Kinderschar

Jakob war 33 als er heimkam. Seine besten Jahre, so schien es, hatte er beim Militär und im Krieg vertan. Tatsächlich hatte er sich aber meist von seinen Offizierskollegen ferngehalten und jede freie Stunde mit Lektüre verbracht. So galt er den Kameraden und Vorgesetzten als Sonderling. Weil er aber seinen Dienstpflichten mit unübetrefflichen Disziplin und Präzision ausfüllte und bei den Untergebenen beliebt war, nahm man das im Casino so hin. Da störte die Tatsache, dass Leutnant Jakob Greiper keinen Alkohol trank, nicht rauchte und auch nicht zu den Huren in den Häfen ging, so manchen anderen Offizier schon mehr. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit hatte er Bücher gekauft – in deutscher, englischer, niederländischer, spanischer und französischer Sprache; die letzten beiden hatte er sich selbst beigebracht. Sein Interesse galt weniger der Literatur als den Geisteswissenschaften und vor allem der Geschichte. Seine Herkunft führte ihn dahin, sich besonders mit der Kolonisation der Amerikas auseinanderzusetzen. Die Erkenntnis, dass die europäischen Eroberer Abermillionen Eingeborene ausgerottet und weitere Millionen Afrikaner als Sklaven verschleppt hatten, machte ihm über Jahre zu schaffen. Und weil er die Rolle der christlichen Kirchen bei der Unterwerfung der Menschen in den Kolonien kennen gelernt hatte, verlor seinen Glauben und wurde bekennender Atheist. Natürlich trat er nach seiner Rückkehr ins väterliche Geschäft ein und erledigte die notwendigen Aufgaben mit derselben Disziplin und Präzision, die er als Soldat an den Tag gelegt hatte.

So wie er den größten Teil seiner Dienstzeit – er hatte noch im Mai 1919 seinen Abschied genommen und war Zivilist geworden – als Außenseiter verbracht hatte, so wurde er auch als Bürger einer, der nie so ganz dazugehörte. Allein seine strikte Weigerung, irgendeine Kirche zu betreten, schloss ihn aus, und im Schützenverein, dem er beigetreten war, fand er wenig Freunde, wenn er nach alkohol- und rauchgeschwängerten Sitzungen als einziger nüchtern blieb. Mit seinem Vater verband ihn bald eine Art Männerfreundschaft, die sich als Gemeinschaft Unangepasster sehen ließ. Der Mutter war er in warmer Liebe verbunden. So überstand die Kleinfamilie mit ihrem Geschäft die Nachkriegsjahre und auch die Hyperinflation des Jahres 1923. Tünn hatte ohne genaue Absicht das Ersparte fast vollständig in Gold angelegt, und da ihm und Hedwig nicht nur das Haus gehörte in dem sie lebten und ihren Laden betrieben, sondern zwei weitere Immobilien, konnten sie beinahe autonom existieren. Jakob, der von seinen wenigen Freunden nach Art des Dialektes der Stadt Köbes genannt wurde, wäre dagegen vollkommen verarmt, denn seine Pension war im November vor der Einführung der Rentenmark so wenig wert, dass er sich von der monatlichen Alimentation nicht einmal mehr einen Apfel hätte leisten können.

Und das war der Grund für eine Angelegenheit, die wie ein Stein auf der Familie Greiper lastete. Jakob hatte im Sommer 1921 die Freude am Tanz für sich entdeckt. Auf einer Hochzeit in der Nachbarschaft im heißen Juli hatte ihn eine Kundin, die damals gut 40-jährige Kriegerwitwe Bürkens, aufgefordert, und nachdem die Kapelle drei, vier Stücke gespielt hatte, war er schon der beliebteste Tämzer auf dem Fest. Bald suchte er an den Samstagabenden die Tanzvergnügen in der Stadt auf, fuhr gar mit der Eisenbahn in die umliegenden Orte. Wo getanzt wurde, da war Köbes dabei. Und weil es die Tanzpartnerinen überhaupt nicht störte, dass er Nichtraucher und -trinker war, sondern erfreute, einen solch naturbegabten Tänzer zu haben, war er in der Damenwelt bald höchst begehrt.
Und so lernte er bei einem Tanzabend im Januar 1923 in einem großen Gasthof im Norden der Stadt ein Mädchen kennen. Kaum 17 Jahre war sie alt, ein zartes Wesen mit weißeblondem Haar und fast durchsichtiger Haut, auf der sich bei der Anstrengung des Tanzes rote Flecken zeigten, was ihr furchtbar peinlich war. Sofia, so hieß sie, war gegen den Willen des Vaters von ihren fünf älteren Schwestern mitgenommen worden, die sich aber ganz auf ihre zukünftigen Verlobten konzentrierten. Und so drehte sie Runde um Runde mit Jakob. Schnell saßen sie an einem gemeinsamen Tisch, aber er war zu schüchtern das Gespräch zu eröffnen. Also tranken sie die Limonade und warteten darauf, dass einer von ihnen vom nächsten Tanz gerührt wurde.

