Blutnacht

Das örtliche Boulevardblättchen, das Robert so sehr verabscheute, würde am Montag die Überschrift „Blutnacht am Platz“ wählen. Und tatsächlich waren in dieser Nacht voller Hitze, in der die Steine glühten und die Bäume vor lauter Trockenheit die Blätter abwarfen, die Dinge eskaliert. Denn die zerschlagenen Scheiben am Laden von William Williams waren nicht das einzige gewalttätige Ereignis. Als Ümit gegen sieben das Büdchen öffnen wollte, entdeckte er im gemeinsamen Eingang zum Schlüsseldienst frische Blutspuren. Er fand die Tür unverschlossen, trat ein und wäre beinahe auf Filim getreten, der in einer dunklen Lache am Boden lag. Der Notarzt zählte bei der Erstversorgung mehr als dreißig Messerstiche in den Bauch und den Hals. Man legte ihn ins künstliche Koma und verpasste ihm etliche Transfusionen. Er würde es überleben, sagte der verantwortliche Doktor. Als die Jungs einer nach dem anderen erwachten und sich erhoben, stand die Sonne schon hoch. Freddy schlug sich in die Büsche zum Wasserlassen. Dort lag der Örtzel und stöhnte. Sein Gesicht war eine blutige Masse. Dann stellten sie fest, dass Mohammad fehlte. Ihn würde die Polizei nach Stunden tot im Hinterhof von Brankos Kneipe finden; jemand hatte ihm die Kehle durchgeschnitten.

Das alles erfuhr Hauptkommissar Greiper nach einer schlaflosen Nacht, die er mit einer Flasche finnischem Vodka auf der Terrasse verbracht hatte. Unwillig hatte er das Handy gegriffen, das nicht aufhören wollte zu läuten. Der Anrufer kam anonym, und die Stimme war ihm unbekannt. „Lassen Sie mich einfach erzählen. Hören Sie zu, und reden Sie nicht dazwischen“, hatte der Mann am anderen gesagt. Greiper versuchte, den Akzent zuzuordnen, was ihm nicht gelang. Dann zählte der Typ in nüchternen Worten auf, dass es einen versuchten Brandanschlag auf Williams‘ Geschäft gegeben habe, einen Mordversuch an Filim Kuqi, einen vollendeten Mord an Mohammad und dass man dem Örtzel beinahe den Schädel eingeschlagen habe. Bevor der Hauptkommissar reagieren konnte, hatte der Anrufer aufgelegt.

Greiper unternahm die übliche Prozedur zum Nüchternwerden. Nach einer halben Stunden Wechselduschen setzte er ein großes Glas mit Cola, zwei Aspirin und zwei Teelöffeln Instantkaffee an. Er trank die Brühe auf einen Sitz und briet sich drei Eier in Butter, die er anschließend mit ein paar Tomatenscheiben und Toast verspeiste. Wäre Elle in der Nacht bei ihm gewesen, hätte sie ihn sicher an dieser Gewaltkur gehindert und eine Reihe alternativer Vorschläge gemacht. Aber nach den Vorfällen der letzten Tage hatte sie ihrer Beziehung eine Bedenkpause verordnet und war aufs Hausboot gezogen. Sie hätte ihm eh nicht helfen können. Wenn sein Job blutig wurde, bat sie immer darum, keine Details anhören zu müssen. Robert war bei der Klärung von Mordfällen oft sehr einsam.

publiziert am 08.10.11 in Völkerwanderung ¦ 715x gelesen ¦ noch kein Kommentar