Blühende Zeiten

Tünn hatte im ersten Jahr des neuen Jahrhunderts ein stattliches Haus in der neuen Vorstadt erworben, nur eine Straße vom großen Marktplatz entfernt, auf dem Hedwig den großen Obst- und Gemüsestand betrieb. Im Erdgeschoss hatte er ein Ladengeschäft einrichten lassen. Sein Freund Olav wiederum, der die väterliche Firma in Vlissingen übernommen hatte, war auf die Idee gekommen, sich auf Kolonialwaren zu spezialisieren, und wurde natürlich Tünns wichtigster Lieferant. Bald war „Greiper am Markt“ als erstes Delikatessengeschäft der Stadt bekannt und beliebt. 1904 übernahm das Unternehmen Verkaufsräume im Nachbarhaus, wo die Bürger der Stadt nun Wild und Geflügel sowie Käse aus ganz Europa kaufen konnten. Das Geschäft florierte, und der kleine Köbes – niemand nannte ihn Jakob! – wuchs im Schatten dieses Erfolgs und weitgehend unbeaufsichtig auf. Nach der Schule trieb er sich im Flusshafen herum und mit elf hatte er sich als blinder Passagier auf einem Schleppkahn eingeschlichen und war bis Emmerich unentdeckt mitgefahren. Ob er ernsthaft hatte ausreißen wollen, ließ sich nicht endgültig klären, und weil Tünn ein sanfter Vater war, bestand seine erzieherischen Tat in diesem Fall aus einem Vortrag über die Gefahren der Binnenschifffahrt. Mit sechzehn hatte der Sohn, der zum Unglück seiner Mutter Einzelkind geblieben war, genug von der Schule und verließ das Realgymnasium, um seinen Dienst fürs Vaterland zu absolvieren. Die mit Müh und Not erreichte mittlere Reife brachte ihm das Privileg, lediglich ein Jahr dienen zu müssen.

Tünn war nicht nur ein sanfter Vater, sondern insgeheim Anhänger der Friedensbewegung jener Jahre. Schon um die Jahrhundertwende herum hatte er sich für die Schriften der Bertha von Suttner begeistern können, und erzählte im engen Freundeskreis immer gern, dass er dem Barras ein Schnippchen geschlagen habe mit seiner Einbürgerung. Die hätte eigentlich zu einer Dienstpflicht in der kaiserliche Armee führen müssen, aber da der Fall, dass ein Niederländer zum Preussen wurde, so selten war, hatte ihn der Arm des Militärs nicht erreicht. Entsprechend betrübt war er über die Freude seines Sohns an seiner Dienstzeit. Hedwig wurde erst unruhig als dieser verkündete, er habe sich für eine Offizierslaufbahn entschlossen und bereits die entspechenden Dokumente unterzeichnet. So kam Jakob Bodo Greiper im Mai des Jahres 1912 im Alter von nicht einmal achtzehn Jahren zur Kriegsmarine nach Kiel. Unmittelbar nach seiner Ausbildung landete er als Kadett auf dem Schlachtschiff SMS Rheinland und begab sich im Spätsommer 1913 auf große Fahrt. Seine Eltern würden erst im November 1918 von ihm hören.

Robert Greiper hatte seinen Großvater noch kennen gelernt, denn Jakob erreichte das stolze Alter von 86 Jahren und blieb bis zu seinem Tod hellwach und aufmerksam und konnte seinen Enkelkinder manche Geschichte erzählen. Nur die fünf Kriegsjahre, die er zum Teil auf Kriegsschiffen zum Teil in Gefangenschaft in Südamerika verbracht hatte, blieben im Dunkeln. Er weigerte sich schlicht, darüber zu reden. Dafür wusste er über die Jahre des zweiten Weltkriegs, durch den er sich geschickt und schadlos manövriert hatte, jede Menge Anekdoten vorzutragen.

publiziert am 02.10.11 in Völkerwanderung ¦ 792x gelesen ¦ noch kein Kommentar