Migrantensöhne

Die Bande diskutierte aufgeregt als Greiper eintraf. Den Mörder Mohammads wollten sie finden und den Freund rächen. Rund um den Platz blitzte Blaulicht, überall liefen uniformierte Polizisten und Kriminalbeamte herum und versuchten, im Chaos der vier Fälle Spuren zu sichern. Der Hauptkommissar griff sich den Einsatzleiter und ließ den einen Gefangenentransporter anfordern. Die Jungs vor sich selbst zu schützen schien im momentan die wichtigste Maßnahme. Und so landeten Ocho, Dom und die anderen im Polizeigewahrsam. Natürlich hatten sie ihn wieder beschimpft, und Robert Greiper musste an eine lange Diskussion mit Elle denken, die vor ein paar Monaten an Deck ohres Hausbootes im Hafen stattgefunden hatte. Da hat er sich schon einmal sehr über die Migrantensöhne aufgeregt. „Weißt du“, hatte er zu seiner Liebsten gesagt, „manchmal hasse ich diese Testosteronopfer südosteuropäischer oder arabischer Herkunft. Die schwafeln immer von Ehre und Respekt, aber nur wenn’s ihnen in ihren verqueren Kram passt.“

„Ui“, gab Elle zurück, „jetzt bewegst du dich aber auf dünnem Eis, von wegen Political Correctness und so…“ – „Nein, das sind keine fremdenfeindlichen Ressentiments, das ist Resultat tagtäglicher Erfahrung. Sieh dir mal deren Umgang mit Frauen an. Die gibt’s nur als Mütter, Ehefrauen, Schwestern und Schlampen. Die Mutter ist heilig, Schwester und Gattin haben die Fresse zu halten, und mit allen Frauen, die selbst bestimmten wollen, was läuft, gehen sie um wie mit Dreck. Die darf man vögeln und anschließend verhauen, die zählen nicht, die sind schmutzig. Was sie sich selbst an sexueller Freiheit zubilligen, gönnen sie Frauen ganz grundsätzlich nicht. Das ist pure Heuchelei!“ Robert hatte sich in Rage geredet. „Aber denk mal an die Familienwerte in türkischen, kurdischen und libanesischen Familien“, warf Elle ein. „Ach ja, Respekt vor dem Alter soll ja angeblich dazugehören. Aber wenn ich mit meinen weißen Haaren auf dem Gehweg auf so eine Gruppe Schwanzträger zugehe, dann weichen die keinen Milimeter zur Seite – nichts da mit ‚Ehret die Alten'“ – „So weiß sind deine Haare nun auch nicht, Robert. Und dieser blöde Schnäuzer, der ist sogar ganz schwarz.“
Robert empfand das Verhalten solcher Burschen einfach ungerecht. Dass sie sich die Welt so machten, wie sie ihnen gefiel und sich die Moral ihrer Kultur nach Belieben bogen, führte er darauf zurück, dass ihnen unter den Bedingungen, unter denen ihre Eltern und Großeltern in diesem fremden Land leben und arbeiten mussten, der ganze Wertekram um die Ohren geflogen ist. Dafür konnte er ja nichts und bekam trotzdem die Folgen ab. Und natürlich war das bei der Band vom Platz alles ganz anders. Wie genau die Migrantensöhne, die einer persönlich kennt, ja immer die liebsten und nettesten von allen sind.

Als die Jungs abtransportiert waren, sah sich Greiper den Ort an, an dem jemand Mohammad erstochen hatte. Wer in den kaum drei mal drei Meter großen Hof hinter Brankos Kneipe wollte, der musste zunächst ins Treppenhaus kommen. Links führte ein schmaler Gang an den Stufen zum Kellereingang, und ganz am Ende fand sich eine Stahltür. Direkt daneben war der Zugang aus Brankos Küche. Als der Hauptkommissar am Tatort eintraf, stand der Wirt dort im Türrahmen und rauchte. Im hof wuselten fünf, sechs Kriminalbeamte in weißen Schutzanzügen herum. „Hast du ihn gefunden?“ Branko warf die Kippe auf den Boden und trat sie aus. Er nickte: „Vorhin hab ich die Essensreste rausgebracht. Da hinten steht die braune Tonne. Der Typ lag mitten auf dem Hof auf dem Bauch, Blut um ihn herum. Muss seit Stunden tot gewesen sein.“ – „Woher willst du das wissen?“ fragte Greiper. „War im Krieg, weißt du doch. Hab so viele Tote gesehen damals.“ Er zögerte. „Brauchst du mich?“ Der Hauptkommissar und Stammgast schüttelte den Kopf: „Ich weiß ja, wo ich dich finde.“ Branko trat in seine Küche und schloss die Tür.

publiziert am 21.10.11 in Völkerwanderung ¦ 657x gelesen ¦ noch kein Kommentar