Møre Åkelomme reloaded

Die Parkbuchten in der stillen Straße, in der Robert wohnt, sind senkrecht zum Bürgersteig angebracht, und die Mehrheit der Autofahrer parkt rückwärts ein. Direkt vor dem Hauseingang sieht er jetzt aber die Motorhaube eines dunkelblauen Phaeton. Er tritt hinaus. Da sitzt einer junger blonder Typ mit schlimmer Sonnenbrille am Volant, neben ihm eine Gestalt, die ihm bekannt vorkommt. Klar, denkt er, das ist doch der Inhaber, dieser Deutschdäne mit dem komischen Namen. Møre Åkelomme steigt aus und winkt ihm zu: „Kommen Sie rein, Herr Hauptkommissar, ich möchte mit Ihnen reden.“ Und hält ihm die hintere Wagentür auf. Der junge Chauffeur ist ausgestiegen und steht rauchend in der Gegend rum. „Das ist schön, dass Sie zu mir kommen, Herr Åkelomme. Mich interessiert eigentlich nur eins: Wissen Sie wo, die Herren Benzani und Nahash sind? Wann haben Sie zuletzt Kontakt mit denen gehabt? Auf welchem Wege?“ Der Däne grinst verlegen: „Fragen über Fragen. Gestatten Sie mir dass ich ein wenig aushole?“

Wartet die Antwort aber gar nicht erst ab, sondern legt los. „Nach unserem letzten Zusammentreffen habe ich tatsächlich Vermisstenanzeigen aufgegeben. Bisher kam aber nichts von der hiesigen Polizei. Nun habe ich noch einmal nach gedacht über die ganze Geschichte. Und möchte ihnen einmal im Zusammenhang erzählen, was es mit Kawa und Asan und den beiden Frauen auf sich hat. Ich hatte ja erwähnt, dass es sich bei der jungen Frau, die beim Brand umgekommen ist, um meine Ex handelte. Die andere war ihre Mutter. Die stammten aus Bulgarien und waren Angehörige der ungarischen Minderheit dort. Sofia, so hieß die Mutter, war mit ihren drei Töchtern schon vor zehn, elf Jahren nach Deutschland gekommen. Nach Neumünster, da bin ich geboren und aufgewachsen, da habe ich immer gelebt. Olga, meine ehemalige Geliebte, war da gerade dreizehn. Ich habe sie kennen gelernt als sie neunzehn geworden war. In einer Bar, die dem Paten der Stadt gehört. Einem Libanesen, genauer: einem Kurden aus dem Libanon mit deutschem Pass. Für den bin ich seit meiner Zulassung als Anwalt tätig. Sagen wir so: Der größte Teil seiner Aktivitäten ist legal. Dann gibt es Investitionen, mit denen er nicht direkt in Verbindung gebracht werden. Außerdem betreibt er Geschäfte, mit denen er Familienangehörige versorgt. Zum Beispiel die Bombar. Da hat er Kawa, also den Herrn Benzani reingesetzt, den Neffen seines Schwagers. Und der hat wiederum seinen alten Kumpel Asan reingeholt. Die haben beide nur libansische Pässe, keine unbefristeten Aufenthaltsgenehmigungen, sind also nicht geschäftsfähig. In Fällen wie diesen hat mich der Herr Loudyi dann als Geschäftsführer eingesetzt.“

Er schwieg als erwarte er eine Frage. Aber Robert blieb auf Empfang. „Kawa ist kein schlechter Kerl. Chaotisch, vielleicht, frech, ja, auch ziemlich faul. Aber der Asan ist ein böser Mensch, ein asoziales Element, der für den eigenen Vorteil jeden in die Pfanne hauen würde. Habe nie verstanden, was Kawa an dem fand. Jedenfalls hatte dieser Asan Nahash wohl vor, ein ganz großer Lude zu werden, Herrscher eines überregionalen Nuttennetzes. Hat sich an Olga und ihre beiden älteren Schwestern rangemacht. Hat Sofia bedroht, hat sie also zur Prostitution gebracht. So nach dem Prinzip ‚Zuckerbrot und Peitsche‘, ganz klassisch. Und weil ich da interveniert habe, hat Loudyi die Jungs in Ihre Stadt geschickt, damit sie die Bar führen und möglichst wenig Unfug treiben. Natürlich hat Asan die Mädchen mitgenommen und hier in seinem Escort-Betrieb laufen lassen. Sofia ist dann auch hierher gezogen. Mir hat das sehr weh getan.“ Møre hielt noch einmal inne und schluckte.

„Aber nach zwei, drei Monaten hatten Sofia und ihre Töchter die Nase voll. Lag auch daran, dass ich da Einfluss genommen habe. Jedenfalls gab es vor vier, fünf Wochen ein Gespräch zwischen ihnen und dem selbsternannten Zuhälter. Sie wollten nicht mehr, sagten sie ihm. Da soll er ausgerastet sein. Wenn Kawa nicht eingegriffen hätte, wäre er sicher gewalttätig geworden. Das berichtete Olga mir. Dann habe er gesagt, dass er sie alle freigeben, wenn sie ihm seine Kosten erstatten. Für 80.000 Euro in bar wäre er bereit, auf seine Ansprüche zu verzichten. Als ich das am Telefon erfuhr, reiste ich sofort hierher. Genau in der Nacht wurde die Bar in die Luft gesprengt. Sofia und Olga sind tot, Kawa und Asan verschwunden. Heute habe ich von ihrem Kollegen im Präsidium erfahren, dass die beiden Schwestern ebenfalls einem Brandanschlag zum Opfer gefallen sind. Sie können sich vorstellen, dass Herr Loudyi, genau wie ich im Übrigen, sehr interessiert daran sind zu erfahren, wer die Attentate verübt hat und was dessen Motive waren. Nun weiß ich auch, dass Sie offiziell nicht mehr am Fall arbeiten. Also möchte mein Auftraggeber ihnen ein Angebot machen. Erfährt er über mich vor der Polizei, wer die Mörder sind, wäre ihm das 100.000 Euro wert.“

Robert sieht den Dänen einigermaßen verwirrt an: „Sie vertun sich. Ich bin nach wie vor Beamter, kein Privatdetektiv. Nur beurlaubt. Quasi für einen Undercover-Einsatz. Das hätte ich Ihnen jetzt gar nicht sagen dürfen. Aber, nein, auf das Angebot kann und werde ich nicht eingehen.“ Er hat den Türgriff schon in der Hand. Da reicht ihm Møre Åkelomme eine Visitenkarte: „Rufen Sie mich einfach an, wenn sich was ergibt.“ Der Hauptkommissar steigt aus. Der Fahrer entert den schweren Phaeton und setzt zurück. Im Wegfahren winkt der Däne Robert zu.

publiziert am 14.01.12 in Völkerwanderung ¦ 769x gelesen ¦ noch kein Kommentar