Kolonialisten

Die Verbindung von Sofia mit Jakob Greiper hatte sich nicht positiv auf den Status der Familie Wellenkamp ausgewirkt. Denn in den Augen der Ortsansässigen waren Wilhelm Wellenkmap, seine Frau Berta und seine einzige Tochter Sofia Emilia nichts weiter als Flüchtlinge. Wie viele Angehörige der unterpriviligierten Stände hatte sich das spätere Familienoberhaupt von der kolonialen Begeisterung im Kaiserrreich der Jahrhundertwende anstecken lassen, war Soldat geworden und auf eigenen Wunsch nach Deutsch-Südwest versetzt worden. Wilhelm hatte sich ausgerechnet, dass er um 1902 herum in den pensionsberechtigten Ruhestand gehen könnte, ein Stück Land da unten in Afrika zugeteilt bekäme und mit wenig Arbeit schnell reich werden würde. Tatsächlich musste er bis weit ins Jahr 1904 Dienst schieben, und von eigenem Land in der Kolonie war keine Rede mehr. So ließ er sich zum Abschied vom Barras die Pension in einer Summe auszahlen und erwarb etliche Hektar Land am Rande der namibischen Wüste, nur knapp 160 Kilometer entfernt von Swakopmund. Weil aber kein Geld übrig war, um Arbeiter – und seien es auch nur Eingeborene, die kaum etwas verdienten – zu beschäftigen, nahm er sich bald eine Frau.

Die hieß Viktoria, stammte vom Kap und war das illegitime Ergebnis der Verbindung eines wohlhabenden Buren mit einer jungen Frau, die zur Hälfte Zulublut in sich trug. Zum Glück sah man der jungen Gattin ihre afrikanische Herkunft nicht an. Zudem war sie groß und kräftig und fleißig genug, Wilhelm eine wahre Stütze beim Bewirtschaften seines Landes zu sein.
Allerdings verspürte die Frau wenig Lust, mit dem alten Mann die Ehe zu vollziehen, und der war schlau genug, ihr keine Gewalt anzutun. Im Gegenteil: Wellenkamp,der zum Zeitpunkt der Hochzeit schon 52 Jahre alt war, warb nun ohne Unterlass um Viktoria und machte ihr Geschenke. So ließ sie ihn in einer kühlen Winternacht im Mai 1905 endlich in ihr Bett. Ja, sie fand so viel Gefallen an der Liebe, dass es bald sie war, die ihn in den Nächten bei sich haben wollte. Dann wurde sie schwanger und gebar am 21. April des Jahres 1906 ein Mädchen, dass wenige Tage später auf den Namen Sofia Emilia getauft wurde.

Die Landwirtschaft in der afrikanischen Kolonie war ein mühseliges Geschäft, dass gerade so viel einbrachte, dass die Familie nicht verhungerte. An eine Expansion war nicht zu denken. Statt dessen musste Wilhelm nach und nach fast zwei Drittel seines Landes verkaufen, um die Defizite zu decken, die durch Missernten und andere Katastrophen entstanden. So schlugen sie sich bis 1914 durch. Und waren dann unter den ersten deutschen Familien, die das Land auf Druck der britischen Invasoren verlassen mussten. Mit nicht viel mehr als ihrer Kleidung kamen Wilhelm, Viktoria und die kleine Sofia im Frühjahr 1915 in die Stadt. Dass sie ausgerechnet hier landeten, war nicht mehr als ein Zufall. Zum Glück fand der Vater, nun schon über 60, eine Anstellung als Portier im Hauptgebäude der größten Firma vor Ort. Das brachte ein kleines, aber regelmäßiges Einkommen, und Viktoria verdiente mit Näharbeiten ein wenig dazu.

So wie viele Jahre später die Flüchtlinge aus den ostdeutschen Ländern, die man auch Heimatvertriebene nannte, im Westen, in den sie aus Furcht vor der Rache der roten Armee gegangen waren, nicht willkommen waren, so waren den Menschen in der Stadt auch die Familien suspekt, die mehr oder weniger unfreiwillig als Folge des Weltkrieges aus den Kolonien in die Heimat gekommen waren. Um deren Leben in Afrika oder China rankten sich wilde Gerüchte, von geheimen Schätzen solcher Kolonialisten war die Rede, von allerlei Verbrechen und Blutschande. Die Wellenkmaps konnten froh sein, dass kein Nachbar auf den Gedanken kam, Viktoria könne nicht rassenrein sein. Denn schon in den Tagen, in denen Sofia und Jakob zueinander fanden, galt vielen Deutschen die Verbindungen von Menschen verschiedener ethnischer Zugehörigkeit als etwas, das später Rassenschande genannt wurde.
Unabhängig davon wollten die Leute im Viertel mit der Familien Wellenkamp einfach nichts zu tun haben. Zwar wurde auch getuschelt, aber eigentlich ignorierte man sie. Weil sie arm waren, kamen Wilhelm und Viktoria aber auch kaum in Kontakt mit den Ortsansässigen, die immer schon in der Stadt gelebt hatten oder mindestens in der zweiten Generation hiesigen Bürger waren.

publiziert am 27.12.11 in Völkerwanderung ¦ 782x gelesen ¦ noch kein Kommentar