Geschichten aus dem Dezember 2011
Die Verbindung von Sofia mit Jakob Greiper hatte sich nicht positiv auf den Status der Familie Wellenkamp ausgewirkt. Denn in den Augen der Ortsansässigen waren Wilhelm Wellenkmap, seine Frau Berta und seine einzige Tochter Sofia Emilia nichts weiter als Flüchtlinge. Wie viele Angehörige der unterpriviligierten Stände hatte sich das spätere Familienoberhaupt von der kolonialen Begeisterung im Kaiserrreich der Jahrhundertwende anstecken lassen, war Soldat geworden und auf eigenen Wunsch nach Deutsch-Südwest versetzt worden. Wilhelm hatte sich ausgerechnet, dass er um 1902 herum in den pensionsberechtigten Ruhestand gehen könnte, ein Stück Land da unten in Afrika zugeteilt bekäme und mit wenig Arbeit schnell reich werden würde. Tatsächlich musste er bis weit ins Jahr 1904 Dienst schieben, und von eigenem Land in der Kolonie war keine Rede mehr. So ließ er sich zum Abschied vom Barras die Pension in einer Summe auszahlen und erwarb etliche Hektar Land am Rande der namibischen Wüste, nur knapp 160 Kilometer entfernt von Swakopmund. Weil aber kein Geld übrig war, um Arbeiter – und seien es auch nur Eingeborene, die kaum etwas verdienten – zu beschäftigen, nahm er sich bald eine Frau. .: mehr :.
Er denkt den Gedanken nicht zu Ende, sondern schreibt “2. Kriminelle Geschäfte”, malt einen Schrägstrich und fügt “Erpressung oder Rache” hinzu. In diese Richtung gingen ja Schmörgels mild ausländerfeindliche Vermutungen, dass irgendeine mafiose Organisation die Bombar aus irgendeinem klein- oder großkriminellen Grund in die Luft gesprengt hat. Viel spricht nicht dafür, denn das einzig organisierte Verbrechen im Viertel – und das weiß er genau – findet sich in den illegalen Spiellokalen, wo in den Hinterzimmern auif dem grünen Filz oder an komplizierten Automaten enorme Summe verzockt werden. Und weil bei der Untersuchung des Tatorts keine Spuren verbotenen Glücksspiel gefunden wurden, scheidet dieses Variante aus. Von nennenswerten Schutzgelderpressungen in seinem Quartier hat Robert noch nichts gehört, nimmt sich aber vor, die Ladenbesitzer und Wirte am Platz zu befragen. Bliebe noch eine Erklärungsmuster rund um das Thema Prostitution. Dafür spricht aus seiner Sicht einiges. Und das ist seine wichtigste These. .: mehr :.
Sieben, acht Sturmböen treiben die Gewitterwolken nach Osten. Robert hat sich für ein Notebook mit großem Display entschieden und einen kompakten Drucker. Mit dem Computer im Rucksack, einem Haufen Kabel und Zubehör sowie einem Paket Papier macht es sich auf den Weg nach Hause, den Printer trägt er im Karton am Henkel. Bei der ehemaligen Tankstelle steht ein zerbeultes Auto auf dem Gehweg. Aus der zusammengrdrückten Motorhaube steigt noch Rauch auf. Ein Mann mit blutigem Kopfverband sitzt auf einem Gartenstuhl beim Kuchenbäcker. Notarzt und Streifenwagen blinken im Takt. Der Straßenbanhnverkehr scheint zusammengebrochen zu sein, kein Zug ist zu sehen an der Kreuzung an der sich Schienen aus allen Richtungen begegnen. Der Himmel ist blank und von aggressivem Blau. Der Hauptkommissar überlegt kurz, ob er noch etwas einzukaufen hat. Ihm fällt nichts ein. Vielleicht bringt Elle ja ein Abendessen mit, wenn sie kommt. Wenn sie denn kommt. Er packt die Geräte auf den großen Esstisch, den sich seine Frau so sehr gewünscht hatte. Platz für zwölf Personen, plus sechs mit den Verlängerungsplatten. Aber so viele Freunde und Verwandte hatten sie damals gar nicht. Er wird die Tafel als Arbeitsfläche nutzen, schiebt das schwere Teil an die Längswand und holt den Drehstuhl, der allein im ehemaligen Arbeitszimmer herumsteht. .: mehr :.
Jakob war 33 als er heimkam. Seine besten Jahre, so schien es, hatte er beim Militär und im Krieg vertan. Tatsächlich hatte er sich aber meist von seinen Offizierskollegen ferngehalten und jede freie Stunde mit Lektüre verbracht. So galt er den Kameraden und Vorgesetzten als Sonderling. Weil er aber seinen Dienstpflichten mit unübetrefflichen Disziplin und Präzision ausfüllte und bei den Untergebenen beliebt war, nahm man das im Casino so hin. Da störte die Tatsache, dass Leutnant Jakob Greiper keinen Alkohol trank, nicht rauchte und auch nicht zu den Huren in den Häfen ging, so manchen anderen Offizier schon mehr. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit hatte er Bücher gekauft – in deutscher, englischer, niederländischer, spanischer und französischer Sprache; die letzten beiden hatte er sich selbst beigebracht. Sein Interesse galt weniger der Literatur als den Geisteswissenschaften und vor allem der Geschichte. Seine Herkunft führte ihn dahin, sich besonders mit der Kolonisation der Amerikas auseinanderzusetzen. Die Erkenntnis, dass die europäischen Eroberer Abermillionen Eingeborene ausgerottet und weitere Millionen Afrikaner als Sklaven verschleppt hatten, machte ihm über Jahre zu schaffen. Und weil er die Rolle der christlichen Kirchen bei der Unterwerfung der Menschen in den Kolonien kennen gelernt hatte, verlor seinen Glauben und wurde bekennender Atheist. Natürlich trat er nach seiner Rückkehr ins väterliche Geschäft ein und erledigte die notwendigen Aufgaben mit derselben Disziplin und Präzision, die er als Soldat an den Tag gelegt hatte. .: mehr :.