Mit Frauen hatte Jakob mit seinen 37 Jahren wenig Erfahrung. Vor seinem Eintritt in die Marine hatte er zwei unglückliche Liebschaften überstanden, die mehr Schwärmereien gewesen waren. Mitten im Weltkrieg hatte er sich in Manila in eine wunderschöne Philippina verliebt, die ihn wohl auch liebte. Maria wurde seine erste Geliebte, und als er sie verlassen musste mit der Gewissheit, wohl nie wieder zu ihr zurückzukehren, da entstand weniger eine Sehnsucht nach ihr als nach der körperlichen Liebe. Und trotzdem lebte er die ersten drei Jahre in der Heimat völlig keusch. Warum er ausgerechnet Sofia, die ja fast zwanzig Jahre jünger war, verführte in jener Nacht, bliebt ein Rätsel. Dies geschah in den Karnevalstagen, und das Mädchen wurde schwanger von ihm. Die Schwester halfen ihr, den Zustand so lange wie möglich vor den Eltern zu verbergen. Aber an einem regnerischen Julitag ließ sich nicht mehr verbergen, dass Sofia Emilia Wellenkamp ein Kind unter dem Herzen trug. Während die Mutter nur weinte, tobte der Vater, nannte sie eine Hure, schlug sie gar und verkündete im höchsten Zorn, sie sei nicht mehr seine Tochter und habe das Haus zu verlassen.
So kam es, dass die hochschwangere Sofia von den Greipers aufgenommen wurde und ein eigenes Zimmer unter dem Dach bekam. Hedwig mochte die neue Tochter sofort und kümmerte sich um deren Wohlergehen. Tünn blieb indifferent, auch weil ihn die ungeklärte Situation in seiner Sehnsucht nach Ruhe und Frieden störte, und Jakob suchte verzweifelt nach einer Möglichkeit, seine Beziehung zu Sofia und das zukünftige gemeinsame Kind durch eine Heirat ehrlich zu machen. Aber wer konnte im Herbst 1923 schon Hochzeit feiern? Wer konnte sich auch nur eine Feier mit zwei Dutzend Gästen leisten.

Am Morgen des 8. Oktober 1923 stürzte Sofia auf der Treppe, die Wehen setzten ein. Hedwig ließ nach Doktor Hermes rufen, der nach einer halben Stunde eintraf. Gegen vier Uhr am Nachmittag brachte die Siebzehnjährige einen Sohn zur Welt, von dem der Arzt sagte, er sei zwar nur acht Monate gereift, das sei aber auch besser so, denn wäre der Knabe im Bauch der Mutter weiter gewachsen, wer weiß, ob er überhaupt durch das Tor zur Welt gepasst hatte. Sofia hatte sich beim Sturz den Arm gebrochen, die Geburt aber recht gut überstanden. Tünn und Jakob richteten in aller Eile ein Zimmer im Erdgeschoss, direkt neben der Durchfahrt zum Hof, her, und die Nacht verbrachten Mutter und Sohn erschöpft, aber behütet in Anwesenheit des Kindsvaters, der auf einem Stuhl saß und kein Auge zutat.
So wurde Heinrich Anton Greiper geboren, den alle immer nur Harry nannten, was er in den fünfziger Jahren zum Anlass nahm, seinen Namen ganz offiziell zu ändern. Da Jakob partout nicht kirchlich heiraten und den Sohn nicht taufen lassen wollte, traute ein städtischer Beamter das Paar in einer schmucklosen Zeremonie. Und erst an seinem vierten Geburtstag wurde Harry dann doch noch zum zukünftigen Mitglied der evangelischen Kirche gemacht – in Abwesenheit seines Vaters. Bei der Gelegenheit taufte Pfarrer Weber gleich auch die Zwillinge Hermann und Dorothea, die im Januar 1925 geboren waren. Im Mai des übernächsten Jahres folgte dann Karl August, der das Nesthäkchen darstellte.

publiziert am 02.12.11 in Völkerwanderung ¦ 753x gelesen ¦ noch kein Kommentar