Geschichten aus dem Oktober 2011
Die Bande diskutierte aufgeregt als Greiper eintraf. Den Mörder Mohammads wollten sie finden und den Freund rächen. Rund um den Platz blitzte Blaulicht, überall liefen uniformierte Polizisten und Kriminalbeamte herum und versuchten, im Chaos der vier Fälle Spuren zu sichern. Der Hauptkommissar griff sich den Einsatzleiter und ließ den einen Gefangenentransporter anfordern. Die Jungs vor sich selbst zu schützen schien im momentan die wichtigste Maßnahme. Und so landeten Ocho, Dom und die anderen im Polizeigewahrsam. Natürlich hatten sie ihn wieder beschimpft, und Robert Greiper musste an eine lange Diskussion mit Elle denken, die vor ein paar Monaten an Deck ohres Hausbootes im Hafen stattgefunden hatte. Da hat er sich schon einmal sehr über die Migrantensöhne aufgeregt. “Weißt du”, hatte er zu seiner Liebsten gesagt, “manchmal hasse ich diese Testosteronopfer südosteuropäischer oder arabischer Herkunft. Die schwafeln immer von Ehre und Respekt, aber nur wenn’s ihnen in ihren verqueren Kram passt.” .: mehr :.
Das örtliche Boulevardblättchen, das Robert so sehr verabscheute, würde am Montag die Überschrift “Blutnacht am Platz” wählen. Und tatsächlich waren in dieser Nacht voller Hitze, in der die Steine glühten und die Bäume vor lauter Trockenheit die Blätter abwarfen, die Dinge eskaliert. Denn die zerschlagenen Scheiben am Laden von William Williams waren nicht das einzige gewalttätige Ereignis. Als Ümit gegen sieben das Büdchen öffnen wollte, entdeckte er im gemeinsamen Eingang zum Schlüsseldienst frische Blutspuren. Er fand die Tür unverschlossen, trat ein und wäre beinahe auf Filim getreten, der in einer dunklen Lache am Boden lag. Der Notarzt zählte bei der Erstversorgung mehr als dreißig Messerstiche in den Bauch und den Hals. Man legte ihn ins künstliche Koma und verpasste ihm etliche Transfusionen. Er würde es überleben, sagte der verantwortliche Doktor. Als die Jungs einer nach dem anderen erwachten und sich erhoben, stand die Sonne schon hoch. Freddy schlug sich in die Büsche zum Wasserlassen. Dort lag der Örtzel und stöhnte. Sein Gesicht war eine blutige Masse. Dann stellten sie fest, dass Mohammad fehlte. Ihn würde die Polizei nach Stunden tot im Hinterhof von Brankos Kneipe finden; jemand hatte ihm die Kehle durchgeschnitten. .: mehr :.
Robert Greiper (60): Nachkomme niederländischer Einwanderer, Hauptkommissar und letztes verbliebenes Mitglied der eigentlich aufgelösten Mordkommission, lebt im Viertel und lebt in einer komplizierten Beziehung zu…
Dr. Elke-Maria Hülchenrath (47) – genannt Elle: Sproß einer seit Generationen in der Stadt lebenden Gastronomendynastie, Ökotrophologin, Autorin eines erfolgreichen Buchs zum Abnehmen, bewohnt das Hausboot, auf das Robert nicht ziehen wollte.
Dr. Reinhard Schmörgel (42): Kriminaloberrat und nominell Robert Greipers Vorgesetzter, schließt einen Deal mit seinem Hauptkommissar ab, der diesen unter Druck setzt.
Hubertus Houben (33) – genannt HH: Kriminalassistent, der Hauptkommissar Greiper zuarbeitet und zur Hysterie neigt. .: mehr :.
Tünn hatte im ersten Jahr des neuen Jahrhunderts ein stattliches Haus in der neuen Vorstadt erworben, nur eine Straße vom großen Marktplatz entfernt, auf dem Hedwig den großen Obst- und Gemüsestand betrieb. Im Erdgeschoss hatte er ein Ladengeschäft einrichten lassen. Sein Freund Olav wiederum, der die väterliche Firma in Vlissingen übernommen hatte, war auf die Idee gekommen, sich auf Kolonialwaren zu spezialisieren, und wurde natürlich Tünns wichtigster Lieferant. Bald war “Greiper am Markt” als erstes Delikatessengeschäft der Stadt bekannt und beliebt. 1904 übernahm das Unternehmen Verkaufsräume im Nachbarhaus, wo die Bürger der Stadt nun Wild und Geflügel sowie Käse aus ganz Europa kaufen konnten. Das Geschäft florierte, und der kleine Köbes – niemand nannte ihn Jakob! – wuchs im Schatten dieses Erfolgs und weitgehend unbeaufsichtig auf. Nach der Schule trieb er sich im Flusshafen herum und mit elf hatte er sich als blinder Passagier auf einem Schleppkahn eingeschlichen und war bis Emmerich unentdeckt mitgefahren. Ob er ernsthaft hatte ausreißen wollen, ließ sich nicht endgültig klären, und weil Tünn ein sanfter Vater war, bestand seine erzieherischen Tat in diesem Fall aus einem Vortrag über die Gefahren der Binnenschifffahrt. Mit sechzehn hatte der Sohn, der zum Unglück seiner Mutter Einzelkind geblieben war, genug von der Schule und verließ das Realgymnasium, um seinen Dienst fürs Vaterland zu absolvieren. Die mit Müh und Not erreichte mittlere Reife brachte ihm das Privileg, lediglich ein Jahr dienen zu müssen. .: mehr :.

