Sprengkraft

Am frühen Morgen des Freitag erschütterte eine ungeheure Explosion den Nordwesten der Stadt. In der Nacht war das Wetter umgeschlagen. Wolken waren aus Westen aufgezogen und bildeten einen Deckel über den heißen Straßen und Plätzen. Der große Knall zerstörte im Umkreis von fast fünf Kilometern die Fenster, und die Schwüle zog in die Zimmer. Die Halle der Firma Pyronautics war fast vollkommen zerstört. Teile des Dachs landeten in Umkreis von tausend Meter und beschädigten die Autos im benachbarten Vorort. Hier am Ortsrand hatte sich vor gut zwölf Jahren der Mann angesiedelt, der sich selbst Sprengstoffexperte, Feuerwerker und Pyrokünstler nannte. Durch die weltweiten Medien hatte man seinen Namen gereicht, nachdem er im Auftrag einer globalen Bank ein herzförmiges Loch in deren Außenmauern gesprengt hatte – die Bosse des Finanzinstituts hatten das als Kunst begriffen, das Publikum eher nicht. Auch seine Aktion auf den Wiesen jenseits des Flußes, bei dem ein fast zehn Meter hohes Gerüst aus Holz und Metall über 24 Stunden gebrannt hatte, stieß nicht bei allen Bürgern auf Gegenliebe. Lorenzo Bhy, so der Name des Künstlers, sagte von sich, er sei im Zeichen des Feuers geboren. Die Flammen seien immer gut zu ihm gewesen und deshalb liebe er sie auch.

Sein Hauptquartier war sorgfältig ausgewählt: anderthalb Kilometer vom nächsten Wohngebiet entfernt hatte er das gesamte Gelände eines vor Jahrzehnten geschlossenen Röhrenwerkes übernommen. Die Eigentümer hatten es ihm für einen symbholischen Preis von einem Euro verkauft. Die Auflage der Stadt bestand darin, dass er dort bis zum geplanten Abriss Arbeitsplätze und Ausbildungsstellen bereitzuhalten habe. Natürlich lagerten dort die unterschiedlichsten explosiven Stoffe und brennbaren Materialien, und die Nachbarn hatten trotz der großen Entfernung schon seit Längerem davor gewarnt, dass es bei Pyronautics zu einer Katastrophe kommen könne. Tatsächlich hatte es über die Jahre immer mal den einen oder anderen Knall gegeben, aber der Vorfall der vergangenen Nacht bewegte sich in einer anderen Dimension.

Als Hauptkommissar Greiper von der Sache im Lokalradio erfuhr, ließ er sich mit einem Taxi zum Ort des Geschehens bringen. Wo er doch gerade im Thema war, dachte er, könne er sich das einmal aus der Nähe ansehen, halb dienstlich, so zu sagen. Schon auf dem Weg zum Droschkenplatz war er naß geschwitzt. Es war neun Uhr morgens, und die warme Luft stand unbewegt zwischen den aufgeheizten Häusern. Der Chauffeur sah erschöpft aus, antwortete aber auf die Frage, seit wann er fahre, nicht. Greiper schätzte, der Fahrer sei ein Inder oder Pakistani. Er hatte das Ende der Allee, die aus dem nordwestlichen Stadtteil zu diesem schnöseligen Vorort führte, als Adresse angegeben. Nachdem er ausgestiegen war, nahm er diesen speziellen Geruch wahr, der in der Silvesternacht nach der allgemeinen Knallerei in der Luft hängt. Kaum hundert Meter vor ihm standen Dutzende Feuerwehrfahrzeuge, Streifenwagen und Krankentransporter mit blinkenden Lichtern auf der Fahrbahn. Wo die Halle gestanden hatte, hing ein Rauchpilz in der Luft.
Als er näher kam, erkannte er Hauptbrandmeister Brandt, den er ein paar Tage zuvor besucht hatte. „Sieht aus wie im Krieg“, sagte er. Brandt nickte. „Großer Löscheinsatz?“ fragte der Hauptkommissar. „Nein“, sagte der Feuerwehrmann, „da gab es nichts zu löschen. Ist einfach alles in die Luft geflogen. Die brennbaren Sachen sind in Minuten abgefackelt.“ Sie gingen zusammen ein paar Schritte auf den Ort des Unglücks zu. „Tote?“ fragte Greiper. „Können wir noch nicht sagen. Außerhalb des Werksgeländes gab es wohl keine Opfer. Aber ob und wie viele Personen sich in der Fabrik aufgehalten haben, wissen wir nicht.“ – „Gehört doch diesem Feuerkünstler“, sagte der Kriminalbeamte. „Ja“, gab Brandt zurück, „diesem Lorenzo Bie, Bei oder Bü oder wie man das ausspricht.“ – „Was ist denn der für ein Landsmann?“ – „Keine Ahnung“, meinte der Feuerwehrmann, „könnte Brasilianer sein, sah jedenfalls so aus.“ – „Sie kennen den?“ – „Ja, ich hab damals die Scheiterhaufenaktion begleitet als zuständiger Brandmeister…“ Sie blieben am Flatterband stehen, mit dem die Polizei das Gelände gesichert hatten. „Und, sind Sie jetzt auch involviert?“ Hauptbrandmeister Brandt grinste: „Nein, bin privat hier. Und Sie?“ – „Ich auch. Ist denn der Lorenzo schon aufgetaucht?“ Der Brandexperte schüttelte den Kopf: „Kein Ahnung. Fragen Sie doch mal einen Ihrer Kollegen.“

Tatsächlich stand einer Kommissar in der Nähe, den Greiper aus der Raucherecke am Präsidium kannte. Er ging rüber und sprach den Beamten an. Der antwortete knapp, und der Hauptkommissar kam zurück und erstattete Bericht: „Wie es so schön heißt: Der Aufenthaltsort des Eigentümers ist nicht bekannt.“ Dann standen die beiden Beamten noch eine Weile schweigend da und starrten auf die qualmenden Trümmer, die einmal Arbeitsort des berühmten Pyronauten Lorenzo Bhy waren.

publiziert am 11.09.11 in Völkerwanderung ¦ 618x gelesen ¦ noch kein Kommentar