Aufräumungen

Am Morgen fühlt sich Robert erfrischt. Über Nacht ist ein deutliche Brise aus Nordost aufgekommen, eine ungewöhnliche Wettersituation in der Stadt. Kühl ist der Wind, und er hat die breiige Hitze aus der Stadt geweht. Er steht auf der Terrasse, eine Tasse Kaffee in der Hand. Riecht noch Elle an sich, die fest schläft. Wie meistens hatte sie Recht: Er sollte wieder mit der Erfahrung seiner Berufsjahre arbeiten, mit seiner bewährten Intuition.

Die sagt ihm schon seit dem Zeitpunkt, an dem er die Ermittlungen aufgenommen hat, dass überhaupt nur vier oder fünf Personen, möglicherweise als Täter mit Helfern, in Frage kommen. Einer davon ist der Feuerkünstler Lorenzo Bhy, der nach seinem Geständnis in Untersuchungshaft sitzt. Nur wenn feststünde, dass das Attentat auf das Wohnmobil am Ufer und der Anschlag auf die Bombar miteinander zusammenhängen, wäre der verdächtig. Und dann auch nur als Killer im Auftrag irgendwelcher finsteren Mächte. Natürlich fällt ihm, während er sich von der kühlen Luft beflügeln lässt. Cooka Jones ein. Wenn William Williams die Wahrheit gesagt hat, dann ist der geheimnisvolle Abwesende der Täter. Und die beiden Betreiber der Bar? Die sind spurlos verschwunden, und es gibt Millionen Gründe, warum zwei Gastronomen, die für obskure Hintermänner arbeiten, auf die Idee kommen könnten, ihren Laden in die Luft zu jagen.

Robert ist sich ganz sicher, dass keiner der anderen Wirte und Kleinunternehmer vom Platz als Täter in Frage kommen; weder Ümit, noch Kostas, auch Williams und Kuqi nicht. Nur bei Branko ist er sich nicht ganz sicher, denn dessen tief in der Seele vergrabene Hass auf alles und jeden, der brennende Wunsch, sich für sein im Krieg entgangenes Leben zu rächen, spürt er immer, wenn er mit dem Wirt seiner Stammkneipe auf seine persönliche Verwandlung zu sprechen kommt. „Weißt du“, hat Branko einmal gesagt, „ich bin jetzt deutsch. Und zwar deutscher als deutsch. Viel deutscher als ihr Deutschen je werden könnt. Ein Panzer aus Zivilisation ist so gewachsen. Das ist mein Schutz gegen die Instinkte in mir, die Rache wollen, die töten wollen. Ich habe nicht nur eure Sprache gelernt, ich habe sie studiert, habe eure Schriftsteller gelesen. Bin kein Moslem mehr, sondern offizieller Christ. Gehe sogar ab und an in eine Kirche; mal in eeine katholische, mal in eine evangelische. Hab sogar an Bibelstunden teilgenommen. Neues Testament. Backe hinhalten, und so. Ich habe der Gewalt abgeschworen, und das ist gut so. Besser für euch alle.“

Auch der Örtzel fällt aus der Reihe der Tatverdächtigen. Der könnte ein solches Verbrechen weder planen, noch ausführen. Keiner könnte den grundguten Viertelsdepp zu solch einer Aktion verleiten. Örtzel würde gar nicht verstehen, was so einer von ihm wollte. Bliebe noch Walter Hinz, aus dem Robert noch nicht wirklich schlau geworden ist. Dem er seine Geschichten nicht glaubt, von dem er sich bei jeder Begegnung belogen und genasführt fühlt. Aber könnte ein Mann jenseits des achtzigsten Lebensjahr einen Bombenanschlag wirklich noch in die Tat umsetzen? Dass Hinz boshaft ist, skrupellos und wütend auf die Welt wie sie ist, das steht für Robert fest. Und er nimmt sich vor, an diesem Tag nach Möglichkeit mit Walter Hinz und William Williams zu sprechen. Und Kontakt zum nominellen Besitzer der Bat aufzunehmen, um herauszufinden, wo und abgeblieben sind.

publiziert am 02.01.12 in Völkerwanderung ¦ 761x gelesen ¦ noch kein Kommentar