Wendeschleife

Jetzt sitzt Robert auf der Schreibtischkante in seinem Büro und ist nicht mehr so sicher, dass der Deal mit Schmörgel von Vorteil für ihn ist. Vor dem Fenster wird es Dunkel. Die Spitze des Fernsehturms steht vor schwefelgelbem Licht. Dahinter Schwarz. Natürlich freut er sich, dass er diesen Raum vorerst zum letzten Mal sehen wird, dass er in nächster Zeit oder nie wieder ins Präsidium gehen wird. Aber ihm ist auch klar, dass es das Ende seiner Dienstzeit wäre, könnte der den Fall nicht lösen. Man würde ihn vorzeitig zwangspensionieren und dann wüsste er mit seinen 57 Jahren nicht, was er tun solle. Er sucht seinen persönlichen Kram zusammen und packt alles in den Rucksack, den er im Spind gefunden hat. Dann reißt er den Post-It vom Bildschirm, auf dem seine Zugangsdaten verzeichnet sind. Er wird sich ein Notebook besorgen müssen, um von zuhause aus ins System der Kripo gehen zu können. Als er den Backsteinkomplex verlässt, ist es dunkel geworden. Ein wilder Wind weht aus allen Richtungen, in der Ferne grollt es. Als er den Platz mit der spitzen Kirche erreicht, sieht er den Widerschein des ersten Blitzes, kurz danach den Donnerschlag. Plötzlich Wasser von oben. Robert flüchtet in den Unterstand an der Bushaltestelle. Der Regen kommt aus allen Richtungen. Schlag auf Schlag kommen Blitz und Donner. Dann haut einer in den Draht an der Turmspitze.

Sekundenbruchteile später ein zweiter Blitz, der fährt in das Trafohäuschen am Rande der Marktfläche. Ein gewaltiger Krach. Flammen schlagen aus den Lüftungsschlitzen. Das alles kaum zehn Meter entfernt von Robert, der keine Angst vor Gewittern kennt, jetzt aber zittert und hofft, das sei ein rein physisches Phänomen. Der Verkehr ist zum Erliegen kommen, die Fahrbahn steht unter Wasser. Alle Ampel am Platz sind ausgefallen, und anscheinend hat es auch die Oberleitung der Straßenbahn erwischt, den der Zug in Richtung Innenstadt steht noch halb in der Wendeschleife hinter der Kirche. Aus dem Trafokasten lodert es. Er fummelt das Handy aus der Manteltasche und wählt 112. Er hört nur das Besetztzeichen, aber wenig später das Martinshorn. Löschfahrzeuge beleuchten mit Flackerlicht die Szenerie. Die Blitze zucken immer noch am Himmel, aber es dauert einige Sekunden, bis der zugehörige Donner durch die Luft über der Stadt knallt. Der Regen ist noch stärker geworden, aber in Richtung Westen erkennt Robert bereits den hellen Himmel unter den schweren Unwetterwolken.
Dann hört der Regen schlagartig auf. Es ist still rund um den Platz. Vier Feuerwehrleute bearbeiten den Trafo mit Pulverlöscher. Der Verkehr setzt wieder ein, nur die Straßenbahn rührt sich nicht vom Fleck. Der Hauptkommissar a.D. steuert den kleinen Landen des chinesischen PC-Händlers an. Der hat sicher den geeignten Computer für ihn.

publiziert am 27.11.11 in Völkerwanderung ¦ 730x gelesen ¦ noch kein Kommentar