Bewegliches Ziel

Antonius Greiper war ein politischer Mensch, der in den frühen Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts mit den Sozialdemokraten sympathisierte. Als die Männer im Viertel am Abend des 1. August 1914 im Wirtshaus ihre Gläser in patriotischer Erregung hoben, da hielt er sich raus. Später saß er noch mit Hedwig am Tisch, beide redeten lange miteinander und gestanden sich gegenseitig ihre Angst ein. Und die Sorge um den Sohn, der nun in den Krieg ziehen würde. Tünn selbst hatte nichts zu befürchten, denn Männer seines Alters wurden nicht eingezogen, außerdem war er in den Akten der Militärverwaltung nicht verzeichnet. Auch das Geschäft litt bis ins Frühjahr 1915 kaum unter dem Krieg, der fern der Heimat tobte. Allerdings hatte es sich un den besonders patriotischen Patrioten in der Gegend herumgesprochen, dass der Holländer – so nannten ihn einige plötzlich – gegen den Krieg sei, ja, dass er wohl die Schriften von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg lese, also ein Radikaler sei. Manche wechselten daraufhin zu anderen Händlern, andere ignorierten dass. Und sein Bier in der Gastwirtschaft am Platz, das trank er immer noch am Stammtisch der Geschäftsleute, zu deren Kreis er nun schon so lange zählte. Der einzige Nachbar, der sich öffentlich gegen ihn stellte, ihm auf der Straße aus dem Weg ging und das Gasthaus verließ, sobald Tünn eintrat, war der Bankier Goldstein, der reiche Mann, der sein Haus schon am Tag vor der Mobilmachung in den Nationalfarben schmückte und die Nachricht vom Kriegseintritt der kaiserlichen Truppen mit lauten Hurra-Rufen auf dem Platz feierte, wobei er seinen teuren Hut schwenkte.

Hedwig und Tünn beschlossen, sich still zu verhalten und soziale Kontakte nur mit den engsten Freunden zu pflegen. So kamen sie einigermaßen ungeschoren durch die schwere Zeit, die ihnen doch immer sehr schwer war, weil sie nicht wussten, ob Jakob noch lebte. Obwohl Anton Greiper sich sehr für Politik interessierte, kam die Ausrufung der Republik am 9. November 1918 für ihn völlig überraschend. Als er am folgenden Tag in der Tageszeitung las, dass es Karl Liebknecht gewesen sei, der das Ende der Monarchie verkündet hatte, glaubte er, nun würden andere Zeiten anbrechen, friedliche und gerechte. Aber in Wahrheit waren es die bürgerlichen Kräfte, die im Verbund mit Sozialdemokraten die Regierung übernahmen. Und als Tünn dann im Januar des folgenden Jahres erfuhr, dass man Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht ermordet hatte, brachen seine Hoffnungen zusammen, und er hielt sich für den Rest seines Lebens von jeder Politik fern.

Zumal es für ihn und seine geliebte Frau von viel größerer Bedeutung war, dass sie noch im November 1918 einen Brief von Jakob aus Brasilien bekamen, aus dem hervorging, dass er den Krieg vollkommen unbeschadet überstanden hatte und nun interniert sei, weil sein Schiff bereits im Juli im Hafen von Santos festgesetzt worden war. Um ihn herum seien etliche Kameraden an der Grippe gestorben, aber er sei gesund und munter. Im Februar, an einem sehr kalten Morgen, stand er plötzlich in der Tür. Seine Mutter stürzte auf ihn zu und nahm ihn in die Arme, den Sohn, den sie zuletzt vor fast sieben Jahren gesehen hatte.

publiziert am 01.11.11 in Völkerwanderung ¦ 757x gelesen ¦ noch kein Kommentar