Sehr alte Zeiten

An einem Freitag im November ließ Antonius Jeroen Grijpstra im Standesamt der Stadt, in der nur schon über sechs Jahre lebte, seinen Namen ändern. Er wolle nun Greiper heißen. Er hatte allerlei Dokumente über seine Herkunft beigebracht, und der Beamte zögerte nicht lange, dem Gesuch des ehemaligen Niederländers zu entsprechen. Schon vor einem Jahr war er als Bewohner der Rheinprovinz preussischer Staatsbürger geworden und hatte so einen Schlussstrich unter seine Emigration gezogen. Dass er die Namensänderung an diesem 9. November des Jahres 1894 vollzog, hatte seinen Grund in der Tatsache, dass seine Gattin Hedwig kurz vor der Niederkunft stand. Noch im November würde also sein erstes Kind geboren werden, und Antonius, den sie in der Nachbarschaft Tünn nannten, wollte, dass dieser Nachkomme von Anfang an Deutscher sein sollte. Er selbst war, wie sein Vater Boudewijn, sein Großvater und sein Urgroßvater zuvor, auf der karibischen Insel Aruba geboren, also Sproß einer Kolonialistenfamilie. Aus den Papieren, von denen er vor seiner Übersiedlung hatte Abschriften erstellen lassen, ergab sich, dass es wohl ein gewisser Adriaan Gerrit Kerckebosch gewesen war, der im späten siebzehnten Jahrhundert von Rosendaal aus in die Kolonien gezogen war, um dort ein Geschäft zu eröffnen. Dieser war kinderlos gestorben, und seine Frau Saskia hatte dann einen Grijpstra geheiratet, von dem sie elf Kinder empfing. Nur sechs davon erlebten das Erwachsenenalter.

Tünns Opa, der Mijnheer Jacob Adolphus Grijpstra, hatte ihm gerne Geschichten aus den alten Zeiten erzählt. Da war die Rede von einem florierenden Handelsunternehmen, das nicht nur im Warenverkehr zwischen den Antillen und dem Mutterland tätig war, sondern im Oranjestad des achtzehnten Jahrhunderts gleich vier Ladengeschäfte und zwei Marktstände betrieb. Bei Seeleuten aus aller Welt beliebt war vor allem das Bekleidungsgeschäft, in der die Grijpstras Matrosentrachten aus aller Welt anboten. So kam es, dass der Name der Familie auf Tausenden Schiffen bekannt war und einen guten Ruf genoss. Anscheinend war es aber um 1780 herum zu einem Brüderstreit gekommen, denn etwa in diesen Jahren trugen die Geschäftsbücher dieses Kleiderladens wieder den Namen Kerckebosch. Die Grijpstras hatten sich wohl ganz dem Handel mit Lebensmitteln gewidmet und im Jahr 1869 ein Handelshaus in Vlissingen eingerichtet, an das sie Kolonialwaren karibischer Herkunft lieferten. Und genau diese Filiale übernahm der damals 24-jährige Boudewijn und siedelte im Mai 1871 mit seiner jungen Frau und dem ersten Sohn in die Provinz Zeeland um.
Antonius war im Vorjahr gerade erst drei Jahre alt geworden. Ein strammer, blonder Bub, den satt zu bekommen seiner Mutter bisweilen schwerfiel. Die hatte ihn im Alter von siebzehn Jahren und dreizehn Tagen geboren, und der Pastor in der calvinistischen Großkirche von Oranjestad hatte die Eltern, die in inniger Liebe verbunden waren, nur wenige Tage zuvor getraut, sodass Tünn ehelich geboren wurde. Und so wie seine Mutter es mit ihm in den Kleinkindetagen nicht leicht hatte, bereitete er seinen Eltern später oft Sorgen. Mit sechs Jahren hatte er Größe und Gewicht eines Zehnjährigen, Konflikte trug er stets mit Gewalt aus, und seine laute Stimme war in der ganzen Kasteelstraat, wo die Familie gleich gegenüber der Kirche ein herrschaftliches Stadthaus bewohnte, bekannt. Wann immer sein Kindermädchen, die dunkelhäutige Madeleen, nicht aufpasste, riss er aus und trieb sich bis in de Nacht im Hafen oder am Südstrand bei den Fischern herum.

publiziert am 03.09.11 in Völkerwanderung ¦ 907x gelesen ¦ noch kein Kommentar