Geschichten aus dem November 2011

Wendeschleife

Jetzt sitzt Robert auf der Schreibtischkante in seinem Büro und ist nicht mehr so sicher, dass der Deal mit Schmörgel von Vorteil für ihn ist. Vor dem Fenster wird es Dunkel. Die Spitze des Fernsehturms steht vor schwefelgelbem Licht. Dahinter Schwarz. Natürlich freut er sich, dass er diesen Raum vorerst zum letzten Mal sehen wird, dass er in nächster Zeit oder nie wieder ins Präsidium gehen wird. Aber ihm ist auch klar, dass es das Ende seiner Dienstzeit wäre, könnte der den Fall nicht lösen. Man würde ihn vorzeitig zwangspensionieren und dann wüsste er mit seinen 57 Jahren nicht, was er tun solle. Er sucht seinen persönlichen Kram zusammen und packt alles in den Rucksack, den er im Spind gefunden hat. Dann reißt er den Post-It vom Bildschirm, auf dem seine Zugangsdaten verzeichnet sind. Er wird sich ein Notebook besorgen müssen, um von zuhause aus ins System der Kripo gehen zu können. Als er den Backsteinkomplex verlässt, ist es dunkel geworden. Ein wilder Wind weht aus allen Richtungen, in der Ferne grollt es. Als er den Platz mit der spitzen Kirche erreicht, sieht er den Widerschein des ersten Blitzes, kurz danach den Donnerschlag. Plötzlich Wasser von oben. Robert flüchtet in den Unterstand an der Bushaltestelle. Der Regen kommt aus allen Richtungen. Schlag auf Schlag kommen Blitz und Donner. Dann haut einer in den Draht an der Turmspitze. .: mehr :.

publiziert am 27.11.11 in Exil am Platz ¦ 112x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Geheimsache

Schmörgel hielt Greiper nicht die Tür auf und verschwand sofort auf seinem Platz. Dann verschanzte er sich hinter seinem Flachbildschirm. Einen Besucherstuhl gab es nicht mehr. Der Hauptkommissar war wütend auf seinen Vorgesetzten. Der räusperte sich kurz: “Nehmen Sie doch Platz, Herr Greiper. Ach, wir haben ja gar keinen Stuhl mehr. Momentan, ich komme zu Ihnen rüber, und dann setzten wir uns an den Konferenztisch. Kaffee?” Greiper schüttelte den Kopf, während der Kriminaloberrat auf die Tastatur einhackte. “So”, sagte der und bediente die Return-Taste. “Wie war das jetzt? Einen Kaffee?” Sein Gegenüber ließ seinem Zorn freien Lauf: “Nein, verdammt noch mal!” Schmörgels rechte Augenbraue zuckte, während an die Kaffeemaschine am Sideboard trat und eine Kapsel hineinsteckte. Das Gerät machte Geräusche wie ein sterbendes Alien und würgte dann eine schwarze Brühe in die Tasse mit dem Werbeaufdruck der Polizeigewerkschaft. Mit dem dampfenden Getränk nahm er am Kopfende des großen Tisches Platz. Greiper entschied sich für das andere Ende und hockte sich auf die Stuhlkante. “Sehen Sie, mein lieber Greiper”, setzte der Oberrat an, “wir haben momentan eine besondere Situation, die besondere Maßnahmen erfordert. Vielleicht haben Sie es sich schon gedacht; die gute Frau Renz, also Kriminalrätin Dr. Renz-Mogawi, ist ein Kuckucksei.” .: mehr :.

publiziert am 20.11.11 in Exil am Platz ¦ 125x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Bewegliches Ziel

Antonius Greiper war ein politischer Mensch, der in den frühen Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts mit den Sozialdemokraten sympathisierte. Als die Männer im Viertel am Abend des 1. August 1914 im Wirtshaus ihre Gläser in patriotischer Erregung hoben, da hielt er sich raus. Später saß er noch mit Hedwig am Tisch, beide redeten lange miteinander und gestanden sich gegenseitig ihre Angst ein. Und die Sorge um den Sohn, der nun in den Krieg ziehen würde. Tünn selbst hatte nichts zu befürchten, denn Männer seines Alters wurden nicht eingezogen, außerdem war er in den Akten der Militärverwaltung nicht verzeichnet. Auch das Geschäft litt bis ins Frühjahr 1915 kaum unter dem Krieg, der fern der Heimat tobte. Allerdings hatte es sich un den besonders patriotischen Patrioten in der Gegend herumgesprochen, dass der Holländer – so nannten ihn einige plötzlich – gegen den Krieg sei, ja, dass er wohl die Schriften von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg lese, also ein Radikaler sei. Manche wechselten daraufhin zu anderen Händlern, andere ignorierten dass. Und sein Bier in der Gastwirtschaft am Platz, das trank er immer noch am Stammtisch der Geschäftsleute, zu deren Kreis er nun schon so lange zählte. Der einzige Nachbar, der sich öffentlich gegen ihn stellte, ihm auf der Straße aus dem Weg ging und das Gasthaus verließ, sobald Tünn eintrat, war der Bankier Goldstein, der reiche Mann, der sein Haus schon am Tag vor der Mobilmachung in den Nationalfarben schmückte und die Nachricht vom Kriegseintritt der kaiserlichen Truppen mit lauten Hurra-Rufen auf dem Platz feierte, wobei er seinen teuren Hut schwenkte. .: mehr :.

publiziert am 01.11.11 in Familie Greiper ¦ 141x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Erstes Geständnis

Greiper war ratlos. Zwei Fälle, fünf Tote, keine deutliche Spur. Zum ersten Mal seit Jahren hatte er nicht nur keine Spur, sondern keinen Schimmer, welche Zusammenhänge zu den Brandanschlägen geführt hatten. Was ihn völlig entmutigte war die Tatsache, dass dies alles in seinem Viertel geschehen konnte, in dem Quartier, in dem er bisher immer geglaubt hatte sich auszukennen. Aber wenn er ehrlich zu sich war, dann musste er zugeben, dass er eigentlich nur Stefano vom Eiscafé auf dem Platz wirklich gut kannte, vielleicht auch noch Branko. Da war er nun gut zweieinhalb Jahre beinahe jeden Tag an der Bombar vorbeigekommen, hatte den Duft der Shishas gerochen, der noch am Morgen durch die Straße zog, hatte sich über die Gäste geärgert, die mit ihren protzigen Kisten protzige Manöver rund um den Platz fuhren, aber nicht einmal gewusst, wer den Laden bewirtschaftete. Auch dass Ümit und Filim sich ein Lager teilte, hatte er erst jetzt herausgefunden. So saß er nun mal wieder auf einer Bank am Spielplatz in der brennenden Mittagssonne und dachte nach.
Hinter ihm bremste ein Streifenwagen scharf ab, zwei Beamte stiegen aus und kamen rüber. “Hauptkommissar Greiper?” fragte der eine. Der nickte. “Bitte kommen Sie sofort mit”, sagte der andere. “Wer hat das angeordnet?” – “Kriminaloberrat Schmörgel will Sie sprechen, und zwar sofort.” Greiper stand auf, ging mit und nahm im Fond des Autos Platz: “Aber bitte ohne Blaulicht und Sirene, Kollegen…” .: mehr :.

publiziert am 01.11.11 in Exil am Platz ¦ 157x gelesen ¦ noch kein Kommentar