand schnell ein Haus im alten Teil der Stadt und erwarb einen Stand auf dem zentralen Markt. Bald galten sie als eines der besten Geschäfte für Obst und Gemüse am Platz. Und schon nach drei Jahre, in denen Hedwig und er beinahe rund um die Uhr gearbeitet hatten, gründeten sie einen Großhandel für Kolonialwaren und eröffneten zwei Ladengeschäfte. Da war Antonius Jeroen Grijpastra gerade einmal zwanzig Jahre alt.

Nun hatten Sie Angestellte, und Hedwig, die mehr Geschick im Umgang mit Menschen hatte, übernahm die Führung der Leute, half aus, wo es nötig war, lobte und tadelte, und wenn jemand aus der Belegschaft Probleme hatte, dann unterstütze sie den nach Kräften. Tünn, wie sie im Rheinland nannten, war dagegen der Mann für die Außenkontakte, fädelte Lieferverträge ein, ging zu den Banken und Ämter, und hatte inzwischen so gut Deutsch gelernt, dass kaum jemand, der ihn nicht kannte, auf die Idee kam, er könne Ausländer sein. Trotz des großen Erfolgs lebten die beiden bescheiden und hielten sich so weit es ging aus dem gehobenen Sozialleben der Stadt heraus. Natürlich gingen sie allsonntäglich zur Kirche und amüsierten sich auf dem Schützenfest, aber Mitglied in einem der Vereine der Stadt wurde Tünn nicht. Und auch wenn er nicht an Heimweh litt, dachte er doch nicht selten an die Eltern, an Vlissingen und sogar auch an Aruba, obwohl er sich kaum an die Insel, die er mit kaum vier Jahren verlassen hatte. Der Kontakt zu Olav und dem Familienunternehmen in den Niederlanden verlief durchweg schriftlich, und nur einmal war der norwegische Freund auf der Durchreise ins Land seiner Eltern für ein paar Tage in der Stadt gewesen.

Langsam und für ihn selbst ganz unmerklich wurde Antonius Teil der Gemeinde, Teil der Region. Das Leben in diesen goldenen Jahren vor der Jahrhundertwende war angenehm, die Ziele, die er und seine Frau sich setzten, erreichten sie auch. Und Tünn sah keinen Grund, nicht Bürger des Staates zu werden, der ihn ohne Umstände aufgenommen hatte. So wurde er am 17. Juni 1893 preussischer Staatsbürger, was auch den Vorteil mit sich brachte, in einigen Bereichen geringere Steuern zahlen zu müssen. Andererseits drohte ihm, der ja noch jung genug war, im Kriegsfall zur preussischen Armee eingezogen zu werden. Aber in diesen friedlichen Zeiten sprach niemand vom Krieg. In diese Epoche hinein bringt Hedwig am 21. November 1894 einen gesunden Knaben auf die Welt, der drei Tage später auf den Namen Jakob Bodo getauft wird und als erster Sproß der Familie vom Tag seiner Geburt an den Nachnamen Greiper tragen wird.

publiziert am 20.09.11 in Völkerwanderung ¦ 859x gelesen ¦ noch kein Kommentar