Thesen (1)

Sieben, acht Sturmböen treiben die Gewitterwolken nach Osten. Robert hat sich für ein Notebook mit großem Display entschieden und einen kompakten Drucker. Mit dem Computer im Rucksack, einem Haufen Kabel und Zubehör sowie einem Paket Papier macht es sich auf den Weg nach Hause, den Printer trägt er im Karton am Henkel. Bei der ehemaligen Tankstelle steht ein zerbeultes Auto auf dem Gehweg. Aus der zusammengrdrückten Motorhaube steigt noch Rauch auf. Ein Mann mit blutigem Kopfverband sitzt auf einem Gartenstuhl beim Kuchenbäcker. Notarzt und Streifenwagen blinken im Takt. Der Straßenbanhnverkehr scheint zusammengebrochen zu sein, kein Zug ist zu sehen an der Kreuzung an der sich Schienen aus allen Richtungen begegnen. Der Himmel ist blank und von aggressivem Blau. Der Hauptkommissar überlegt kurz, ob er noch etwas einzukaufen hat. Ihm fällt nichts ein. Vielleicht bringt Elle ja ein Abendessen mit, wenn sie kommt. Wenn sie denn kommt. Er packt die Geräte auf den großen Esstisch, den sich seine Frau so sehr gewünscht hatte. Platz für zwölf Personen, plus sechs mit den Verlängerungsplatten. Aber so viele Freunde und Verwandte hatten sie damals gar nicht. Er wird die Tafel als Arbeitsfläche nutzen, schiebt das schwere Teil an die Längswand und holt den Drehstuhl, der allein im ehemaligen Arbeitszimmer herumsteht.

Dann fährt er in den Keller. Das Flipchart ist staubig, das Papier darauf gewellt. Er schafft auch das Teil in die Wohnung und säubert es sorgfältig. Er wird jetzt die Thesen für die möglichen Tatverläufe formulieren. Als erstes fertigt er eine Lageskizze vom Platz an. Die reißt er vom Block und legt sie auf den Tisch. Dann schreibt er eine Liste aller beteiligten Personen auf ein Blatt. Auch das legt er ab. Auf dem nächsten Bogen Papier malt er zentral einen Kreis: die Bombar. Er schreibt die Namen der beiden Barkeeper dazu und natürlich den des Inhabers. Jede Person bekommt einen Kreis und wird um das Element in der Mitte herum angeordnet. Robert betrachtet das Diagramm eine Weile. Holt sich eine Flasche Bier aus dem Kühlschrank, setzt sich und meditiert ein wenig. Trinkt das Bier in kleinen, gleichmäßigen Schlucken. Jetzt überpüft er die drei großen Blätter und heftet sie mit Nadeln an die weiße Wand im Wohnraum.

„These 1: Beziehungstat“ schreibt er auf das Flipchart. Jeder passionierte Krimileser weiß ja, dass es nur eine beschränkte Anzahl an Motiven für Tötungsdelikte gibt. Eines der häufigsten ist die enttäuschte Liebe und ihre Vorstufe, die Eifersucht. Und weil die Opfer des Anschlags auf die Bar zwei Frauen sind, denkt Robert, könnte jemand vorgehabt haben, genau diese Damen umzubringen. Da aber Fälle von doppelter Eifersucht selten sind, dürfte nur eine der beiden gemeint gewesen sein. Um an dieser These weiterarbeiten zu können, müsste er wissen, ob und mit wem die beiden Toten durch eine Liebesbeziehung verbunden waren. Möglich wäre natürlich auch, dass der oder die Täter einen der beiden Wirte im Visier hatten, weil einer von denen ihm eine von den Frauen abspenstig gemacht hatte. Der wichtigste Zeuge im Umfeld dieser These, so viel ist ihm klar, dürfte Møre Åkelomme sein, der nominelle Besitzer.

publiziert am 03.12.11 in Völkerwanderung ¦ 823x gelesen ¦ noch kein Kommentar