Scherbengericht

Über den Tag hatte sich der August noch einmal auf die ihm angemessene Hitze besonnen. Schon seit Tagen waren die Temperaturen gleichmäßig angestiegen. Die Bäche und Gräben fielen trocken und begannen, nach Abwasser zu riechen. Über der Stadt lag ein leichter Duft von Scheiße. Die Hauswände, auf denen die Sonne ihr Werk getan hatten, waren zu heiß zum Anfassen. So war einer dieser Sommertage entstanden, wie Robert sie aus Kindertagen kannte. Als er in kurzen Hosen durch die Straßen gezogen war, und es sich an den nackten Beinen anfühlte, als ginge er durch eine warme Suppe. Die Dämmerung brachte keine Abkühlung. Viele Leute aus dem Viertel saßen vor den Türen oder auf den Bänken am Platz. Jeder hatte etwas zum Trinken dabei, überall hörte man die Menschen plaudern. Die Bande hatte beschlossen, draußen zu übernachten. Jürgen und Dominik, den sie Dom nannten, hatten Matratzen aus dem Sperrmüll besorgt. Und so waren nun acht, neun Bettenlager am Rande des Bolzkäfigs ausgebreitet. Dicke Kerzen, bei denen sich Robert fragte, wo die Jungs die geklaut hatten, beleuchteten die Szene. Amir zeigte einen Spielfilm auf seinem Notebook, jemand hatte eine Zweiliterflasche billigen Wein organisiert. In einer Schubkarre voller Wasser kühlten sie ihr Bier. Als sie den Hauptkommissar bemerkten, wurden sie laut, riefen ihm Witzchen zu und sanfte Beleidigungen. Was er denn wolle, fragte Ocho schließlich.

Robert Greiper stand da und sah sich in der Runde um. Besonders beliebt waren sie nicht, die jungen Männer aus dem Viertel, die sich hier jeden Tag trafen, im Winter wie im Sommer. Obwohl sie niemandem was taten, höchstens mal im Supermarkt etwas organisierten oder bei einer ihrer Partys bisschen zu laut wurden für manchen Nachbarn. Natürlich wusste der Polizeibeamte, wer welche Vorstrafen hatte. Dass Freddy schon mit vierzehn wegen schwerer Körperverletzung aufgefallen war und nach seiner Jugendstrafe ein Antiaggressions-Training hatte machen müssen. Es hieß, das sei bei ihm nur in soweit angeschlagen, dass er nicht mehr gleich zuschlüge, käme ihm jemand blöd. Wie oft Rani beim Klauen erwischt worden war, ließ sich an zwei Händen nicht abzählen, und Rahid hatte im zarten Alter von sechzehn bereits eine Karriere als Hehler hinter sich. Ocho, Sohn von William Williams, war der mit Abstand intelligenteste und einer, der Sprache als Waffe einsetzen konnte. Dieser große, ernste Kerl versorgte den halben Kiez mit bestem Gras aus Holland und war auch sonst nicht unbeliebt bei Leuten verschiedenster Altersklassen. Gern half er alten Damen über die Straße oder machte Besorgungen für Nachbarn, die nicht mehr gut zu Fuß waren.

Er habe nur mal vorbeischauen wollen, antwortet Greiper jetzt. Außerdem habe er eine Bitte. Wenn sie tatsächlich die ganze Nacht auf dem Platz bleiben würden, dann sollten sie doch bitte ein Auge auf die Ecke haben, wo die Bar gewesen war. Es könne sein, dass der Täter zum Tatort zurückkehre. Ocho lachte und sagte, wie im Krimi, was. Und doch nahmen sie seinen Auftrag ernst.

Allerdings taten im Verlauf der warmen Nacht dann doch THC und Alkohol ihre Wirkung, und so bekamen sie nicht mit, dass jemand ausgerechnet die Scheiben am Laden von Ochos Vater eingeschlagen und etwas an die Tür gesprayt hatte. Erst gegen acht Uhr am Morgen sah Amir das, der als erster wach war. „Neger ist Mörder!“ stand da. Und der Gehweg war übersät mit Scherben.

publiziert am 30.09.11 in Völkerwanderung ¦ 719x gelesen ¦ noch kein Kommentar