Geheimsache

Schmörgel hielt Greiper nicht die Tür auf und verschwand sofort auf seinem Platz. Dann verschanzte er sich hinter seinem Flachbildschirm. Einen Besucherstuhl gab es nicht mehr. Der Hauptkommissar war wütend auf seinen Vorgesetzten. Der räusperte sich kurz: „Nehmen Sie doch Platz, Herr Greiper. Ach, wir haben ja gar keinen Stuhl mehr. Momentan, ich komme zu Ihnen rüber, und dann setzten wir uns an den Konferenztisch. Kaffee?“ Greiper schüttelte den Kopf, während der Kriminaloberrat auf die Tastatur einhackte. „So“, sagte der und bediente die Return-Taste. „Wie war das jetzt? Einen Kaffee?“ Sein Gegenüber ließ seinem Zorn freien Lauf: „Nein, verdammt noch mal!“ Schmörgels rechte Augenbraue zuckte, während an die Kaffeemaschine am Sideboard trat und eine Kapsel hineinsteckte. Das Gerät machte Geräusche wie ein sterbendes Alien und würgte dann eine schwarze Brühe in die Tasse mit dem Werbeaufdruck der Polizeigewerkschaft. Mit dem dampfenden Getränk nahm er am Kopfende des großen Tisches Platz. Greiper entschied sich für das andere Ende und hockte sich auf die Stuhlkante. „Sehen Sie, mein lieber Greiper“, setzte der Oberrat an, „wir haben momentan eine besondere Situation, die besondere Maßnahmen erfordert. Vielleicht haben Sie es sich schon gedacht; die gute Frau Renz, also Kriminalrätin Dr. Renz-Mogawi, ist ein Kuckucksei.“

Er hielt inne und sah Greiper an, als habe er eine Pointe gesetzt. „Vom Innenministerium als Spitzel eingesetzt. Weiß ich sicher. Hat mir Kollege Toprak gesteckt.“ Sein Mitarbeiter beugte sich kurz vor: „Ömer Toprak? Ich dachte, der wer beim Verfassungsschutz gelandet?“ – „Nur kurz. Nach dem Skandal um die Pizzamorde hat man ihn ins Ministerium hochgelobt. Guter Mann. Politisch optimal vernetzt. Ein echtes Schlitzohr eben. Jedenfalls: Der Präsident weiß Bescheid und hat das maximal Bedürfnis, dass der Fall am Platz schnell und sauber geklärt wird. Und zwar ohne dass Frau Doktor mitspielt. Die darf sich an diesem Streber Zimmermann und den verbrannten Nutten aus dem Wohnmobil abarbeiten. Währenddessen übernehmen Sie den eigentlichen Fall allein und komplett under cover… Was meinen Sie?“ Greiper dachte kurz nach und versuchte, die Falle zu entdecken. Und fragte nach: „Und unser Oberbürgermeister?“ Schmörgel setzte die Ellenbogen auf die Tischplatte und legte die Fingerspitzen zusammen. „Genau da liegt der Hase im Pfeffer. Sie wissen ja sicher aus der Presse, in welchem Maße das Verhältnis unseres Stadtoberhaupts zur Landesregierung gestört ist. Der hat sich ja um den europäischen Integrationspreis beworben, was dem Ministerpräsidenten gewaltig stinkt, und der Integrationsministerin noch viel mehr. Die wollen die Fälle zu einer politischen Sache machen. Verfehlte Stadtpolitik, schwache Polizei, mangelhaftes Multikulti etc pp – damit wir den Preis bestimmt nicht kriegen. Wenn Sie, mein lieber Kollege Greiper, beweisen können, dass es sich um Morde mit kriminellem Hintergrund handelt, ist das ganz im Interesse des OB, und dann kann uns die Landesregierung gepflegt am Arsch lecken.“ Er grinste triumphierend. „Eine Frage, Herr Schmörgel: Sind Sie eigentlich parteipolitisch gebunden?“ Der Kriminaloberrat wackelte mit dem Kopf: „Tut nichts zur Sache. Hören Sie sich meinen Vorschlag an.“ Der frustrierte Hauptkommissar, der nichts Gutes erwartet hatte, spürte, dass sich das Blatt zu seinen Gunsten wendete.

„Lassen Sie sich von Dr. Borbeck krankschreiben. Der ist informiert. Gleichzeitig reichen Sie Urlaub ein. Sie haben, glaube ich, noch siebenunddreißig Urlaubstage. Nehmen Sie ruhig vier Wochen. Bleiben Sie dem Präsidium fern. Reden Sie mit keinem Kollegen über unser Abkommen. Ich werde den Stab über Ihre Krankheit und die Erholungsferien informieren. HH setze ich auf den Innendienst. Sie berichten allein an mich. Schlage vor, dass wir uns alle zwei Tage abends um halb neun im Braushaus treffen. Keine Mails, nichts Schriftliches. Sie schreiben einen fortlaufenden Bericht, von dem ein Ausdruck bei Ihnen ist. Einen zweiten hinterlegen Sie ebenfalls alle zwei Tage beim Notar Rueben. Auch der ist informiert. Na, was meinen Sie?“ Nun musste Greiper grinsen. Er hatte diesen Rechtspopulisten an den Eiern. „Was habe ich davon?“ Die Frage knallte durch das Büro. Schmörgel schien nervös zu werden. „Was möchten Sie denn davon haben?“ Der Hauptkommissar zögerte ein paar Sekunden. „Dass die Wette hiermit sofort zu meinen Gunsten entschieden wird. Und fragen Sie jetzt nicht, welche Wette ich meine…“ Der Kriminaloberrat wusste natürlich Bescheid und nickte heftig. „Das hätte ich dann gern schriftlich. Machen Sie einen Ausdruck von der entsprechenden Vereinbarung und der offiziellen Anordnung. Den halten Sie bei sich. Den zweiten geben Sie dann dem Notar Rueben. Den werde ich noch informieren.“
Greiper stand auf, nickte seinem Vorgesetzten knapp zu und verließ den Raum. Draußen musste er erst grinsen, dann kichern und schließlich laut lachen.

publiziert am 20.11.11 in Völkerwanderung ¦ 784x gelesen ¦ noch kein Kommentar